„Die Digitalisierung reduziert den CO₂-Fußabdruck“

Jan Brecht, Chief Information Officer von Daimler und Mercedes-Benz, will den digitalen Wandel nachhaltig gestalten. Kernelement dabei: die kontinuierliche Reduktion von CO₂. Ein Gespräch über Green IT, den digitalen Arbeitsplatz und die Macht von Passwort-Appellen.

Herr Brecht, heute – am Tag dieses Gesprächs und jährlich am ersten Donnerstag im Mai – ist Welt-Passwort-Tag: Wie viele unterschiedliche Passwörter hat der IT-Chef?

(Lacht.) Zu viele. Das kann ich Ihnen sagen. Aber nicht bei Daimler. Wir haben ja inzwischen tatsächlich fast alle Applikationen mit dem Single-Sign-On hinterlegt, so dass ich nach einmaliger Anmeldung alles nutzen kann. Aber in der Familie und privat kommt doch schon einiges zusammen.

Die Zahlenfolge von eins bis sechs zählt immer noch zu den meist verwendeten Passwörtern in Deutschland. Da scheinen die Appelle der Cybersecurity-Spezialisten nicht durchzudringen. Wie nehmen Sie das Sicherheitsbewusstsein bei den Daimler Mitarbeitern wahr?

Es verbessert sich. Wir haben viel getan beim Thema Schulung und Training und außerdem reichlich kommuniziert, um bewusst zu machen, wie wichtig sichere Passwörter sind. Das haben die Menschen verinnerlicht. Außerdem gibt es inzwischen auch viel technische Unterstützung. Also Passwörter allein mit Zahlenfolge sind bei uns schon aus technischen Gründen nicht möglich.

Neben der Verantwortung für Daten wächst auch die Notwendigkeit, die Nutzung von IT umwelt- und ressourcenschonend zu gestalten. Sie wollen die IT vergrünen. Was hat es damit auf sich?

In einem großen Konzern wie Daimler hat IT einen signifikanten Energieverbrauch. Bei uns sind das über 100 Gigawattstunden pro Jahr. Das entspricht so ungefähr dem Stromverbrauch einer Stadt mit 30.000 Einwohnern. Unser erklärtes Ziel ist es, diesen Energieverbrauch und vor allem den damit verbundenen CO₂-Ausstoß deutlich zu reduzieren.

Bis 2025 wollen Sie die IT CO₂-neutral aufstellen. Wie soll das gelingen?

Der Löwenanteil des Energieverbrauchs kommt aus unseren Rechenzentren. Die brauchen Energie für die Rechenleistung. Viel mehr Energie benötigen wir aber, um die Rechner zu kühlen. Deshalb transformieren wir unsere Rechenzentren. Dazu gehört einerseits, dass wir Rechenzentren zusammenlegen, denn große moderne Data Center haben eine deutlich bessere Energieeffizienz, als kleine, die überall verteilt sind. Das machen wir zusammen mit unserem Partner Infosys. Außerdem verlagern wir unseren Hochleistungs-Rechencluster, High-Performance-Computing nennen wir das, in den äußersten Norden von Europa. Zum einen ist es da kalt, das heißt wir müssen weniger kühlen. Zum anderen ist die Energie, die wir benötigen, dort auch wirklich grün, sei es aus Wind- oder Wasserkraft. In vier Jahren wollen wir dann klimaneutral sein.

Also bleibt dann tatsächlich kein CO₂ mehr übrig?

Wir senken unseren Energieverbrauch durch die genannten Maßnahmen der Konsolidierung und Verlagerung massiv, wir gehen da von bis zu 60% aus.

Das, was wir an Energie dann noch benötigen, soll durch grünen Strom bereitgestellt werden. Wir gehen davon aus, dass wir mit diesen beiden Maßnahmen über 80 Prozent, wahrscheinlich sogar über 85 Prozent der Reduktion erreichen. Den unvermeidbaren Rest werden wir dann durch hochwertige CO₂-Minderungszertifikate ausgleichen.

Auch der digitale Arbeitsplatz kann zu mehr Nachhaltigkeit beitragen. Für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in den Verwaltungsbereichen ist er durch die Pandemie schneller Alltag geworden, als geahnt. Hat uns diese Ausnahmesituation einen Schub gegeben?

Unbedingt. Das hat ja mehrere Facetten. Zum einen hat es uns technisch einen Schub gegeben. Das ging aber sehr schnell. Innerhalb von drei Tagen hatten wir 120.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter technisch angebunden. Was deutlich länger gedauert hat, war die Einstellung auf das digitale Arbeiten. Bis sich die Menschen daran gewöhnt hatten, ist mehr Zeit vergangen. Wir sehen ja aber, dass Produktivität und Entscheidungsgeschwindigkeit zugenommen haben. Auch die nicht angetretenen Arbeitswege haben dazu ihr Übriges getan – nicht zuletzt auch in Sachen CO₂-Fußabdruck.

Und das Homeoffice hat auch der Idee des papierlosen Büros neuen Schwung verliehen?

Absolut. Seit Jahren gibt es ja schon Bestrebungen, den Papierverbrauch zu reduzieren beim Drucken. Da hat das Homeoffice geholfen, weil die Leute zu Hause tendenziell deutlich weniger drucken und merken, dass man mit deutlich weniger Ausdrucken tatsächlich auch gut klarkommt. Aber auch Kleinigkeiten, wie den Rechner abends auch tatsächlich abzuschalten, helfen natürlich. Nicht unbedingt signifikant beim individuellen Rechner, aber wir haben ca. 230.000 PCs in diesem Unternehmen. Wenn Sie den Energieverbrauch hier hochrechnen, dann macht es schon was aus.

Also in der Hinsicht: Eine Win-Win-Situation für uns?

Jein. Ein Unternehmen hat auch eine soziale Aufgabe. Und ich freue mich sehr darauf, wieder mehr Kolleginnen und Kollegen im Büro zu treffen.

Wir haben uns auf den Weg gemacht, eine Tech-Company zu werden. Welchen Einfluss hat die zunehmende Digitalisierung auf unseren CO₂-Fußabdruck als Unternehmen?

Insgesamt wird sie den CO₂-Fußabdruck reduzieren, wobei es natürlich auch gegenläufige Effekte gibt. Das Mehr an Energie in den Rechenzentren habe ich angesprochen. Von daher steigt auf der einen Seite der Energieverbrauch durch die zunehmende Digitalisierung. Auf der anderen Seite wird er natürlich aber auch dramatisch gesenkt, weil man Ressourcen schont. Sei es, indem man nicht mehr um den Globus fliegt, sondern sich in eine Videokonferenz setzt. Sei es, indem man zum Beispiel bei Simulationen in der Entwicklung keine Prototypen mehr bauen muss – die ja sehr viel Ressourcen benötigen – sondern das Ganze digital simulieren kann. Von daher gibt’s beide Effekte: Absenkung, aber eben auch gegenläufig höherer Stromverbrauch. Die Absenkung des CO₂-Fußabdrucks überwiegt aber bei Weitem.

Keine halben Sachen...

Papier verwende ich…
„...um mit Bleistift darauf zu skizzieren, das fühlt sich immer noch gut an.“

Die IT der Zukunft wird…
„...deutlich zur Ressourcenschonung beitragen.“

Zuletzt habe ich mich offensiv mit Nachhaltigkeit auseinandergesetzt, als…
„...ich vor Kurzem einen Feinstaubsensor mit meinen Söhnen gebaut habe.“

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