„Was wir hier tun, soll bei den Menschen vor Ort ankommen“

Privates und Berufliches trennen? Für Marc-André Bürgel kaum denkbar. Das Thema Menschenrechte beschäftigt ihn bereits seit vielen Jahren. Als Jugendlicher debattierte er mit Familie und Freunden über Wirtschaft, Politik und Verantwortung. Als junger Erwachsener konnte er in einem Township in Südafrika erleben, wie wichtig soziale Gerechtigkeit ist. Heute setzt er sich bei Daimler für die Achtung der Menschenrechte ein. Im Interview erzählt Marc-André Bürgel, wie Daimler als Unternehmen Verantwortung übernimmt, wo die größten Herausforderungen liegen und warum er schon lange für das Thema Menschenrechte brennt.

Sie kümmern sich beruflich um das Thema „Social Compliance“: Was heißt das genau?

Es ist unser Anspruch, dass bestimmte Regeln und Standards im Bereich Menschenrechte nicht nur in unseren Werken, sondern bestmöglich auch in unseren Lieferketten geachtet und gewahrt werden. Dafür entwickeln wir die notwendigen Prozesse und Maßnahmen. Konkret bedeutet das: Wir nehmen die Anforderungen, die zum Beispiel die UN im Bereich Menschenrechte vorgibt, und setzen diese mit Hilfe unseres Human Rights Respect Systems, mit dem wir potentielle Menschenrechtsverletzungen in unseren Lieferketten systematisch angehen, um.

Wie funktioniert dieses Human Rights Respect System?

Wir wollen Menschenrechtsverletzungen in unserem Einflussbereich so gut es geht vermeiden. Das heißt vor allem, dass wir negative Menschenrechtsauswirkungen in Risikogebieten frühzeitig erkennen und darauf angemessen reagieren müssen. Dafür gehen wir in vier Schritten vor.

Zunächst identifizieren wir die Risiken, also schauen beispielsweise: Woher kommen bestimmte Rohstoffe? Kommen in diesen Ländern Menschenrechtsverletzungen vor? Und wenn ja, welche Menschenrechte sind besonders gefährdet? Anschließend definieren wir Maßnahmen, um solchen Verstößen entgegenzuwirken – und setzen sie um. Als nächstes schauen wir, ob diese Maßnahmen die gewünschte Wirkung bringen. Im abschließenden Reporting geht es um eine offene und transparente Kommunikation, das heißt, wir berichten, wo wir stehen und wo die nächsten Herausforderungen liegen. Dabei arbeiten wir auch mit internationalen und lokalen Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) zusammen. Wichtig ist: Das Human Rights Respect System zielt nicht nur darauf ab, die Risiken für das Unternehmen zu reduzieren, sondern es dient insbesondere dem Schutz Dritter, den sogenannten Rechteinhabern. Dazu zählen beispielsweise die Einwohner im Umfeld der Rohstoff-Abbaugebiete, etwa im Kongo oder in Südamerika.

Wo sehen Sie generell die größten Herausforderungen?

Große Herausforderungen liegen dort, wo unser Einfluss und unsere Kontrolle am kleinsten sind – in den tieferen Lieferketten, also bei Sub-Lieferanten, zu denen wir keine vertragliche Beziehung haben und auf die wir daher auch keinen unmittelbaren Einfluss nehmen können. Dazu kommt: unsere globalen Wertschöpfungsketten sind extrem komplex und nicht statisch - sie entwickeln sich sehr dynamisch. Das macht es nicht immer einfach, die menschenrechtlichen Risiken hier zu identifizieren und anzugehen. Wir begegnen dieser Herausforderung mit unterschiedlichen Maßnahmen, darunter auch risikobasierten Audits. Außerdem prüfen wir regelmäßig, ob sich neue Risiken für die Achtung der Menschenrechte ergeben haben. Das ist eine Daueraufgabe.

Eine weitere Herausforderung sind technologische Entwicklungen, wie zum Beispiel die Frage, inwiefern sich die Materialzusammensetzung von Batterien oder der Einsatz von recycelten Rohstoffen verändern wird. Mit dem Ausbau der E-Mobilität erhalten diese Entwicklungen natürlich noch deutlich mehr Relevanz. Ersetzen wir langfristig bestimmte Rohstoffe wie zum Beispiel Kobalt, kann das Risiken reduzieren. Wir wären dann auf einen Abbau dieser Rohstoffe weniger angewiesen. Das müssen wir immer im Blick behalten.

Können wir als Unternehmen so agieren, dass wir vor Ort in „kritischen“ Ländern positive Effekte mitbeeinflussen können?

Unser Einfluss als einzelnes Unternehmen hat natürlich Grenzen. Aber wir wollen mit gutem Beispiel vorangehen und tun das auch. Natürlich hoffen wir, dass andere Unternehmen – gerade vor Ort in Risikoländern – mitmachen und mit uns zusammenarbeiten. Es gibt zum Beispiel eine Reihe von Rohstoffinitiativen, wo wir zusätzlich zu unseren eigenen Maßnahmen mit weiteren Unternehmen zusammenarbeiten und so unsere Wirkung verstärken. Denn wichtig ist neben der Einhaltung von Standards und der Minimierung von Risiken für das Unternehmen auch die Wirksamkeit vor Ort. Das geht langfristig nur mit Bildung und dem Schaffen alternativer Lebensgrundlagen für die Menschen in diesen Ländern. Das erfordert das Engagement vieler Akteure – natürlich auch der Politik.

Marc-André Bürgel: „Für mich ist es bereichernd, aktiv für eine Verbesserung arbeiten zu können.“

Aber wie definieren wir, was in Bezug auf Menschenrechte „richtig“ ist?

Wir definieren nicht selbst, was richtig ist. Vielmehr stützen wir uns auf international anerkannte Standards, wie die UN Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte, die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation oder die OECD-Richtlinien für multinationale Unternehmen. Sie geben uns Orientierung, wie man internationale Menschenrechte in Unternehmen umsetzt. Diese „Standardwerke“ bieten natürlich eine sehr breite Grundlage, die wir für uns übersetzen müssen. Das heißt, wir setzen Schwerpunkte, auf die wir in unserer Branche besonders achten müssen und auf die wir Einfluss nehmen können.

Und welchen Einfluss haben globale Menschenrechtsorganisationen auf unsere Aktivitäten?

Einen sehr bedeutenden! Nichtregierungsorganisationen sind ja sozusagen die Vertreter der Inhaber von Menschenrechten. Wir hören diesen Organisationen zu, sind ständig in Kontakt. Einmal im Jahr, zu unserem Sustainability Dialogue, erarbeiten wir im Rahmen von speziellen Workshops mit teilnehmenden NGO-Vertretern Lösungen für aktuelle Herausforderungen. Wir wollen Transparenz schaffen, uns selbst immer wieder auf den Prüfstand stellen. Ich empfinde den Austausch als sehr gewinnbringend, da wird viel konstruktiv diskutiert. Es ist wichtig, dass wir uns gegenseitig vertrauen und es ernst meinen – auf beiden Seiten.

Wie sind Sie zu dem Thema Menschenrechte gekommen?

Schon ganz früh habe ich stundenlang mit meinen Eltern über Politik und Gerechtigkeitsfragen diskutiert. Seitdem hat mich das Thema nicht mehr losgelassen: Während meines Studiums habe ich mich tagsüber wissenschaftlich mit Wirtschaft, Philosophie und Unternehmensverantwortung beschäftigt – und am Abend mit meinen Kommilitonen weiter diskutiert. Irgendwie war ich immer von Menschen umgeben, denen das Thema ebenfalls am Herzen lag oder mit denen man hervorragend darüber diskutieren konnte. Manchmal ist es belastend, die Risiken und Probleme nicht auf Knopfdruck lösen zu können. Aber für mich ist es bereichernd, aktiv für eine Verbesserung arbeiten zu können. Denn am Ende soll das, was wir hier tun, auch bei den Menschen vor Ort ankommen.

Engagieren Sie sich auch privat für das Thema?

Während meines Studiums war ich für ein Auslandssemester in Südafrika. Dort hatte ich auch die Gelegenheit Einblicke in ein soziales Projekt in einem der Townships zu erhalten. Wenn man sieht, wie die Menschen dort leben, rückt das einiges ins rechte Licht. Die Erfahrungen, die ich dort sammeln durfte, haben mich mitgeprägt. Ich könnte mir gut vorstellen, für eine gewisse Zeit noch einmal eine Organisation direkt vor Ort zu unterstützen – mit den Menschen dort zusammenarbeiten, etwas aufbauen, so richtig mit anpacken.

Keine halben Sachen...

Menschenrechte sind…
"… eine große Errungenschaft der Menschheitsgeschichte. Keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Ideal, an dem wir ständig arbeiten müssen."

Es macht mich stolz, dass…
"… ich für ein Unternehmen arbeite, das seine Verantwortung bei diesem Thema annimmt und sich aktiv dafür einsetzt, dass Menschenrechte geachtet werden."

Menschenrechte und Nachhaltigkeit gehören zusammen, weil…
"… Nachhaltigkeit für uns bedeutet, die Auswirkungen unseres Handelns im Blick zu behalten – nicht nur ökologisch, sondern auch sozial."

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