„Wir wollen immer zwei Schritte voraus sein“

Beim Thema Verkehrssicherheit arbeitet Daimler an einem übergreifenden Ziel: Dem unfallfreien Fahren. Jemand, der seit Jahren für die erfolgreiche Entwicklung von modernen Assistenzsystemen sorgt, ist Dr. Michael Hafner. Wir sprachen mit dem Leiter Automatisiertes Fahren, über Fahrspaß, seine persönliche Motivation und den Zusammenhang von Sicherheit und Nachhaltigkeit.

Herr Dr. Hafner, Sie leiten den Bereich „Fahrtechnologien und Automatisiertes Fahren“ schon seit 2014. Provokant gefragt: Wollen Sie nicht auch einmal etwas Anderes machen?

Ich antworte mit einer Gegenfrage: Kann es überhaupt eine schönere Aufgabe geben? Tatsächlich hatte ich in der Vergangenheit immer wieder die Chance, etwas Anderes zu machen, denn mein Aufgabenfeld hat sich ständig weiterentwickelt. Das Thema „Autonomes Fahren“ ist extrem komplex und unglaublich vielschichtig: in technischer, gesellschaftlicher, gesetzlicher, ethischer Hinsicht. Ich arbeite nach dem Credo: Solange mich die Aufgabe herausfordert – und das tut sie nach wie vor – und solange mir die Ideen nicht ausgehen, kann und will ich in meinem Job etwas bewegen.

Wie hat sich das Automatisierte Fahren in den letzten Jahren weiterentwickelt?

Grundsätzlich bauen viele der aktuellen Assistenzsysteme auf früheren Entwicklungen wie ABS und ESP auf. Inzwischen hat sich das natürlich signifikant weiterentwickelt. Heute bremsen unsere Autos automatisiert, sie unterstützen uns beim Lenken und reagieren in Gefahrensituationen aufmerksam. Wir haben beim Thema Fahrsicherheit ein ganz neues Level erreicht.

Und was wollen Sie noch erreichen?

Im Bereich Sicherheit ist unsere Vision klar: Unfallfreies Fahren. Unser Ziel ist es, keine Unfälle mehr im Straßenverkehr zu haben. Es ist bewusst auch eine Vision, aber es motiviert uns unglaublich und spornt uns an, uns diesem Ziel konsequent zu nähern. Wir analysieren Unfallstatistiken sehr genau und sehen, dass die Ursachen für Unfälle sehr, sehr vielfältig sind. Das bedeutet umgekehrt, dass für jede einzelne Unfallursache natürlich auch die Vielfalt der potenziellen Lösungen zur Unfallvermeidung groß ist. Daran arbeiten wir täglich und wir sind auf einem guten Weg.

Was ist mit Alleinstellungsmerkmalen, sogenannten USPs, die technologischen Vorsprung demonstrieren? Verfolgen Sie die auch?

Es gibt nur sehr wenige Technologien, die auf Dauer einen USP darstellen können. Das lässt sich am Beispiel des ESP gut erklären: Wir waren der Erfinder des ESP. Gut 20 Jahre später ist es in jedem Auto gesetzlich vorgeschrieben. Eine Zeit lang war es also einer unserer USPs, heute ist es ein wertvoller Beitrag zu mehr Sicherheit in jedem Automobil. Beim Automatisierten Fahren wird es ähnlich sein. Das Wichtigste ist, dass uns immer wieder neue, pfiffige Ideen einfallen. Zum Glück haben wir ein sehr kreatives und tolles Team, dem das nach wie vor gut gelingt. So wollen wir innerhalb dieser komplexen Systeme immer ein, zwei Schritte voraus sein und dadurch generieren wir – zumindest vorübergehend - USPs.

Beim Autonomen Fahren denkt man automatisch an Testfahrzeuge auf weitläufigen Wüsten-Highways. Wie trägt Automatisiertes Fahren denn im innerstädtischen Bereich zu mehr Verkehrssicherheit bei?

Unsere Sicherheitssysteme funktionieren neben den Autobahnen grundsätzlich auch in städtischen Umgebungen. Wir legen sehr großen Wert darauf, dass unsere Systeme daraufhin ausgerichtet sind, dass sie dort wirken, wo auch das Unfallgeschehen am größten ist. Tatsächlich sind die städtischen Szenarien sogar ein Schwerpunkt unserer Arbeit. Mit der neuen S-Klasse führen wir auch automatisierte Bremsassistenzfunktionen ein, die bewusst auf Gefahrensituationen mit Fahrradfahrern ausgelegt sind. Das System kann beim Abbiegen, oder auch wenn ein Radfahrer vor dem Fahrzeug in die Spur einschert, automatische Notbremsmanöver einleiten. Es geht darum, reales Unfallgeschehen – besonders auch in Städten – weiter zu reduzieren.

Sobald andere Verkehrsteilnehmer wie Radfahrer oder Fußgänger beteiligt sind, entstehen immer wieder Diskussionen über ethische und sicherheitsrelevante Konflikte. Wann werden die gelöst sein?

In den meisten Ländern dieser Welt, und Deutschland gehört dazu, sind bewusste Entscheidungen, die zwischen verschiedenen Leben abwägen, gesetzlich verboten. Eine solche Frage stellt sich schlicht nicht. Und damit haben wir eine klare Vorgehensweise. Es geht nicht darum, für oder gegen Menschenleben zu entscheiden, sondern darum, einen Unfall entweder ganz zu vermeiden oder – wenn er nicht vermeidbar ist – die Unfallschwere auf das Minimum zu reduzieren.

Jetzt aber mal ehrlich: Bleibt beim Autonomem Fahren der Fahrspaß nicht auf der Strecke?

Sie werden es nicht glauben, diese Frage höre ich oft (lacht). Ich antworte dann zunächst, dass unsere Systeme ja ein- und ausschaltbar sind. Der Kunde hat also die Hoheit und das letzte Wort, inwieweit die Systeme aktiviert sind oder nicht. Es ist also keine Bevormundung. Der Fahrer entscheidet über Fahrspaß und Unterstützung. In Situationen wie Staus oder langen Fahrten, wo mit der Zeit die Konzentration verloren geht, da ist es dann eine große Hilfe und ein Plus an Sicherheit, dass die Systeme verfügbar sind.

Fahren Sie lieber selbst oder per Autopilot?

Beides, ganz klar! Ich fahre sehr gern Auto. Ich habe auch meinen Spaß dabei. Es gibt Situationen, in denen ich dann bewusst ohne aktivierte Systeme unterwegs bin. Aber es gibt mindestens genauso viele Situationen bei denen ich die Unterstützung sehr schätze und auch gern nutze.

Unfallfreies Fahren – diese Vision ist Teil unserer nachhaltigen Geschäftsstrategie. Wie passen Nachhaltigkeit und Verkehrssicherheit zusammen?

Für mich passt das perfekt zusammen. Ein Verkehr, der nicht sicher ist, kann für mich per Definition nicht nachhaltig sein. Mit einer hohen Verkehrssicherheit leisten wir einen ganz wichtigen Beitrag zu nachhaltiger Mobilität. Außerdem sind unsere Fahrzeuge vorausschauend. Das Auto mit Sensoren sieht die Umgebung in Summe besser als der Mensch und kann somit in vielen Situationen weitsichtiger agieren. Vorausschauendes Fahren ist ressourcenschonend und trägt zum Klimaschutz bei. Wir leisten also auch an dieser Stelle einen wertvollen Beitrag.

Keine halben Sachen...

Ich glaube, dass mit automatisiertem Fahren der Führerschein in 20 Jahren...
„...weniger häufig in Flensburg liegt.“

Der größte Meilenstein beim Thema Verkehrssicherheit ist für mich...
„...die Entwicklung von ABS und ESP als die „Mütter“ der Assistenzsysteme, auf denen auch heute noch viele unserer Funktionen basieren und aufbauen.“

Wenn Sie nicht bei Daimler arbeiten würden, dann wären Sie bei...
„…einer Uni, bei der ich forschen und lehren würde, damit ich Studentinnen und Studenten auf die Herausforderungen von übermorgen vorbereite.“

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