„Unser Ziel ist eine grüne Stahllieferkette!“

Wer Autos baut, kommt an einem Werkstoff nicht vorbei: Stahl. Dessen Herstellung ist jedoch mit hohen CO₂-Emissionen verbunden. Diese vor allem in der Lieferkette anfallenden Emissionen langfristig zu reduzieren, ist ein zentrales Ziel von Rasmus Tröster und seinen Kolleg*innen aus dem Mercedes-Benz Einkauf. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie die nachhaltige Beschaffung von Stahl gelingen kann, welche Rolle unsere direkten Lieferanten dabei spielen und welche Erfolge bereits erzielt wurden.

Herr Tröster, warum ist Nachhaltigkeit im Einkauf ein so wichtiges Thema?

Weil gerade die Lieferkette einen erheblichen Teil unserer Wertschöpfung darstellt. Deshalb liegt hier auch ein entsprechend großer Stellhebel für Veränderungen. Das lässt sich gut am Beispiel CO₂ zeigen. Ein großer Teil der Emissionen entfällt auf die Lieferkette – mitsamt dem vorgelagerten Abbau und der Verarbeitung von Rohstoffen. Um die Emissionen, die mit unseren Produkten verbunden sind, insgesamt zu senken – und um diese CO₂-neutral zu machen, wie wir es mit der Ambition2039 anstreben – müssen wir also bereits in der Lieferkette ansetzen.

Womit beschäftigen Sie sich genau?

Im Bereich Einkauf und Lieferantenqualität arbeite ich schwerpunktmäßig daran, das Thema CO₂-Emissionen in unserer Lieferkette zu adressieren. Dazu gehört, dass ich unsere Lieferanten hierfür sensibilisiere und wir gemeinsam Stellhebel für die konsequente Reduzierung von CO₂ suchen.

Meine heutigen Aufgaben passen gut zu meinem Werdegang: Ich habe mich schon im Studium und auch im Zuge meiner Doktorarbeit fachlich mit dem Thema „Nachhaltigkeit“ auseinandergesetzt.

Sie beschäftigen sich auch mit Nachhaltigkeit in der Stahllieferkette. Warum ist das wichtig?

Wenn man bedenkt, dass Stahl bei vielen Fahrzeugen der anteilig am meisten verwendete Werkstoff ist, wird schnell klar, warum die Nachhaltigkeitsaspekte für uns ein wichtiges Thema sind. Allen Arten von Stahl ist die energieintensive Herstellung gemein. Dies betrifft die vor- und nachgelagerten Prozessschritte, wie zum Beispiel die Veredelung, aber insbesondere die Produktion des eigentlichen Stahls in den Stahlwerken. Hier fällt der größte Teil der CO₂-Emissionen an – bei der klassischen Hochofenroute sind dies bei der Herstellung von einer Tonne Stahl beispielsweise im Schnitt mehr als zwei Tonnen CO₂. Deshalb steht CO₂, neben den Themen Menschenrechte und Ressourcenschonung, auch wenn es um Stahl geht für uns im Mittelpunkt. Aufgrund der Bedeutung und Komplexität des Themas haben wir bei Mercedes-Benz eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe zusammen mit den operativen Einkäufern, den Verantwortlichen aus Rohbauentwicklung und Werkstofftechnik sowie dem Konzernumweltschutz für die nachhaltige Stahlbeschaffung etabliert. Dies erlaubt es uns, unterschiedliche Aspekte gebündelt zu adressieren.

Woran arbeiten Sie konkret?

Wir beschäftigen uns zum Beispiel damit, einheitliche Daten über die CO₂-Emissionen von unseren Lieferanten zu bekommen. Dies ist sehr wichtig für uns, um Vergleichbarkeit herzustellen. Zwar gibt es international anerkannte Rahmenwerke, allerdings gibt es auch hier Spielräume. Aus diesem Grund haben wir für unsere Lieferanten einheitliche Vorgaben zur Bilanzierung von CO₂-Emissionen entwickelt. Grundsätzlich haben wir Vertragsbeziehungen nur zu unseren direkten Lieferanten. Zentral ist für uns entsprechend die Frage, wie wir es schaffen können, dass unsere Anforderungen auch in der vorgelagerten Lieferkette beachtet werden.

„Grundsätzlich verfolgen wir im Rahmen der Ambition 2039 gemeinsam mit all unseren Stahllieferanten das Ziel einer grünen Stahllieferkette.“

Und: Wie können wir?

Bestimmte Fokusumfänge gehen wir auf dem Weg zur CO₂-Neutralität mit besonderem Nachdruck an. Dabei handelt es sich um Materialien und Komponenten, die in der Herstellung und Verarbeitung besonders CO₂-intensiv sind, wie z.B. Batteriezellen, Kunststoffe, Aluminium und Stahl.

Unser wichtigstes Ziel ist, dafür zu sorgen, dass unsere Lieferanten unsere Anforderungen bezüglich der CO₂-Reduzierungen erfüllen und diese auch an ihre Sub-Lieferanten weitergeben. In unserem Arbeitskreis haben wir deshalb Vorgaben entwickelt, mit denen über unsere direkten Lieferanten hinaus die vorgelagerten Prozessstufen adressiert werden. Denn wir wollen, dass unsere Lieferkette unserem Anspruch der Klimaneutralität folgt. Aus diesem Grund lassen wir zu Vergaben nur Lieferanten zu, die uns schriftlich bestätigt haben, uns ab spätestens 2039 mit CO₂-neutralen Produkten zu beliefern. Das heißt, dass CO₂-Neutralität in allen Wertschöpfungsstufen gewährleistet sein muss. Dies geschieht über einen sogenannten „Ambition Letter“. Erst wenn dieser unterschrieben ist, haben die Lieferanten die Chance, für den Auftrag ausgewählt zu werden. So schaffen wir eine gute Grundlage, um tatsächliche Reduktionen bei unseren direkten Lieferanten und in der Lieferkette anzustoßen. Bereits heute haben Lieferanten, die für fast 90% des Jährlichen Einkaufsvolumens von Mercedes-Benz stehen, einen Ambition Letter unterzeichnet und damit zugestimmt, uns künftig nur noch mit CO₂-neutralen Produkten zu beliefern. Darunter befinden sich auch wichtige Stahllieferanten.

Welche Meilensteine haben wir auf dem Weg zu nachhaltigem Stahl denn heute schon erreicht?

(lacht) Wieviel Zeit habe ich denn für die Antwort? Da gibt es einige!

Grundsätzlich verfolgen wir im Rahmen der Ambition 2039 gemeinsam mit all unseren Stahllieferanten das Ziel einer grünen Stahllieferkette. Dabei setzen wir bewusst auf die Vermeidung und Reduktion von CO₂-Emissionen und nicht auf deren Kompensation. Und gerade bei der Reduktion der CO₂-Emissionen in unserer Stahllieferkette haben wir heute schon deutliche Fortschritte erzielt. Beispielsweise beziehen wir bereits seit 2020 von unserem US-amerikanischen Stahllieferanten Big River Steel Stahl, bei dessen Herstellung die CO₂-Emissionen über den Einsatz von recyceltem Stahlschrott und erneuerbaren Energien um mehr als 70 % im Vergleich zur klassischen Hochofenroute reduziert wurden. Hierfür wurde Big River Steel kürzlich übrigens mit dem Daimler Sustainability Recognition 2021 ausgezeichnet. Und seit diesem Jahr beziehen wir Flachstahl von der Salzgitter AG, der zu 100% aus recyceltem Stahlschrott besteht, womit die CO₂-Emissionen des Stahls um mehr als 60 Prozent reduziert werden konnten.

Und wie sieht es mit CO₂-freiem Stahl aus?

Auch da sind wir bereits dran und haben hier erst vor kurzem zwei wirklich spannende Partnerschaften begonnen. Hier geht es darum, zukünftig Stahl zu beziehen, der durch die Herstellung mit Wasserstoff statt Kokskohle nahezu komplett CO₂-frei sein wird.

Zum einen haben wir uns als erster Pkw-Hersteller an dem schwedischen Start-up H2 Green Steel (H2GS) beteiligt. Über diese Beteiligung fördern wir zum einen die Transformation der Stahlbranche insgesamt und bringen zum anderen ab 2025 grünen Stahl in verschiedenen Fahrzeugmodellen auf den Markt. Zum anderen haben wir mit dem schwedischen Stahlhersteller SSAB eine Partnerschaft für Stahl gestartet, dessen Erzeugung durch den Einsatz von Wasserstoff und 100 % fossilfreiem Strom nahezu CO₂-frei sein wird. Gemeinsam stellen wir damit die Weichen, um grünen Stahl so schnell wie möglich in unsere Serienfahrzeuge zu bringen. Erste Prototypenteile für Rohbauumfänge aus CO₂-freiem Stahl aus der Pilotanlage von SSAB befinden sich bereits für kommendes Jahr in der Planung.

All diese Fortschritte setzen die vertrauens- und verantwortungsvolle Partnerschaft mit unseren Lieferanten voraus. Für langfristige Veränderungen ist jedoch ebenso die Entwicklung branchenweiter Nachhaltigkeitsstandards notwendig. Denn an diesen können sich Unternehmen bei der Reduktion ihrer CO₂-Emissionen und bei der nachhaltigen Produktion von Materialien konkret orientieren. Aus diesem Grund setzen wir uns in Initiativen ein, die solche Nachhaltigkeitsstandards entwickeln.

Eine solche Initiative ist die „Responsible Steel Initiative“. Welche Ziele verfolgen wir damit?

Die Responsible Steel Initiative entwickelt aktuell einen Nachhaltigkeitsstandard für Stahlwerke und die Stahl-Lieferkette mit dem Ziel, eine umweltfreundliche und sozialverträgliche Stahlherstellung entlang der ganzen Wertschöpfungskette sicherzustellen. Wie viele andere Stakeholder, etwa Nichtregierungsorganisationen, Umweltverbände, aber auch Betreiber von Stahlwerken, bringen wir uns und unsere Erfahrungen und Anforderungen aktiv in den Erarbeitungsprozess mit ein. Für uns ist zum Beispiel wichtig, dass der Standard dann auch tatsächlich anwendbar und so konkret wie möglich ist. Mit so vielen Akteuren ist das natürlich ein aufwendiger Prozess. Aber einer, der sich lohnt. Denn Standards, die im Rahmen eines solchen „Multi-Stakeholder-Ansatzes“ entwickelt werden, haben perspektivisch die besten Chancen, sich auch in der späteren Anwendung durchzusetzen, da sie die größte Akzeptanz erfahren.

Keine halben Sachen...

In Zukunft wird Nachhaltigkeit im Einkauf…
"eine noch viel entscheidendere Rolle spielen."

Ich bin von meiner Arbeit überzeugt, weil…
"mich das Thema persönlich total interessiert und ich das Gefühl habe, dass das im Konzern einen immer höheren Stellenwert einnimmt."

Privat bedeutet nachhaltig leben für mich…
"auch mal auf Dinge zu verzichten, die nicht unbedingt notwendig sind."

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