„Wenn ich zehnmal falle, kann ich elfmal aufstehen“

Für sein ehrenamtliches Engagement wurde unser Kollege Tsegaye Degineh von der Bundesrepublik Deutschland mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Es ist die höchste Anerkennung, die die Bundesrepublik für Verdienste um das Gemeinwohl ausspricht. Tsegaye Degineh ist seit mehr als 30 Jahren ehrenamtlich aktiv. Die Schwerpunkte seines Einsatzes liegen in den Sportarten Judo und Ju-Jitsu, in der humanitären Hilfe für sein Geburtsland Äthiopien sowie in der Integration von Menschen in Deutschland. Im Mercedes-Benz Vertrieb Deutschland ist er Diversity-Beauftragter und zuständig für Nachhaltigkeit.

Herzlichen Glückwunsch zum Bundesverdienstkreuz, Herr Dr. Degineh. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von der Auszeichnung erfahren haben?

Das hätte ich nie gedacht, dass ich mit so einer großen Auszeichnung vom deutschen Bundespräsidenten geehrt werde. Ich wurde per Brief benachrichtigt und habe mich nach dem ersten Lesen vergewissert, ob das Schreiben tatsächlich an mich adressiert ist. Natürlich war ich überwältigt. Ich teile diese Ehre mit meiner Familie, vor allem mit meiner Frau Annett, die immer hinter mir steht.

Tsegaye Degineh mit der äthiopischen Botschafterin in Berlin, Mulu Solomon, seiner Familie und Sportstaatssekretär Aleksander Dzembritzki, der das Bundesverdienstkreuz im Auftrag des Bundespräsidenten überreichte (von links).

Mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurden Sie für die Vermittlung von Werten durch den Sport und für den Wissenstransfer zwischen Deutschland und Äthiopien. Können Sie das näher beschreiben?

Vor über 14 Jahren habe ich Judo und Ju-Jitsu nach Äthiopien gebracht und dort den nationalen Verband aufgebaut. Seit einiger Zeit bin ich Vizepräsident des afrikanischen Ju-Jitsu-Verbandes und Mitglied der Ethikkommission im Welt-Ju-Jitsu-Verband. Über den Sport vermittle ich Kindern und Jugendlichen in Äthiopien, dass man im Leben vieles lernen und erreichen kann. Auf der Matte entwickeln sie Werte, die sie als gute Bürgerinnen und Bürger im Leben – auch bei Konflikten - anwenden können: Disziplin, Loyalität, Höflichkeit, Demut und Mut.

Und was hat es mit dem Wissenstransfer auf sich?

Bevor ich zu Daimler kam, war ich wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt Universität in Berlin. Nach meiner Promotion habe ich ein Buch über Projektmanagement in meiner Muttersprache Amharisch verfasst, damit es die Menschen in Äthiopien verstehen. Mein Buch gilt dort nun seit Jahren als Standardwerk. Wenn ich in Äthiopien Urlaub mache, gebe ich jedes Mal ehrenamtlich Seminare zum Thema Projektmanagement oder zum Thema Arbeitskultur. Solche Seminare habe ich auch hier in Berlin lange Jahre als ehrenamtlicher Referent an der Technischen Universität für internationale Studentinnen und Studenten gehalten.

Welches Thema liegt Ihnen am meisten am Herzen?

Mir sind zwei Themen besonders wichtig: Die Vermittlung von Werten über den Sport und die Integration von Menschen in Deutschland beziehungsweise die Völkerverständigung. Mein Engagement hierfür habe ich bereits als Student vor 32 Jahren begonnen, als ich nach Deutschland kam. Ich habe damals mit einem Verein Kommilitoninnen und Kommilitonen aus Entwicklungsländern bei der Integration in Deutschland und bei der Reintegration in ihrer Heimat nach dem Studium unterstützt.

Was waren für Sie persönlich die wichtigsten und größten Meilensteine Ihrer ehrenamtlichen Arbeit?

Nach all den Jahren gibt es viele. Drei sind mir besonders wichtig: Schon kurz nachdem ich Judo und Ju-Jitsu nach Äthiopien gebracht habe, haben die ersten Sportlerinnen und Sportler an einer Weltmeisterschaft teilgenommen. 2019 kam dann der große Erfolg, als Yared Negusse als erster Äthiopier ein großes internationales Turnier gewonnen hat und Afrikameister wurde. Das war ein sehr bewegender Moment. Vor allem die gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den beiden Weltverbänden für Judo und Ju-Jitsu ist sehr wichtig. Ein wichtiger Meilenstein war für mich auch die Veröffentlichung des erwähnten Buches über Projektmanagement.

Und der dritte?

Worauf ich auch stolz bin, auch wenn es mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes nichts zu tun hat: Zusammen mit der äthiopischen Botschafterin engagiere ich mich, um die Politik und die Bevölkerung für den Kampf gegen Corona und den Einsatz von erneuerbaren Energien zu gewinnen. Während des ersten Corona-Lockdowns hat sich zum Beispiel herausgestellt, dass viele in Deutschland lebende Äthiopier aufgrund der Kommunikationsbarriere großen Informationsbedarf hatten. Unter Nutzung vorhandener Netzwerke wie Kirchengemeinden, Vereine oder auch der äthiopischen Botschaft in Berlin habe ich dann regelmäßig die aktuellen Informationen und Verordnungen in amharischer Sprache weitergegeben, was sehr gut angenommen wurde. Gemeinsam mit der äthiopischen Botschaft in Berlin habe ich außerdem zu einer Spendenaktion zur Unterstützung des Gesundheitswesens in Äthiopien aufgerufen. Dabei sind mehr als 150.000 Euro zusammengekommen. Sie wurden zusammen mit gespendeten Beatmungsgeräten und medizinischer Ausstattung nach Äthiopien geschickt. Beides fehlte im Land. Auf 110 Millionen Einwohner kamen zu der Zeit gerade mal 150 Intensivbetten.

Wie schaffen Sie das alles zeitlich?

Manchmal ist es ein bisschen viel, das stimmt. Ich nutze hauptsächlich das Wochenende und meinen Urlaub. Diesen verbringe ich so oft wie möglich in Äthiopien. Während des ersten Lockdowns war ich in Kurzarbeit und habe die ungewohnte Situation für den Einsatz gegen Corona genutzt.

Was motiviert Sie, sich ehrenamtlich zu engagieren?

In Äthiopien ist es durchaus üblich, sich ehrenamtlich zu engagieren - wenn man die Möglichkeit dazu hat. Mein Vater ist mein Vorbild. Er hat sich in verschiedenen gemeinnützigen Vereinen engagiert und sich zum Beispiel für den Bau einer Schule stark gemacht. Das hat mich sehr geprägt. Ehrenämter sind herausfordernd. Man muss Menschen für seine Sache gewinnen, man muss kreativ sein, um etwas zu erreichen – wenn ich das schaffe, kann ich etwas verändern und zum Beispiel das Leben von Menschen verbessern. Das motiviert mich.

Können Sie Erfahrungen, die Sie durch Ihre Ehrenämter gemacht haben, in Ihre Arbeit bei Daimler einbringen?

Ja, vor allem mit den unterschiedlichsten Menschen umzugehen. Das hilft mir auch bei meiner Arbeit als Diversity-Beauftragter. Und: Wenn es bei der Arbeit schwierig wird, hat man die Möglichkeit, den Vorgesetzten einzuschalten. Beim Ehrenamt geht das nicht. Da muss ich selbst kämpfen, Diplomat sein, eine andere Vorgehensweise entwickeln. Dabei hilft mir auch mein Grundsatz aus dem Kampfsport, den ich an die Kinder und Jugendlichen weitergebe: Wenn ich zehnmal falle, kann ich elfmal aufstehen. Ganz wichtig ist meines Erachtens auch, dass man ein gutes internationales Netzwerk zu vertrauenswürdigen und kompetenten Menschen und Institutionen aufbaut – das geht nicht von heute auf morgen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Das Ehrenamt ist in meinen Augen ein unverzichtbarer Grundpfeiler der Demokratie. Es ist wichtig für den Zusammenhalt der Gesellschaft, aber auch für die Wirtschaft. Ich wünsche mir, dass sich noch mehr Menschen ehrenamtlich engagieren. Und ich wünsche mir, dass mich meine Familie weiterhin unterstützt, dass ich gesund bleibe und genügend Kraft und Zeit habe, mich weiter für andere einzusetzen.

Weitere Informationen
Neben seinem humanitären Engagement setzt sich Tsegaye Degineh auch für Nachhaltigkeit ein. Im Internationalen Ju-Jitsu-Verband ist er für das Thema „Sport4Climate“ zuständig. In Äthiopien hat er auf eigene Initiative Bäume gepflanzt, um zur Wiederaufforstung beizutragen. Lesen Sie hier das Interview: Bäume pflanzen in Addis Abeba

Wir verwenden Cookies

Damit wollen wir unsere Webseiten nutzerfreundlicher gestalten und fortlaufend verbessern. Wenn Sie die Webseiten weiter nutzen, stimmen Sie dadurch der Verwendung von Cookies zu.