„Nachhaltigkeit ist nicht nur ein Trend“

Kaum ein anderes Thema hat in den letzten Jahren einen solchen Bedeutungszuwachs im öffentlichen Diskurs erfahren wie das Thema Nachhaltigkeit. Für die strategische Ausrichtung sowie die Steuerung der Nachhaltigkeitsaktivitäten ist bei Daimler das Group Sustainability Board (GSB) verantwortlich. Wir haben mit den beiden Kollegen gesprochen, die gemeinsam als Co-Vorsitzende des GSB dafür arbeiten, Nachhaltigkeit immer weiter im Kerngeschäft von Daimler zu verankern: Renata Jungo Brüngger und Markus Schäfer.

Welche Bedeutung hat Nachhaltigkeit für Daimler?

Renata Jungo Brüngger: Nachhaltigkeit ist längst kein Nischenthema mehr, das es aus Reputationsgründen zu beachten gilt. Nachhaltigkeit entscheidet über unsere Zukunft – die unseres Planeten, aber auch die unseres Unternehmens. Wir sind ein Weltkonzern und tragen damit auch eine globale Verantwortung. Als solcher haben wir den Anspruch, wirtschaftlichen Erfolg im Einklang mit Umwelt und Gesellschaft zu erreichen. Das erwarten zu Recht auch unsere Stakeholder von uns – etwa Kunden, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, unsere Investoren, Gesetzgeber sowie Politik und Gesellschaft. Und sie erwarten, dass wir zur Lösung drängender Probleme wie dem Klimawandel beitragen. Weil Nachhaltigkeit so wichtig ist, arbeiten wir im Group Sustainability Board (GSB) aktiv an der Verankerung des Themas in allen Unternehmensbereichen und Geschäftsfeldern.

Markus Schäfer: Nachhaltigkeit ist für uns als Unternehmen nicht bloß ein vorübergehender Trend. Im Gegenteil: Die Bedeutung des Themas wird weiter zunehmen. Dem tragen wir auch Rechnung, indem wir Nachhaltigkeit als einen wesentlichen Aspekt in unserer Geschäftsstrategie verankert haben. Bereits in der frühesten Phase der Produktentwicklung definieren wir Nachhaltigkeitskriterien. Wir analysieren genau, welche Auswirkungen bestimmte Entscheidungen etwa auf die zukünftige Ökobilanz eines Modells haben und wie primäre Rohstoffe eingespart oder durch recycelte Materialien ersetzt werden könnten. Schließlich wollen wir Modelle entwickeln, die für modernen und gleichzeitig nachhaltigen Luxus stehen und unsere Kunden begeistern – gerade weil sie langfristig keinen negativen Einfluss auf Umwelt und Gesellschaft haben und zudem Komfort und Sicherheit bieten.

Wie weit sind wir denn bei Daimler damit, Nachhaltigkeit mitten im Business zu verankern?

Renata Jungo Brüngger: Nachhaltigkeit ist kein Ziel, das man schnell erreichen kann, sondern ein fortwährender Prozess. Hier sind wir auf einem guten Weg und haben die für uns derzeit wichtigsten Handlungsfelder definiert. Diese reichen von Klimaschutz und Ressourcenschonung über Datenverantwortung und Menschenrechte bis hin zu Themen wie Integrität und Partnerschaften. Alle Themen sind Teil der nachhaltigen Geschäftsstrategien unserer drei Geschäftsfelder. Deshalb haben wir uns bewusst dafür entschieden, keine separate Nachhaltigkeitsstrategie zu entwickeln. Dies ist ein wichtiges Signal für die Ernsthaftigkeit, mit der wir die nachhaltige Transformation unseres Unternehmens vorantreiben. Um dieses Ziel in unserem Geschäftsalltag zu verankern, schulen wir unsere Beschäftigten mit einem eigens dafür entwickelten Nachhaltigkeitstraining. Nachhaltigkeit muss jeden Tag neu gelebt werden, da kommt es auf den Beitrag jedes und jeder Einzelnen an.

Unsere sechs Handlungsfelder und drei Enabler (6+3)

Markus Schäfer: Wir sprechen in diesem Zusammenhang gern von einem „SpurWechsel“, den wir als Unternehmen eingeleitet haben. Ein wichtiger Beitrag zu diesem Spurwechsel bei Mercedes-Benz Cars ist unsere Ambition2039. Damit haben wir bereits im letzten Jahr die wichtigsten Ziele auf dem Weg zur CO₂-Neutralität festgelegt. Unser Ziel bis 2039 ist die CO₂-neutrale Neuwagenflotte. Dafür planen wir die Elektrifizierung in allen Segmenten, vom smart bis zum SUV. Bis Ende dieses Jahres werden wir fünf vollelektrische Modelle und mehr als 20 Modellvarianten der Plug-in-Hybride im Pkw-Produktportfolio haben. Auch rein elektrische Varianten im Kompakt- und Premiumsegment, wie der EQS mit einer angepeilten Reichweite von bis zu 700km (WLTP), stehen bereits in den Startlöchern.

Markus Schäfer im Gespräch über eine emissionsfreie Fahrzeugflotte sowie Umweltrisiken in der Lieferkette.

Ist die Elektrifizierung unserer Modelle der wichtigste Beitrag in Sachen Nachhaltigkeit?

Markus Schäfer: Die Elektrifizierung unserer Fahrzeugflotte ist wesentlich für das Erreichen der Klimaschutzziele. Aber auch das Thema Ressourcenschonung ist für uns wichtig. Unsere Entwicklungsbereiche arbeiten an vielen Stellen daran, Rezyklate in der Serienproduktion einzusetzen. Unser langfristiges Ziel ist es zudem, unseren Ressourcenverbrauch von unserem Wachstum zu entkoppeln. Der vermehrte Einsatz von Sekundärmaterialien in unseren Fahrzeugen ist dabei ein zentrales Element: Bis 2030 streben wir einen Anteil von durchschnittlich 40% für die Pkw-Flotte von Mercedes-Benz an. Und diese zahlreichen Veränderungen hören nicht bei den Pkws auf. Auch bei Daimler Trucks & Buses und bei Daimler Mobility sind ambitionierte Klimaschutzziele Teil der nachhaltigen Geschäftsfeldstrategien. So trägt jeder Bereich zur CO₂-neutralen Mobilität der Zukunft bei.

Um eine emissionsfreie Fahrzeugflotte anbieten zu können, müssen auch die Fahrzeuge CO₂-neutral produziert werden – wie weit ist Daimler hier?

Markus Schäfer: Wir haben hier schon Einiges erreicht. Ab 2022 werden nicht nur – wie bisher geplant – unsere europäischen Werke CO₂-neutral sein, sondern alle unsere eigenen Mercedes-Benz Pkw- und Van-Werke weltweit. Das sind mehr als 30. Auch unsere Batterieproduktion wird ab 2022 weltweit CO₂-neutral sein. Ein perfektes Beispiel für einen durch und durch nachhaltigen Produktionsstandort ist natürlich die „Factory 56“, die wir von Anfang an als CO₂-neutrale Fabrik geplant haben und die vor Kurzem ans Netz gegangen ist.

Ganz im Sinne der Ambition 2039 wird die Factory 56 zur Zero Carbon Fabrik. Möglich wird dies unter anderem durch ihr innovatives Energiekonzept mit einer Photovoltaikanlage.

Mit der zunehmenden Elektrifizierung unserer Modelle rückt ein weiteres Thema in den Fokus – und zwar der verantwortungsvolle Bezug von Rohstoffen wie Kobalt und die nachhaltige Gestaltung globaler Lieferketten. Wie viel Verantwortung kann Daimler hier übernehmen?

Renata Jungo Brüngger: Die nachhaltige Gestaltung unserer Lieferketten ist nicht einfach. Wir haben mehr als 60.000 direkte Lieferanten, die wiederum Unterlieferanten haben. Manchmal besteht eine Lieferkette aus bis zu sieben oder acht Unterstufen. Auf einer Stufe kann es wiederum bis zu 20 Unterlieferanten geben. Deshalb spreche ich gerne auch vom Lieferantennetzwerk. Bei dieser Komplexität besteht die erste Herausforderung darin, Transparenz über die Lieferketten herzustellen. Deshalb ist der Dialog mit unseren Lieferanten so wichtig für uns, um etwa menschenrechtlichen Risiken effektiv begegnen zu können. Eine weitere Herausforderung ist es, unsere eigenen Gesellschaften und unsere Lieferketten auf die Einhaltung von Menschenrechten zu prüfen – und das risikobasiert und systematisch. Hierfür haben wir unser „Human Rights Respect System“ entwickelt, das genau hier ansetzt. Außerdem arbeiten wir mit lokalen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) zusammen. Ein Beispiel hierfür ist die Kooperation mit der Hilfsorganisation Bon Pasteur, mit der wir uns gegen Kinderarbeit in der Demokratischen Republik Kongo einsetzen. Und natürlich ist auch der Austausch mit der Politik und anderen Unternehmen wichtig. In Kürze werde ich etwa an einer Konferenz vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) teilnehmen, um unseren menschenrechtlichen Ansatz vorzustellen und unsere Erfahrungen mit Vertretern anderer Unternehmen und den anwesenden Bundesministerien zu diskutieren.

Renata Jungo Brüngger über Datenverantwortung und Menschenrechte.

Herr Schäfer, in Ihr Vorstandsresort fällt unter anderem auch die Verantwortung für Einkauf und Lieferantenqualität. Welche Schritte unternimmt Daimler in der Lieferkette, um Umweltrisiken zu minimieren?

Markus Schäfer: Neben den sozialen Aspekten, die Renata gerade genannt hat, berücksichtigen wir in der Lieferkette natürlich auch Umweltthemen. Hier arbeiten wir eng mit unseren direkten Lieferanten zusammen – auch um Umweltrisiken frühzeitig identifizieren und minimieren zu können. Von der Organisation CDP (ehemals Carbon Disclosure Project) lassen wir unsere wichtigsten Lieferanten bezüglich ihrer Umweltauswirkungen bewerten. Darüber hinaus sind CO₂- und Rezyklat-Ziele zu einem wichtigen Kriterium für die Auswahl von Lieferanten bei Mercedes-Benz Cars & Vans geworden. Die Forderung nach Transparenz über relevante Umweltkennzahlen haben wir auch in den Lieferantenverträgen festgeschrieben. Und auch bei unseren strategischen Partnerschaften im Bereich Batteriezellen, wie mit Farasis Energy oder CATL, spielt das Thema Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle. Von beiden Unternehmen werden wir zukünftig CO₂-neutral produzierte Batteriezellen beziehen.

Werfen wir zum Schluss noch einen Blick in die Zukunft. Was sind nächste wichtige Meilensteine bei der nachhaltigen Transformation von Daimler?

Markus Schäfer: Die kommenden Monate sind sicherlich ganz entscheidend, um die nächsten elektrifizierten Modelle erfolgreich in den Markt zu bringen. Sie alle werden zur Transformation des Antriebssystems bei Mercedes-Benz Cars beitragen. Das erste Etappenziel der Ambition2039 bei der Produktpalette steht schon in zwei Jahren an: Wir arbeiten unter Hochdruck daran, bis 2022 in allen Segmenten von Mercedes-Benz Cars mehrere elektrifizierte Varianten anbieten zu können. Aber auch die Beteiligung an Klimaschutz-Initiativen, die über die Automobilindustrie hinausgehen, wird uns weiter fordern. Allein in diesem Jahr sind wir zwei solcher Initiativen beigetreten: Zum einen sind wir Gründungsmitglied von Transform to Net Zero, einer von Microsoft ins Leben gerufenen Bewegung. Zum anderen beteiligen wir uns an der von Amazon und Global Optimism gegründeten „Climate Pledge“. In beiden Bündnissen geht es darum, mit CO₂-neutralem Wirtschaften die Dekarbonisierung zu beschleunigen.

Renata Jungo Brüngger: Ein Thema, über das wir bisher noch nicht gesprochen haben, das uns aber in Zukunft weiter beschäftigen wird, ist die Digitalisierung. Die Arbeitswelt wird immer stärker dadurch geprägt – das hat spätestens Corona eindrücklich bewiesen. Daten werden zunehmend an Bedeutung gewinnen. Es wird entscheidend für unseren künftigen Erfolg sein, dass wir einen verantwortungsvollen und nachhaltigen Umgang mit Daten garantieren können. Dafür haben wir ein konzernweites Data Compliance Management System eingeführt. Die Arbeit damit wird uns weiter fordern. Und wenn wir über zukünftige Entwicklungen beim Thema Menschenrechte sprechen, fällt mir natürlich sofort das geplante menschenrechtliche Sorgfaltsplichten- bzw. Lieferkettengesetz ein. Eine gesetzliche Regelung kann hilfreich sein, um Rechtssicherheit und international einheitlich akzeptierte Standards zu schaffen. Wichtig ist für uns aber, dass ein mögliches Gesetz auch in Zukunft gleiche Wettbewerbsbedingungen herstellt. Es sollte den fairen Wettbewerb fördern und Menschenrechte in globalen Wertschöpfungsketten bestmöglich stärken – idealerweise auf internationaler, zumindest aber auf europäischer Ebene. Und natürlich muss ein solches Gesetz auch angemessen und umsetzbar sein. Ich denke, dass wir mit unserem konsequenten Engagement hierfür gut gerüstet sind: Vor kurzem haben wir zum Beispiel unseren Beitritt zur Responsible Mica Initiative und die Zusammenarbeit mit der NGO Terre des Hommes in Jharkhand (Indien) angekündigt, mit der wir uns aktiv gegen Kinderarbeit im Umfeld von Glimmer-Minen einsetzen. Damit sorgen wir auch für nachhaltige Verbesserungen bei den Menschen vor Ort.

Ausführliche Informationen zur nachhaltigen Unternehmensführung bei Daimler finden Sie im Nachhaltigkeitsbericht 2019.

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