WLTP – die „Zweite“

Mehr als 90 Prozent der Flotte von Mercedes-Benz Cars erfüllen bereits die strenge Abgasnorm Euro 6d-TEMP (verpflichtend für alle Fahrzeuge ab 1. September 2019) oder sogar Euro 6d, die erst ab 1. Januar 2020 für Neutypen vorgeschrieben ist.

Kurz nach Einführung des WLTP-Testverfahrens (engl.: Worldwide Harmonized Light Vehicles Test Procedure) gibt es zu Jahresbeginn 2019 erneut eine umfangreiche Überarbeitung der Vorschriften. Nur 20 Tage nach der Veröffentlichung der neuesten EU-Verordnung zum WLTP, dem so genannten zweiten Akt (engl.: WLTP 2nd Act), ist diese bereits in Kraft getreten und muss sukzessive ab 2019 bei der Zertifizierung berücksichtigt werden. Veröffentlicht wurde die Verordnung 2018/1832 im EU-Amtsblatt am 27. November 2018, angewendet werden darf sie seit 17. Dezember 2018. Neue Messungen müssen bereits seit 1. Januar 2019 nach den Vorgaben dieser Verordnung durchgeführt werden.

Die Änderungen sind umfangreich: Umfasste die Verordnung zum WLTP bisher rund 700 Seiten, sind jetzt mit dem 2nd Act noch einmal über 300 Seiten hinzugekommen. Die wichtigsten Änderungen finden Sie hier:

  • Mit dem 2nd Act übernimmt die EU-Kommission alle bis Mitte 2018 auf UN-Ebene beschlossenen Änderungen an der WLTP-Rahmenrichtlinie (Global Technical Regulation Nr. 15 Amendment 4).
  • Durch Änderungen an den Vorschriften auf UN-Ebene ändern sich unter anderem die Vorgaben zur Schaltpunktberechnung für Handschalter. D.h., die nach den bisherigen Vorgaben berechneten Schaltpunkte können geringfügig von einer Berechnung nach den aktuellen Vorgaben abweichen.
  • Ebenfalls durch die Änderungen auf UN-Ebene werden sogenannte Fahrkurvenkoeffizienten (engl.: Drive Trace Indices) eingeführt. Anhand dieser Indikatoren wird über die bisherigen Toleranzen zur Abweichung hinaus geprüft, ob der Fahrer auf dem Prüfstand der Fahrkurve so genau wie möglich folgt.
  • Über die Änderungen der UN-Vorschrift hinaus hat die EU mehrere nur in Europa geltende Vorgaben angepasst bzw. hinzugefügt. Dies umfasst z.B. die Einführung einer Fahrkurvenkorrektur für alle konventionell angetriebenen Fahrzeuge, d.h. Fahrzeuge, die ausschließlich einen Verbrennungsmotor als Antrieb haben.
  • Für alle ab 2021 neu zugelassenen Fahrzeuge darf der rechnerisch im Fahrzeug ermittelte Kraftstoffverbrauch (OBD - On Board Diagnose) um nicht mehr als +-5 % von dem Wert abweichen, der in einem WLTP Typ 1-Zertifizierungstest bei 23 °C auf dem Rollenprüfstand ermittelt wird. Die damit ermittelten Werte können auch im realen Fahrbetrieb dem Fahrer Aufschluss über seinen Kraftstoffverbrauch geben. Über die OBD-Schnittstelle kann der Gesamtverbrauch eines Fahrzeugs ausgelesen werden.
  • Mit dem WLTP 2nd Act wurde auch das RDE Paket 4 beschlossen. Messfahrten werden damit künftig immer über ein einheitliches Tool ausgewertet. Die Messtoleranz für Stickoxide in der RDE Phase 2 (Euro 6d, verpflichtend für Neutypen ab 2020, für alle Neuzulassungen ab 2021) wurde von 0,5 auf 0,43 abgesenkt.
  • Darüber hinaus werden die Dokumentationsumfänge mit dem WLTP 2nd Act deutlich erweitert. Die Hersteller stellen den Behörden künftig sogenannte Transparenzlisten zur Verfügung, die alle Daten enthalten, mit denen autorisierte Dritte künftig selbständig Tests durchführen können. Diese Transparenzlisten werden voraussichtlich ab Mitte 2019 auf einer von der EU-Kommission bereitgestellten Datenbank veröffentlicht.

  • Die Anforderungen im Testverfahren zur Überprüfung der Verdunstung von Kraftstoffen bei Fahrzeugen mit Ottomotor (dem sogenannten Typ 4-Test) wurden mit dem 2nd Act grundlegend überarbeitet.
    • In diesem Test wurden Fahrzeuge bisher 24 Stunden lang in einer Prüfkammer einer nachgebildeten Sonneneinstrahlung (Tagesverlauf) ausgesetzt. Dabei wurde überprüft, in welchem Umfang Kraftstoff aus dem Tank verdunstet, der nicht durch Filter im Fahrzeug aufgefangen werden kann.
    • Dieser Test umfasst künftig 48 h, die einzuhaltenden Grenzwerte wurden jedoch nicht verändert, die Anforderungen somit deutlich verschärft.
  • Bis September 2019 müssen alle neu in der EU zugelassenen Fahrzeuge die Anforderungen an das neue Verfahren (WLTP 2nd Act) erfüllen. Sie erhalten eine neue Buchstabenkombination im Zulassungsdokument CoC (engl.: Certificate of Conformity/Überein¬stimmungserklärung) und müssen dafür neu zertifiziert werden.
  • Bei der Überprüfung von Feldfahrzeugen wird anhand einer Stichprobe aus mehreren Fahrzeugen das Emissionsverhalten von Fahrzeugen überprüft, die
    • mindestens 6 Monate alt und zugleich eine Laufleistung von mindestens 15.000 Kilometern haben
    • und maximal 5 Jahre alt sind und maximal eine Laufleistung von 100.000 haben.
  • Wurden in der Vergangenheit nur Typ 1-Rollentests durchgeführt, um zu überprüfen, ob die Werte der Feldfahrzeuge den gesetzlichen Anforderungen entsprechen, werden künftig auch RDE-Straßentests mit Feldfahrzeugen durchgeführt.

Information der Kunden unter WLTP

In der Pkw-Energieverbrauchskennzeichnungsverordnung (Pkw-EnVKV) ist aktuell geregelt, dass Kunden z.B. im Autohaus und in der Werbung über den offiziellen Verbrauch bzw. die CO2-Emissionen eines Fahrzeuges zu informieren sind. Diese EU-Richtlinie muss in jedem Mitgliedsstaat in nationales Recht überführt werden, sodass die Vorgaben zur Kennzeichnung (abgesehen von der Angabe bestimmter Werte) in jedem Mitgliedsstaat der EU unterschiedlich sind. Der Kunde muss hiernach über die offiziellen CO2-Werte eines Fahrzeuges informiert werden, vor der WLTP-Einführung waren dies die Werte nach NEFZ. Bis Ende 2020 haben jedoch alle Fahrzeuge sowohl einen Wert nach dem neuen Prüfverfahren WLTP als auch nach NEFZ.

Die Anforderungen, wie der Kunde über den offiziellen CO2-Emissions- und Verbrauchswert eines Fahrzeuges informiert werden muss, wurden bis heute in vielen Ländern – so auch in Deutschland – nicht angepasst. So erfolgt die Information und die Kennzeichnung (z.B. das Labeling) heute immer noch anhand der NEFZ-Werte, obwohl der WLTP bereits am 1. September 2017 als offizielles Verfahren eingeführt wurde. Der Kunde kann zwar auf freiwilliger Basis über die WLTP-Werte informiert werden. Dies ist jedoch für die Hersteller mit Risiken verbunden, da die Information des Kunden immer verwechselungsfrei erfolgen muss. Im Online-Konfigurator von Mercedes-Benz kann sich der Kunde durch Anklicken einer separaten Schaltfläche über den Verbrauch nach WLTP informieren. Die verspätete Anpassung der nationalen Vorschriften führt somit dazu, dass die realitätsnäheren Werte den Kunden nur auf Nachfrage bzw. nur als Zusatzangabe zur Verfügung gestellt werden können.

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