Nutzung, Charging und Remanufacturing. Bereitmachen für die Langstrecke

Drei Schlagworte, stehen für die großen Herausforderungen der Elektromobilität: Reichweite, Infrastruktur und Preis. Wie steht es um die Alltagstauglichkeit der aktuellen Elektrofahrzeuge? Und wie sinnvoll ist es, sie mit konventionellem Strom zu laden? Ein Überblick.

Im Jahr 2013 verbreitete sich in Norwegen die „reekviddeangst“, was so viel heißt wie „Reichweitenangst“. Der Rat für Norwegische Sprache hat den neuen Begriff sogar auf den zweiten Platz der Liste der „Worte des Jahres“ gewählt. Inzwischen hat sich die Befürchtung, Elektroautos seien aufgrund ihrer begrenzten Reichweite nicht alltagstauglich, offenbar in andere Länder verlagert. In Norwegen ist jedenfalls inzwischen auch dank staatlicher Fördermittel fast jeder zweite verkaufte Neuwagen mindestens teilelektrisch.

Reichweite: Lieber nochmal laden?

In Deutschland, wo die Elektromobilität gerade erst anläuft, ist die Reichweitenangst¹ noch verbreitet. So gaben in der „Mobility Studie 2020“ des TÜV-Verbands 50 Prozent der befragten Autobesitzer an, dass die geringe Reichweite gegen den Kauf eines Elektrofahrzeugs spräche². Zu Recht?

Regelmäßige Untersuchungen des Bundesverkehrsministeriums kommen zu dem Ergebnis, dass die Deutschen im Durchschnitt gerade einmal 39 Kilometer am Tag zurücklegen³ – für den Weg zur Arbeit, zum Einkaufen oder für Freizeitaktivitäten. Zum Vergleich: Der smart EQ fortwo hat eine Reichweite von bis zu 159 Kilometern, der EQC kommt mit seiner 80-kWh-Batterie auf bis zu 445 Kilometer. Warum also die Sorge? Die Ladespezialisten von Daimler vertreten im Interview dieses Specials die Ansicht, dass sich die Reichweitenangst vor allem aus Vorurteilen nährt – und dass sie im Alltag von aktiven Elektrofahrern auch wegen smarten Ladelösungen fast keine Rolle spielt.

Die intelligente Navigation des EQC zeigt an, wo und wie weit die nächste Ladestation entfernt liegt.

Bleibt die Frage: Wie sieht es auf der Langstrecke aus? Spätestens bei der Urlaubsfahrt muss auch ein EQC mal tanken. Kein Problem…?

Infrastruktur: Stadt, Land, Autobahn

Eine Million öffentliche Ladepunkte sollen bis 2030 errichtet werden – so sieht es der „Masterplan Infrastruktur“ vor, den die Bundesregierung im November 2019 für Deutschland bekanntgab⁴. Für die Betreiber aus der Energiewirtschaft sind die Ausbaupläne vor allem mit hohen Investitionskosten verbunden, die sich erst ab einer nennenswerten Auslastung rechnen. Entlang der Autobahnen zeigt sich das Henne-Ei-Problem: Die Betreiber scheuen die Investition wegen mangelnder Nachfrage, die Elektrofahrer die Langstrecke wegen fehlender Ladepunkte. Deshalb stellt die Bundesregierung bis 2023 drei Milliarden Euro an Fördermitteln in Aussicht⁵, um den Ausbau der Tank- und Ladeinfrastruktur für in der Nutzungsphase CO₂-freie Fahrzeuge zu fördern.

Auch die Automobilindustrie hat ein großes Interesse daran, dass Elektrofahrer genug öffentlich zugängliche Ladepunkte finden. Aus diesem Grund haben BMW, Daimler, Ford und VW das Joint Venture IONITY ins Leben gerufen. Bis Ende 2020 wird das Unternehmen 400 Schnellladepunkte entlang der europäischen Haupttransitstrecken aufbauen. Die zunehmend leistungsstärkeren EV-Batterien lassen sich dort in 15 bis 20 Minuten auf bis zu 80 Prozent* aufladen. Das entspricht den Anforderungen, die der ADAC zugrunde legt, wenn er Elektrofahrzeuge als langstreckentauglich bezeichnet⁶. Wie sich der EQC beim Schnellladen schlägt, haben wir im Rahmen dieses Specials getestet (mehr dazu lesen Sie hier).

Nachhaltigkeit: Der Strommix macht’s

„Der Strom für die Elektromobilität muss sauberer werden. Denn die Bilanz eines Elektrofahrzeugs wird besonders durch die hohen Treibhausgasemissionen der Batterieherstellung sowie durch die, der Strombereitstellung bestimmt“, stellt der ADAC in einem Vergleichstest alternativer Antriebe fest⁷. Die Autoexperten plädieren – stellvertretend für viele Meinungsträger der Automobilindustrie – deshalb für Augenmaß bei der Elektroförderung und einen Mix aus klimaverträglichen Antrieben, die unterschiedliche Fahrsituationen berücksichtigen.

Darüber hinaus fordert der Bundesverband der Energie und Wasserwirtschaft ein konsequent umgesetztes politisches Bekenntnis zum Ausbau der Wind- und Sonnenenergie: „Der stockende Erneuerbaren-Ausbau ist im Moment das größte Problem. Die Bundesregierung muss hier unbedingt rasch handeln und von der Bremse gehen.“, so Verbandschefin Kerstin Andreae.

Einen weiteren Beitrag zur Nachhaltigkeit leistet das Remanufacturing-Team von Mercedes-Benz, das sich in einem patentierten Verfahren darum kümmert, die Nutzungsphase zu verlängern. Nicht mehr funktionstüchtige Batteriezellen und kleinste Einzelteile werden entnommen und durch neue ersetzt.

Remanufacturing - Ein Mitarbeiter ersetzt die nicht mehr funktionstüchtigen Batteriezellen durch neue.

Preis: Umstieg mit Mehrwert

Und was ist mit dem Preis? Elektrofahrzeuge sind aktuell noch teurer als vergleichbare Benzin- oder Dieselfahrzeuge.

Steuerlichen Vorteile und die Kaufprämie sollen diesen Nachteil in Deutschland ausgleichen. Bisher wurde der Kauf eines Elektrofahrzeugs mit einem Zuschuss von insgesamt 6.000 Euro belohnt. Mit dem Konjunkturpaket zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise hat die Bundesregierung den staatlichen Förderanteil nochmals verdoppelt. So erhöht sich die Kaufprämie von reinen E-Fahrzeugen künftig auf bis zu 9.000 Euro, von Plug-in-Hybriden auf bis zu 6.750 Euro.

Übersicht für Elektrofahrzeuge bis 40.000 Euro Nettolistenpreis⁸

  Bundesanteil Herstelleranteil Kaufprämie
Batteriefahrzeug 6.000 EUR
(bisher 3.000 EUR)
3.000 EUR 9.000 EUR
(bisher 6.000 EUR)
PlugIn-Hybrid 4.500 EUR
(bisher 2.250 EUR)
2.250 EUR 6.750 EUR
(bisher 4.500 EUR)

Übersicht für Elektrofahrzeuge über 40.000 Euro Nettolistenpreis

  Bundesanteil Herstelleranteil Kaufprämie
Batteriefahrzeug 5.000 EUR
(bisher 2.500 EUR)
2.500 EUR 7.500 EUR
(bisher 5.000 EUR)
PlugIn-Hybrid 3.750 EUR
(bisher 1.875 EUR)
1.875 EUR 5.625 EUR
(bisher 3.750 EUR)

Elektrofahrer entlasten. Ladespezialist Sharam Hami-Nobari beschreibt im Interview dieses Specials seine persönliche Vision vom günstigen Elektrofahren: Sie setzt voraus, dass sich das Laden künftig über eine intelligente Steuerung so ausbalancieren lässt, dass das Stromnetz immer optimal ausgelastet wäre. Energieversorger müssten dann weniger Kraftwerke betreiben – ein Kostenvorteil, der darin resultieren könnte, Ladestrom quasi als Abfallprodukt kostenlos zur Verfügung zu stellen (Mehr dazu lesen Sie hier).

Für E-Mobilisten zeichnet sich ein weiterer Vorteil ab: Ihre Fahrzeuge werden nicht von möglichen Fahrverboten betroffen sein, wie es sie in einigen chinesischen Metropolen schon heute gibt. Dort müssen Pkw mit Verbrennungsmotor an einem Tag in der Woche draußen bleiben⁹.

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