Mache Laden so einfach wie Tanken

EQC 400: Stromverbrauch in kWh/100 km (kombiniert): 21,3-20,2; CO2-Emissionen in g/km (kombiniert): 0**

Wer regelmäßig lange Strecken mit dem Auto fährt, kennt die Situation: Kurz vor dem Ziel, der Tankanzeiger nähert sich bereits dem Reservebereich, kommt plötzlich der nicht eingeplante Stau. Sollte man in einem Elektroauto dann Heizung und Musik abstellen, um Energie zu sparen? Die Ladespezialisten Markus Bauknecht und Shahram Hami Nobari wissen die Antwort. Ein Gespräch über die Alltagstauglichkeit der neuesten Elektrofahrzeug-Generation.

Es ist heute ziemlich kalt. Kein optimales Wetter für ein Elektroauto, oder?

Shahram Hami Nobari: Es stimmt, dass es einen physikalischen Zusammenhang zwischen der Außentemperatur, der elektrischen Reichweite und dem Ladevorgang gibt. Elektrofahrzeuge werden aktuell zu 80 Prozent zum Beispiel über Nacht in der heimischen Garage aufgeladen oder tagsüber am Arbeitsplatz. Nur auf der Langstrecke müssen Sie bei winterlichen Temperaturen vielleicht einen Zwischenstopp mehr einlegen. Diese Einflussgrößen berücksichtigen wir im digitalen Ladedienst Mercedes me Charge in Verbindung mit der intelligenten EQ Navigation vorweg und planen aktiv Ladeereignisse entlang der Route ein.

Markus Bauknecht: In Norwegen, wo es per se kalt ist, ist der Absatz an Elektrofahrzeugen am höchsten. Das hängt zweifellos mit der staatlichen Förderung zusammen. Aber niemand würde ein solches Fahrzeug fahren, wenn es nicht alltagstauglich wäre.

Wie alltagstauglich ist denn die Reichweite der aktuellen Fahrzeuggeneration?

Markus Bauknecht: Die Angst vor fehlender Reichweite ist bei Fahrern mit wenig Erfahrung mit vollelektrischen Fahrzeugen weit verbreitet. Das ist rational nicht erklärbar, emotional aber schon: Es geht eigentlich nur vordergründig darum, mit dem Auto von A nach B zu kommen. In Wirklichkeit verspricht ein Auto Freiheit. Autobesitzer können jederzeit selbst entscheiden, wohin sie wann und mit welcher Geschwindigkeit fahren. Dieses Versprechen stellt ein Elektrofahrzeug mit seiner Reichweite von 400 bis 500 Kilometern erst einmal in Frage. Interessanterweise verschwinden die Bedenken bei den Fahrern von Elektrofahrzeugen aber schon nach wenigen Wochen. Weil sie die Erfahrung machen, dass sie nur selten so weit fahren und das Fahrzeug bei Langstreckenfahrten mitdenkt und das Laden einplant.

Wie sieht das Laden im Detail aus?

Markus Bauknecht: Wer zu Hause über unsere Wallbox lädt, braucht dafür fünf Sekunden. Er steckt abends den Stecker ins Fahrzeug und zieht ihn morgens vor dem Losfahren wieder ab. Plötzlich ist das Auto immer voll, der Nutzer muss nicht mehr zur Tankstelle fahren. Ähnliches gilt für Elektrofahrer, die auf dem Firmengelände eine Lademöglichkeit haben. Laden ist praktischer als Tanken. Ausnahme bleibt die Langstrecke¹, denn da muss ich Ladestopps einlegen. Das wirkt auf den ersten Blick unkomfortabel. Tatsächlich tritt dieser Fall aber relativ selten ein und stellt im Alltag eher die Ausnahme dar.

Shahram Hami Nobari: Eine Ausnahme, für die wir mit Mercedes me Charge eine sehr komfortable Lösung entwickelt haben. Der Fahrer eines EQC braucht sich gar nicht aktiv darum zu kümmern, wo die nächste Ladesäule ist, ob er Zugang hat oder nicht. Das erledigt das Fahrzeug über Mercedes me Charge. Die EQ optimierte Navigation plant die Route und schlägt passende Zwischenstopps vor. Während der Fahrt fließen zudem aktuelle Informationen über die Verkehrssituation, das Wetter und die Verfügbarkeit von Ladestationen ein, so dass die Navigation, wenn es erforderlich automatisch angepasst wird.

Markus Bauknecht: Ich bin selbst viel mit unseren Elektrofahrzeugen unterwegs. Die Vorausberechnung über unsere Algorithmen ist sehr genau. Die Abweichungen von der prognostizierten Reichweite liegt meist bei wenigen Kilometern. Übrigens ist es energetisch betrachtet auch günstiger mit einem Elektrofahrzeug im Stau zu stehen, als mit einem Verbrenner. Es dauert ewig, bis die Batterie leer ist, weil das Auto im Stand vergleichsweise wenig Energie verbraucht. Dagegen ist es ziemlich ineffizient, mit der Abwärme eines laufenden Motors den Innenraum zu heizen, ohne sich dabei auch fortzubewegen.

Zurück zum Laden. Wie engmaschig ist das Ladenetz aktuell?

Markus Bauknecht: Von den rund 18.000 Ladestationen in Deutschland haben wir 96 Prozent in Mercedes me Charge erfasst. An den 100 Prozent arbeiten wir. Für das Reisen innerhalb Europas baut IONITY in etwa 400 Ladestationen auf. Somit wird es ca. alle 150 Kilometer eine Schnelllademöglichkeit geben.

Shahram Hami Nobari: Und weltweit haben wir uns das Ziel gesetzt, mindestens 80 Prozent zu erfassen und über eine integrierte Lösung unseren Kunden zur Verfügung zu stellen. Wir sprechen hier von weltweit über 300.000 Ladepunkten, die wir jetzt schon im System haben. Dahinter steckt die Integration von derzeit mehr als zweihundert Ladesäulenbetreibern in den Dienst Mercedes me Charge. Unsere Kunden erhalten mit Mercedes me Charge über MBUX und die Mercedes me App mit zusätzlicher RFID Karte einen länderübergreifenden, einfachen Zugang zu einer stetig wachsenden Infrastruktur. Sie müssen sich keine Gedanken machen, mit welchem Ladesäulenbetreiber sie einen Vertrag haben, wo sie Ladesäulen finden und wie sie vor Ort bezahlen können.

Kostet Strom tanken an allen Ladestationen dasselbe?

Markus Bauknecht: Nein, das ist im Prinzip wie an der Tankstelle, jeder Ladestationsbetreiber legt seinen Strompreis selbst fest. Unsere App zeigt den Preis für die jeweilige Ladestation an, und berechnet die voraussichtlichen Ladekosten. Der Fahrer kann also auch gezielt einen günstigen Ladepunkt ansteuern. Bezahlt wird über die RFID Karte an der Säule, über die Head Unit im Fahrzeug oder über die App auf dem Handy. Einmal im Monat bekommt der Nutzer dann eine Rechnung über alle Ladevorgänge.

Wie lange dauert einmal Vollladen?

Markus Bauknecht: Das hängt davon ab, welche Leistung das Fahrzeug an den Ladepunkten abrufen kann. Ionity, unser Joint Venture mit BMW, Ford und dem VW-Konzern, hat sich darauf spezialisiert, Schnellladestationen aufzubauen (mehr dazu lesen Sie hier). An den Ladepunkten lassen sich Elektrofahrzeuge theoretisch mit bis zu 350 kW Leistung innerhalb von 15 Minuten aufladen. Den EQC kann ich dort in ca. 40 Minuten von 10 auf 80 Prozent aufladen. Für zukünftige Generationen von Elektrofahrzeugen wird sich die Ladedauer immer weiter verkürzen

Der Ladevorgang kann über MBUX oder über die Mercedes me App auf dem Handy oder per RFID Karte gestartet und beendet werden.

Mal angenommen, Elektromobilität setzt sich im großen Stil durch. Hätten wir dafür genug Strom?

Markus Bauknecht: Für den Fall, dass über Nacht alle 47,7 Millionen Fahrzeuge in Deutschland durch Elektroautos ersetzt würden, bräuchten wir in Deutschland rund 25 Prozent mehr Strom. Das klingt nach gar nicht so viel. Spannender ist die Frage der Verteilung, denn die Energie muss ja irgendwie zu den Ladepunkten kommen. Aus Gesprächen mit Energieversorgern wissen wir, dass die Netzinfrastruktur ab einem Marktanteil von ca. 20 Prozent mitwachsen muss. Das haben die Versorger schon jetzt im Blick. Und in der Realität wird die Umstellung nicht über Nacht passieren.

So ein Kraftwerk wird aber auch nicht über Nacht gebaut.

Markus Bauknecht: Das ist richtig. Andererseits haben Energieversorger natürlich ein großes Interesse daran, mehr Strom zu verkaufen und dementsprechend in die Infrastruktur zu investieren. Ein Lebensmittelhändler beklagt sich ja auch nicht, dass er einen neuen Markt eröffnen muss, weil seine Produkte gut laufen.

Lässt sich auch die Energienutzung selbst noch smarter gestalten?

Shahram Hami Nobari: Ja, es gibt bereits erste Ansätze das Laden intelligent zu steuern. Fahrzeuge würden dann nicht mehr zu Zeiten laden, wenn alle Menschen nach Hause kommen und der Strombedarf ohnehin hoch ist, sondern beispielsweise automatisiert über die Nacht verteilt. Eine optimierte Steuerung würde die Kosten für den Netz- und Kraftwerkausbau erheblich senken. Aus unserer Sicht wäre es sogar denkbar, dass der Ladestrom kostenlos sein kann. Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg.

Elektroautos spielen ihren Umweltvorteil ja vor allem in Kombination mit Grünstrom aus. Wie nachhaltig ist der Ladevorgang aktuell?

Markus Bauknecht: Unser Ziel ist es, dass Elektrofahrzeuge künftig nur noch mit Ökostrom geladen werden. Ein gutes Stück dieses Wegs haben wir bereits zurückgelegt. Als Shareholder von IONITY können wir an den Schnellladepunkten europaweit Grünstrom anbieten. Wichtig ist zudem, dass Elektrofahrer über ihren privaten Stromvertrag unmittelbaren Einfluss auf die CO2-Reduktion im Verkehr nehmen können. Dahingehend beraten wir unsere Kunden. Darüber hinaus bieten wir an den Ladepunkten an unseren eigenen Daimler Standorten in Deutschland bereits Grünstrom an.

Für Markus Bauknecht ist klar: Grünstrom ist ein entscheidender Faktor für die CO2-Reduktion im Verkehr.

Werden andere öffentliche Ladepunkte ebenfalls mit Grünstrom betrieben?

Shahram Hami Nobari: Unsere Kollegen arbeiten gerade daran, das herauszufinden, um diese Info künftig auch über Mercedes me Charge verfügbar zu machen. Weltweit gibt es mehr als 200 Betreiber von Ladestationen.

Noch ist das Laden im öffentlichen Raum ja eher die Ausnahme. Wird das so bleiben?

Markus Bauknecht: Eine Wallbox zu nutzen ist aktuell der bequemste Weg. Wer ein Elektroauto kauft, hat daher in aller Regel die Möglichkeit, zuhause oder während der Arbeit zu laden. Das wird sich mit steigender Marktdurchdringung ändern, wir werden dann auch vermehrt Kunden ohne eigenen Stellplatz haben. In fünf Jahren werden wir definitiv noch mehr Ladelösungen im öffentlichen Raum benötigen, als wir sie heute haben.

Ist das eine Herausforderung, die Sie in Ihrem Entwicklungsalltag beschäftigt?

Shahram Hami Nobari: Eine passende Ladeinfrastruktur ist natürlich zentral für die Elektromobilität. Für uns als Automobilhersteller kommt es aber vor allem darauf an, dass unsere Fahrzeuge die vorhandenen Ladelösungen intelligent nutzen. Das Fahrzeug könnte künftig auf dem Weg zum Restaurant gleich einen nahegelegenen Ladepunkt vorschlagen, um für die nächste Fahrt eine optimale Reichweite sicherzustellen. An solchen Lösungen arbeiten wir.

Verraten Sie uns weitere Ideen?

Shahram Hami Nobari: Wir sind bereits dabei nicht nur öffentliche Ladepunkte in Mercedes me Charge zu integrieren, sondern auch die Wallbox zuhause, beziehungsweise die Ladesäulen am Arbeitsplatz. Damit schaffen wir ein kleines Ladeökosystem. Das ist allerdings immer eine Gratwanderung, denn jede neue Information macht das System komplexer und kann auf diese Weise die Nutzerfreundlichkeit einschränken. Am Ende des Tages ist unser Ziel, dass sich der Kunde gar keine Gedanken mehr ums Laden machen muss.

Wie beim Handy aufladen?

Shahram Hami Nobari: Genau. Ich denke in der Regel nicht darüber nach und der Vorgang an sich ist total einfach.

Markus Bauknecht: Planen widerspricht dem Gedanken der Freiheit. Daher wollen wir diesen Aspekt auch weiter minimieren. Ich brauche dann nicht mehr am Vorabend auf die App schauen, um zu sehen, wie viel Zeit ich für Ladestopps auf dem Weg nach Berlin einplanen sollte. Stattdessen erinnert mich das Fahrzeug rechtzeitig daran, loszufahren. Und auch, dass ich am Abend vollladen muss. So intelligent soll das Auto der Zukunft sein.

Wie weit ist diese Zukunft entfernt?

Wir sind optimistisch, dass schon die nächste Generation der Elektrofahrzeuge dazu fähig sein wird. In fünf Jahren muss Laden niemand mehr planen.

Planen widerspricht dem Gedanken der Freiheit. Das Auto der Zukunft soll so intelligent sein, dass es selbstständig Ladezeiten plant und mich rechtzeitig ans Losfahren erinnert.

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¹ Einfache Entfernung größer als die Reichweite des Fahrzeugs

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