Nachhaltiges Bauen bei Daimler - Was steckt dahinter?

Nachhaltigkeit in einem Automobilunternehmen umfasst nicht nur eine effiziente Produktentwicklung und eine ressourcensparende Produktion, das weiß besonders Dr. Anika Dittmar. Sie beschäftigt sich bei Daimler mit der Nachhaltigkeit von Büro-, Logistik- und Produktionsgebäuden und hat Interessantes zu berichten.

Frau Dittmar, Sie treiben bei Daimler das nachhaltige Bauen voran. Zu allererst die Frage: Was versteht man unter nachhaltigem Bauen?

Lassen Sie mich nachhaltiges Bauen anhand von drei Säulen erklären. Die erste Säule ist die Kostensäule und beinhaltet ein optimales Kosten-Nutzenverhältnis. Und zwar nicht nur in Hinblick auf die Baukosten, sondern auch hinsichtlich der Nutzungsphase des Gebäudes. Die zweite Säule ist der Mensch und sein Wohlbefinden. Der Mitarbeiter soll sich bei seiner Arbeit behaglich fühlen. Und zum Schluss die dritte Säule, die Umweltsäule. Ziel ist es, dass der Gebäudebau, die Inbetriebnahme und der Betrieb so wenig wie möglich negativen Einfluss auf die Umwelt haben.

Wichtig ist, dass nachhaltiges Bauen diese genannten Aspekte in Hinblick auf die längerfristige Zukunft in Betracht zieht und vorausschauend plant. Ein Gebäude hat eine Nutzungsdauer von ca. 50 Jahren. Im Lauf der Zeit ändern sich beispielsweise die Arbeitsprozesse oder Arbeitsplatzkonzepte. Nachhaltiges Bauen berücksichtigt die Umnutzungsfähigkeit, sodass aus einem Produktions- ein Logistikgebäude oder aus Einzelbüros Großraumbüros entstehen können.

Welche Bedeutung hat nachhaltiges Bauen für Daimler?

Generell spielt Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle bei Daimler. Unsere Unternehmensstrategie beinhaltet Ziele zur Nachhaltigkeit und wir senken mit effizienteren Prozessen in der Produktentwicklung die CO₂-Emissionen und Energieverbräuche stetig. Aber wir sehen Umweltschutz auch im Ganzen. Nachhaltige Gebäude führen zu reduzierten Kosten, zufriedeneren Mitarbeitern sowie weniger negativen Umwelteinflüssen und sind deshalb bedeutsam für Daimler - gerade im Hinblick auf die sich immer schneller ändernden Anforderungen durch Fahrzeug- und Produktionstechnologien und der Digitalisierung.

Welche Ziele hat sich Daimler hinsichtlich nachhaltigem Bauen gesetzt? Alleinig die langfristige Kosteneinsparung?

Unser Ziel als strategische Planung ist es, einheitliche Wege und Lösungen für nachhaltiges Planen, Bauen und Betreiben vorzuschlagen, die einen Mehrwert für das gesamte Unternehmen schaffen. Unterziele sind zum Beispiel die Senkung der Gesamtkosten, aber auch die Steigerung der Mitarbeiterzufriedenheit und Reduzierung der Krankenstände zählen dazu.

Anika Dittmar treibt strategisch das nachhaltige Bauen bei Daimler voran.

Wie wird nachhaltiges Bauen bei Daimler vorangetrieben?

Der erste Schritt ist es, ein allgemeines Verständnis in den Köpfen der Menschen zu verankern. Mit Beratungen, Best-Practice Beispielen oder Berechnungstools bieten wir Möglichkeiten, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Unsere größte Leitplanke ist allerdings unser eigenständig entwickelter Kriterienkatalog.

Sie sagen, es ist eine Daimler-eigene Version. Warum macht sich Daimler diese Mühe und nutzt nicht bereits definierte Standards der deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB)?

Sie sehen es als Aufwand, wir als eine Erleichterung. Wir haben festgestellt, dass viele Kriterien nicht auf uns passen. Ein Beispiel: Die öffentliche Zugänglichkeit. Dies ist bei unseren Produktionswerken und Entwicklungsstandorten nicht möglich. Des Weiteren werten die vom öffentlichen Immobilienbereich entwickelten Bewertungssysteme beispielsweise den Anteil regenerativer Energie in unserem internen Werksnetz nicht. Ein zusätzlicher Aspekt ist der Prozess- und Personalaufwand, der für die erforderliche Nachweisführung entsteht. Im Vergleich dazu haben wir mit unserem Konzept eine 80 – 90 prozentige Aufwandsreduzierung erreicht. Wir verfolgen im Grunde das gleiche Ziel, aber mit weniger Dokumentationsaufwand und geringerer Bürokratie. Hinzu kommt auch ein anderer Aspekt der Nachhaltigkeit: Wenn wir externe Auditoren beauftragen, die allerdings nach Ihrem Einsatz das Unternehmen verlassen, so verlässt uns auch das aufgebaute Know-How. Mit unserem Ansatz festigen wir langanhaltend das Verständnis für nachhaltiges Bauen in den Köpfen unserer Mitarbeiter.

Könnten Sie uns einige Beispiele aus dem Kriterienkatalog nennen?

Der Klassiker ist natürlich das Thema „Energie“. Wir begutachten die Energieeffizienz oder die Wahl des Energieträgers. Ein weiterer Punkt ist die Reinigung. Im Vorfeld sollte sich Gedanken gemacht werden, wie eine Fassade gereinigt wird, um unnötige Absperrungen oder Kosten durch Gebäudekletterer zu vermeiden. Ein anderes Kriterium ist die Rückbau- und Entsorgungsfreundlichkeit. Nutze ich die Möglichkeit der mechanischen Verbindung, damit die Rohstoffe nach Jahren wieder auseinander genommen und recycelt werden können? Oder verklebe ich die Bauteile und reiße das Gebäude nach Jahren ab? Im Außenbereich weisen wir beispielsweise auf die Lichtverschmutzung hin. Durch optimiertes Beleuchten können Zugvögel nicht irritiert, das Insektensterben verringert und generell der Einklang zwischen Flora und Fauna erhalten werden.

Wir beschäftigen uns aber auch intensiv mit der Zukunft und versuchen die Bauprojektleiter dahingehend zu lenken, dass vorausschauend geplant und gebaut wird. Welchen Wandel werden wir in den nächsten Jahrzehnten erleben? Welche Szenarien erkenne ich bereits? Aktuell steht beispielsweise das Thema Elektromobilität im Fokus unserer gesellschaftlichen Entwicklung. Welche Voraussetzungen muss ich schaffen, um Elektroautos vor dem Gebäude laden zu können? Dies sind alles Aspekte, die wir in Betracht ziehen.

Ladestationen am Arbeitsplatz? In Hinblick auf Nachhaltigkeit auf jeden Fall ein wichtiger Aspekt.

Müssen alle Kriterien vom Bauherrn erfüllt werden?

Nein, wenn 80 Prozent der Kriterien erfüllt wurden, hat das Gebäude den Daimler Nachhaltigkeitsstandard erreicht.

Bisher haben wir ausschließlich von Neubauten gesprochen. Wie gehen Sie mit bestehenden Gebäuden um?

Für Sanierungen von bestehenden Gebäuden gibt es einen abgewandelten Kriterienkatalog. Ich kann natürlich die vorhandene Bausubstanz nicht mehr verändern, aber ich kann die gebäudeinternen Prozesse im Sinne der Nachhaltigkeit optimieren. Wie wird entsorgt? Wie wird gereinigt? Wie sind die Verbräuche? Eine gute Bausubstanz allein reicht nicht aus: auch effiziente Betriebsprozesse sind für die Nachhaltigkeit von Bedeutung. Selbst in einem sehr nachhaltigen Gebäude, können nachts laufende Heizungen, brennende Lichter oder angeschaltete Drucker die Effizienz zu Nichte machen. Deshalb sensibilisieren die Kollegen von Energiemanagement auch stetig unsere Mitarbeiter, getreu dem Leitsatz: „Unseren Beitrag zum Umweltschutz leisten wir für uns und unsere Kinder.“

Vielen Dank für das Interview.

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