Menschenrechte brauchen Teamwork

Vom Rohstoffabbau bis zum Lack-Finish sind weltweit Tausende von Menschen an der Produktion eines Fahrzeugs beteiligt. Mit einem risikobasierten Ansatz trägt Daimler dafür Sorge, die Rechte dieser Menschen zu schützen. Drei Experten erzählen, wie das im Alltag funktioniert.

Hubertus Biegert kennt die sozialen Herausforderungen in der Lieferkette aus erster Hand. Als Leiter Lieferantenqualität für Batteriesysteme steht er nicht nur in engem Austausch mit Lieferanten aus aller Welt, sondern führt auch regelmäßige Vor-Ort-Audits durch. Neben produkt- und umweltspezifischen Themen geht es dabei auch um Arbeits- und Sozialstandards. „Alle unsere Geschäftspartner verpflichten sich dazu, spezifische Nachhaltigkeitsstandards einzuhalten“, erzählt er. „Aber manchmal ist Papier eben auch geduldig. Bei unseren Audits überprüfen wir daher gezielt soziale Aspekte, für die wir im Vorfeld das Risiko einer Verletzung identifiziert haben“, so Biegert. Das kann die hinreichende Qualifizierung von Mitarbeitenden in einem schnell gewachsenen Hightech-Start-up sein. Oder die Verletzungsgefahr durch offene Maschinen in einer Produktionshalle. „Wir sprechen mit den Verantwortlichen, lassen uns Nachweise zeigen, und überprüfen die Schutzausrüstungen.“ Gibt es etwas Wesentliches zu beanstanden, wird das Audit nach drei Monaten wiederholt.

„Alle unsere Geschäftspartner verpflichten sich dazu, spezifische Nachhaltigkeitsstandards einzuhalten“, berichtet Hubertus Biegert.

Nach Jahrzehnten im Beruf hat Hubertus Biegert ein Gespür dafür entwickelt, wo etwas nicht stimmen könnte. Sind die gewünschten Informationen sofort und lückenlos verfügbar? Stimmen die im Vorfeld dokumentierten Sachverhalte mit dem überein, was die Auditoren vor Ort sehen und hören? Fallen ihm Ungereimtheiten auf, weiß der Chemieingenieur genau, wo er gegebenenfalls konkret nachhaken muss.

Der Rahmen: UN-Leitprinzipien

Menschenrechte sind vielfältig. Sie umfassen den Schutz der Privatsphäre und der Selbstbestimmung, ebenso das Recht auf körperliche Unversehrtheit oder die Ächtung von Kinderarbeit, Folter und Sklaverei. Es sind Rechte, die in den Verfassungen der meisten Länder festgeschrieben sind. Und für deren Einhaltung auch Unternehmen Sorge tragen. So steht es in den Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte der Vereinten Nationen.

„Die UN Guiding Principles sind das Rahmenwerk, an dem wir uns orientieren“, sagt Marc-André Bürgel, der bei Daimler die 2019 gegründete Abteilung für Social Compliance leitet. Auf Basis dieser Prinzipien hat das Unternehmen das Human Rights Respect System entwickelt: einen Ansatz, um die Rechte der Menschen in der Wertschöpfungskette zu wahren und dabei zugleich Risiken für das Unternehmen zu minimieren. Dazu zählen das Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit ebenso wie beispielsweise das Recht auf Versammlungsfreiheit, faire Löhne und Arbeitszeiten, Gesundheit und Arbeitssicherheit oder Chancengleichheit. Ziel ist es, Menschenrechte nicht nur innerhalb der weltweit mehreren hundert Konzerngesellschaften in Mehrheitsbeteiligung zu schützen, sondern dies auch bei Lieferanten und Sublieferanten einzufordern. Wie funktioniert das konkret?

„Vereinfacht gesagt reicht die Verantwortung eines Unternehmens so weit, wie der Einfluss reicht. Hier gibt es natürlich Abstufungen. Zunächst geht es um die Wertschöpfung in unseren eigenen Werken und Einheiten und dann um die Aktivitäten bei unseren direkten Lieferanten“, erklärt Marc-André Bürgel. „Unser Ansatz zum Schutz der Menschenrechte bezieht aber auch die tieferen Lieferketten mit ein. Manchmal sind es sechs bis sieben Stufen bis zum so genannten Risiko-Hotspot, der häufig in den Abbaugebieten der Rohstoffe liegt. Auch wenn wir hier keinen direkten Durchgriff haben, erhöhen wir schrittweise die Transparenz und wollen auch über unsere direkten Geschäftsbeziehungen hinaus positiv in die Lieferkette hineinwirken. Angesichts der immensen Komplexität ist hier aber nur ein abgestuftes und risikobasiertes Vorgehen zielführend.“

Das Daimler Human Rights Respect System.

Der Fokus: Soziale Verantwortung systematisch verankern

Mit dem klaren Bekenntnis, sich auch in der tieferen Lieferkette aktiv für Menschenrechte zu engagieren, steht Daimler nicht alleine da. Marc-André Bürgel beschreibt die Entwicklung in den letzten Jahren: „Vor zehn Jahren wurden Menschenrechtsfragen in der Lieferkette vor allem von Menschenrechtsorganisationen thematisiert. Wir haben bereits damals damit begonnen, mit Nichtregierungsorganisationen zu sprechen und diese in unsere Arbeit mit einzubinden – zum Beispiel in der Menschenrechtsarbeitsgruppe des jährlichen Daimler Sustainability Dialogue. Inzwischen hat das Interesse auch bei anderen Stakeholdern stark zugenommen. Kunden fragen kritisch nach, der Kapitalmarkt fordert immer spezifischere Auskünfte und politisch sehen wir eine zunehmende Regulierung.“

Auch die aktuellen Entwicklungen haben dazu beigetragen, dass Menschenrechtsthemen bei Daimler noch systematischer gesteuert werden. Neben den CSR-Abteilungen und den Einkaufsbereichen interessiert sich inzwischen auch das klassische Risikomanagement für Menschenrechtsstandards entlang der Lieferkette. Nicht ohne Grund geschieht diese Entwicklung parallel zum Hochlauf der Elektromobilität: Zentrale Bestandteile der Lithium-Ionen-Batterie stammen teilweise aus Risikogebieten. Besonders im Fokus steht Kobalt, ein mineralisches Erz, das in der Kathode verwendet wird. 2018 stammten mehr als 60 Prozent des weltweit geförderten Kobalts aus der Demokratischen Republik Kongo, einem politisch instabilen Land, in dem der Rohstoff zum Teil unter menschenrechtlich kritischen Bedingungen im Kleinbergbau gewonnen wird.

Vor Ort im Kongo

Zwei Teams von Daimler sind 2018 selbst in den Kongo und nach Südafrika gereist, an den Anfang der Lieferkette. „Zusammen mit dem Auditunternehmen RCS Global haben wir die Minen untersucht, aus denen das Material stammt, das unsere Batteriezellenlieferanten verarbeiten“, so Hubertus Biegert. „Und wir haben Transportwege geprüft, um nachzuvollziehen, ob eine Kobaltlieferung aus einer menschenrechtlich unbedenklichen Mine auch wirklich am Produktionsort ankommt.“

Hubertus Biegert begutachtete die Verschiffung des Kobalts am Umschlaghafen in Südafrika. Einige Zeit später nahm er die Ladung am Zielhafen in Empfang. „Wir konnten mithilfe des Zolls nachvollziehen, dass die Fracht korrekt angemeldet war und die Container unbeschädigt am Zielort ankamen“, erzählt er. Insgesamt 60 Audits hat RCS Global seit 2018 gezielt an den Risiko-Hotspots der Kobalt-Lieferkette durchgeführt. Aktuell wird die Auditierung für eine begrenzte Anzahl an Minen um den Bergbaustandard der Initiative for Responsible Mining Assurance (IRMA) erweitert. Daimlers Ziel: Kobalt künftig nur noch aus zertifiziertem Abbau zu beziehen.

Die Partner: IRMA setzt neue Standards

Damit das Konzept funktioniert, braucht das Unternehmen Partner: Dazu zählen beispielsweise strategische Batteriezellenlieferanten, die sich bereits dazu verpflichtet haben, nur noch zertifiziertes Kobalt zu verarbeiten. Weitere Lieferanten sollen folgen. Auch IRMA selbst ist ein wichtiger Verbündeter bei der Durchsetzung von Menschenrechten. Die Multi-Stakeholder-Initiative hat einen umfassenden und weltweit bislang einzigartigen Standard für verantwortungsvollen industriellen Bergbau entwickelt, der Minen direkt zertifiziert.

„Jeder verwendet Metalle, aber viele Menschen stehen den Auswirkungen des Bergbaus kritisch gegenüber “, sagt IRMA-Geschäftsführerin Aimee Boulanger. „Das ist ein sehr komplexes Geschäft mit vielen Risiken für Unternehmen, Beschäftigte und lokale Gemeinschaften.“ Der von IRMA entwickelte Standard adressiert diese Risiken, da er umfassend ist und alle kritischen Aspekte im Zusammenhang mit dem Bergbau berücksichtigt, auch wenn die Risiken je nach Region unterschiedlich sind: In einer Abbauregion steht etwa das Thema Wasserknappheit im Vordergrund, in einem anderen Land wiederum kann es vor allem um die Belange der indigenen Bevölkerung gehen. Im Kongo stehen insbesondere Arbeitsrechte und der Schutz von Kindern vor gefährlicher Arbeit in Minen im Fokus.

Der IRMA-Standard ermöglicht es Bergbauunternehmen, ihre Leistungen anhand eines Punktesystems in vier Hauptbereichen mit zahlreichen Unteraspekten überprüfen zu lassen. Ein Minenbetreiber kann beispielsweise Arbeitssicherheitskriterien zu 75 Prozent erfüllen und beim Umgang mit Wasser einen Reifegrad von 20 Prozent erzielen. Das Ergebnis schafft Transparenz und dient auch dazu, die eigene Position des Unternehmens zu bestimmen, so dass sowohl externe Stakeholder als auch Bergbauunternehmen selbst verstehen können, wie die Mine im Vergleich zum strengen Standard von IRMA abschneidet. „Wir wollen Bergbauunternehmen auf ihrem Weg zu mehr Nachhaltigkeit begleiten“, so Aimee Boulanger. „Damit verlagern wir die Diskussion und versuchen, durch gemeinsame Anstrengungen, die kontinuierliche Verbesserungen fördern, etwas zu bewegen.“

„Wir wollen Bergbauunternehmen auf ihrem Weg zu mehr Nachhaltigkeit begleiten“, so Aimee Boulanger.

Noch gibt es keine Kobaltmine, die nach dem IRMA-Standard bewertet wurde. Gemeinsam mit Daimler und RCS Global hat IRMA jedoch einen schrittweisen Ansatz zur Bewertung in solch herausfordernden Situationen entwickelt. Dieser Ansatz wird bei einer begrenzten Anzahl von Kobaltminen in der Lieferkette von Mercedes-Benz in der Demokratischen Republik Kongo verfolgt, um sie im Laufe der Zeit anhand einer Reihe spezifischer Anforderungen des IRMA-Standards für verantwortungsvollen Bergbau zu überprüfen. Das gemeinsame Ziel: Befähigung vor Rückzug.

„Wir halten es nicht für den richtigen Weg, wenn sich große Unternehmen ganz aus Risikogebieten zurückziehen“, sagt Marc-André Bürgel. Es bestehe die Gefahr, dass dadurch die Situation für die lokale Bevölkerung weiter verschärft würde. Familien könnten ihre Existenzgrundlage verlieren und wären am Ende schlechter gestellt. Stattdessen sollten die Unternehmen vor Ort engagiert bleiben und substanzielle Veränderungen und Verbesserungen anstoßen. Aimee Boulanger bekräftigt diese Haltung: „Es geht uns darum, ein Bewusstsein zu schaffen für die Menschen, die direkt vor Ort betroffen sind. Wir wollen, dass ihre Interessen gehört werden. Deswegen muss der Dialog auch genau dort, am Anfang der Lieferkette, stattfinden.“

Das Ziel: vor Ort wirksam werden

Hinzu kommt: Kobalt ist bei weitem nicht das einzige Thema, das die Menschenrechtsexpertinnen und -experten von Daimler beschäftigt. Insgesamt hat das Unternehmen 24 kritische Rohstoffe identifiziert, deren Lieferketten bis 2028 systematisch auf Menschenrechtsrisiken überprüft werden sollen – darunter neben Kobalt und Lithium zum Beispiel Glimmer und Naturkautschuk. Eine herausfordernde Aufgabe für die Einkaufsbereiche und das Social-Compliance-Team: „Wir müssen zunächst herausfinden, in welchen unserer Bauteile die Rohstoffe verarbeitet sind“, erklärt Bürgel.

„Wir halten es nicht für den richtigen Weg, wenn sich große Unternehmen ganz aus Risikogebieten zurückziehen“, sagt Marc-André Bürgel.

„Im nächsten Schritt arbeiten wir dann gemeinsam mit den jeweiligen Lieferanten daran, die weit verzweigten Lieferketten transparenter zu machen und die jeweiligen Risiko-Hotspots zu identifizieren. Auf dieser Grundlage werden entsprechende Maßnahmen definiert und umgesetzt.“ Es ist eine aufwändige, kleinteilige und kontinuierliche Arbeit. Aber eine, die sich lohnt. „Schlussendlich soll das, was wir tun, im Sinne nachhaltiger Verbesserungen bei den Menschen vor Ort ankommen.“

Das sieht Aimee Boulanger genauso: „Wir haben zehn Jahre gebraucht, um unseren Nachhaltigkeitsstandard zu entwickeln und möglichst alle Perspektiven einzubeziehen. Die Herausforderung war, die Erwartungen der Zivilgesellschaft zu erfüllen und gleichzeitig die Realitäten des Bergbaus anzuerkennen. Aber am Ende hat der Wille gesiegt, gemeinsame Lösungen zu finden.“ Menschenrechte brauchen Teamwork. Das fängt bei einer kooperativen Unternehmenskultur an, und setzt sich in Branchen- und Rohstoffinitiativen fort.

Für Qualitätsingenieur Hubertus Biegert sind beim Thema Menschenrechte zwei weitere Aspekte entscheidend: Aufklärung und eine offene Kommunikation. „Es macht mich persönlich betroffen, zu sehen, wie gering die gesetzlichen Arbeitsschutzvorschriften in manchen Ländern sind. Gesundheitsgefährdungen, die in Europa zu strikten Vorschriften geführt haben, sind den Menschen dort gar nicht bewusst.“ Bei seinen Audits nimmt sich der Mercedes-Benz Experte viel Zeit, um Grenzwerte zu erläutern und auf die langfristigen Risiken spezifischer Verstöße hinzuweisen. „Wenn Sie das Verhalten von Menschen ändern wollen, müssen Sie zunächst die Motivation verändern“, sagt Biegert.

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