Amsterdam ist ein lebendiges Labor

Als Mobilitätsbeauftragte der niederländischen Metropole hat sich Sharon Dijksma viel vorgenommen: Sie will die Amsterdamer bis 2030 zum kompletten Ausstieg aus dem fossilen Verkehr bewegen. Im Interview verrät sie, worauf es dabei ankommt und wie ihr die Automobilindustrie dabei helfen kann.

Frau Dijksma, was haben Sie als stellvertretende Bürgermeisterin und Mobilitätsbeauftragte mit Amsterdam bezüglich Mobilität vor?

Wir haben ein klares Ziel: Saubere Luft für alle Bürger! Bis 2030 soll Amsterdams Verkehr emissionsfrei sein. Wenn wir im selben Jahr die Richtlinienwerte der Weltgesundheitsorganisation für die Luftqualität einhalten wollen, müssen wir wirklich etwas tun!

2030 ist genau genommen nicht mehr weit weg.

Ja, das stimmt. Gerade am Anfang gab es viele Zweifler: Wie soll das gehen? Was bedeutet emissionsfreier Verkehr für Menschen, die sich ein Elektroauto bisher nicht leisten können? Es war recht schnell klar, dass wenn wir das wirklich schaffen wollen, wir einen gesetzlichen Rahmen schaffen und gleich ein ganzes Bündel an Maßnahmen ergreifen müssen. Zum Beispiel, dass Elektroautos bezahlbar werden, auch als Gebrauchtwagen.

Sharon Dijksma ist seit 2018 stellvertretende Bürgermeisterin und Mobilitätsbeauftragte von Amsterdam. Sie verantwortet neben Verkehr und Transport auch die Wasserversorgung und Luftqualität der einwohnerstärksten Stadt der Niederlande. Die Politikerin der sozialdemokratischen Arbeiterpartei war zuvor Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium und im Kultusministerium in Den Haag. Sie studierte Jura an der Universität von Groningen sowie Verwaltungswesen an der Universität von Twente.

Dann benötigen Sie also auch die Unterstützung der Automobilindustrie?

Ja, natürlich. Dass Automobilhersteller wie Sie, aber auch Leasingunternehmen mit uns zusammenarbeiten ist ganz entscheidend für den Erfolg. Wenn es am Ende keinen Gebrauchtwagenmarkt für Elektroautos gibt und Menschen mit Durchschnittseinkommen sich kein E-Fahrzeug leisten können, dann werden wir es nicht schaffen. Mit Daimler arbeiten wir heute schon an einem gemeinsamen Weg, um unserem Ziel „Zero Emission 2030“ Stück für Stück näherzukommen.

Die neue Generation: smart EQ fortwo coupé. Stromverbrauch kombiniert 16,5 – 14,0 kWh/100km, CO2-Emissionen kombiniert: 0 g/km.

Wie kann Daimler also in Ihren Augen zu einer lebenswerten Stadt wie Amsterdam beitragen?

Sie wollen die Zukunft der Mobilität gestalten, richtig? Dass Sie sich dabei auf saubere Verkehrsmittel konzentrieren, begrüßen wir sehr! Gemeinsam mit Ihrem Urban Mobility Team haben wir in diesem Jahr an verschiedenen Mobilitätsprojekten gearbeitet. Dass Sie als Partner der Stadt Amsterdam zusammen mit uns nach Lösungen suchen, ist ein wesentlicher Beitrag! Von diesem Blick über den eigenen Tellerrand profitieren am Ende beide Seiten. Gemeinsam können wir einen gerechten Zugang zur Elektromobilität gestalten. Dabei denke ich an den Kauf von Elektrofahrzeugen aus zweiter Hand oder die Möglichkeit, seinen E-Neuwagen zu teilen!

Wie gerne teilen die Amsterdamer denn schon heute?

In Amsterdam nutzen bereits viele unsere Bürger und Touristen elektrifizierte Angebote. Überall in der Stadt können Sie mit Ihrem Carsharing-Auto kostenlos parken. Solche Anreize sind unglaublich wichtig. Denn: Veränderung erzeugt immer auch Unsicherheit. Das gilt im Übrigen auch für Mobilität. Damit unsere Bürger den Wandel mitgehen, müssen wir diesen so einfach und attraktiv wie möglich machen. Wenn Daimler uns dabei mit dem Ausbau von Angeboten und den passenden Fahrzeugen unterstützt, wäre das ein großer Schritt.

Kostenloses Parken soll Anreize für Carsharing bieten.

Das heißt auch in Amsterdam ist beim Carsharing noch Luft nach oben?

In unserer Stadt sind schon einige Anbieter vertreten. Aktuell versuchen wir weitere Carsharing-Unternehmen mit elektrischen und umweltfreundlichen Fahrzeugen dazuzugewinnen. Klar ist: Wir brauchen sie nicht nur im Stadtzentrum, sondern vor allem in weiter entfernten Vierteln. Das sind mitunter jene Viertel, in denen es im Moment noch nicht üblich ist, Autos zu teilen – vor allem nicht Elektroautos. Unser Ziel ist es, das Angebot auch dorthin auszudehnen.

Saubere Mobilität bedeutet alternative Antriebe. Bis 2025 wollen Sie zwischen 16.000 und 23.000 Ladestationen im Stadtgebiet installieren. Welche Hürden gibt es bei der Umsetzung?

Wir entwickeln gerade in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft neue Lösungen für intelligente Ladestationen, die bei Spitzenlast im Stromnetz langsamer und in Zeiten geringen Stromverbrauchs schneller sind. Darüber hinaus sollten diese Ladestationen auch Strom ans öffentliche Netz zurückgeben können. Was vielleicht nicht jeder weiß: Wenn jeder Bürger ein Elektroauto nutzt, wird viel mehr Strom benötigt, als es bisher der Fall ist.

Was heißt das fürs Stromnetz in Amsterdam?

Das Stromnetz muss damit zurechtkommen – vor allem damit, dass am gleichen Ort zur gleichen Zeit mehr Energie benötigt wird. Wir entwickeln gerade eine Ladestrategie fürs kommende Jahr, die nicht nur Privatfahrzeuge, sondern auch den Nahverkehr und den Bootsverkehr auf den Kanälen berücksichtigt. Denn auch die Schifffahrt im Stadtgebiet soll bis 2030 vollelektrisch sein, im Zentrum bereits bis 2025. Wir brauchen also eine gute Strategie, um all diesen Menschen Ladestationen zur Verfügung zu stellen und gleichzeitig das Netz auf diesen intensiven Betrieb vorzubereiten. Dabei spielt es selbstverständlich auch eine Rolle woher wir den Strom beziehen. Erneuerbare Energiequellen müssen unser Anspruch sein.

Welche Bedeutung haben Mobilitätskonzepte?

Um den Übergang zum emissionsfreien Verkehr wirklich zu realisieren, werden wir nicht ohne neue, alternative Mobilitätslösungen auskommen.

Warum geht das gerade in Amsterdam so gut?

Wir experimentieren viel, Amsterdam ist sozusagen ein lebendiges Labor mit fast 880.000 Einwohnern. Im Jahr 2030 werden hier voraussichtlich eine Million Menschen leben. Unsere Botschaft an Unternehmen und Hersteller lautet deshalb: Wenn Sie ein lebendiges Labor benötigen, um neue Konzepte zur Mobilität zu finden oder neue Erfahrungen damit zu machen, besuchen Sie uns. Ich bin gespannt, was wir gemeinsam auf die Beine stellen können.

Was können andere europäische Städte im Moment schon für die Umstellung auf emissionsfreien Verkehr von Amsterdam lernen?

Wahrscheinlich könnten sie von uns lernen, Entscheidungen zu treffen und die Messlatte hoch zu legen. Aber für mich geht es eher darum, Erfahrungen zu teilen. Worin wir wirklich gut sind, ist der Ausbau von Ladestationen, insbesondere im öffentlichen Bereich. Wir verfügen bereits heute über ein gutes Netzwerk.

Beim Free-Floating Carsharing-Anbieter SHARE NOW haben sich seit Jahresbeginn etwa 1 Million Kunden neu registriert. (Stromverbrauch kombiniert: 20,2 –12,9 kWh/100 km, CO2-Emissionen (kombiniert): 0 g/km).

Inwiefern hilft Ihnen moderne Technologie, einen urbanen Lebensstil, Effizienz und Umweltschutz in Einklang zu bringen?

Mit unserer App lässt sich ein komplettes System von Verkehrsmitteln buchen. Gemeinsam mit den öffentlichen Verkehrsbetrieben der vier größten Städte arbeiten wir aktuell daran, die Wahl der Fortbewegungsmöglichkeiten in unseren Städten zu erleichtern und ständig zu optimieren. Dazu nutzen wir selbstverständlich Daten, von denen am Ende unsere Bürger und Besucher profitieren.

Also ist Amsterdam bereits eine Smart City?

Ja. Wir sind eine Smart City, aber es ist nichts falsch daran, jeden Tag ein bisschen smarter zu werden. Wir müssen noch viel tun.

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