An Profit ist nichts verkehrt

L. Hunter Lovins bekam als Pionierin auf dem Gebiet nachhaltiger und regenerativer Energien bereits 1983 den Alternativen Nobelpreis. Das Time Magazine hat sie als „Hero of the Planet“ ausgezeichnet. Seit Jahrzehnten beschäftigt Lovins sich damit, wie Unternehmen ressourcenschonend und gleichzeitig gewinnbringend wirtschaften können. Dass ihre Vision einer nachhaltigen Wirtschaft im Dienste des Menschenwohls keine Utopie ist, erklärt sie in „Nägel mit klugen Köpfen“.

Die US-Amerikanerin L. Hunter Lovins hat einen Abschluss in Rechtswissenschaften, Politikwissenschaft und Soziologie sowie mehrere Ehrendoktorwürden. Derzeit ist sie Professorin für Nachhaltigkeitsmanagement an der Bard MBA in New York City, Mitbegründerin von Tree People und dem Rocky Mountain Institute und sie ist Präsidentin von der Natural Capitalism Solutions (NCS). Ihre Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, eine Wirtschaft im Dienste des Lebens durch Bildung, innovative Lösungen und die Stärkung der Jugend aufzubauen. NCS hilft Unternehmen, Gemeinden und Ländern, mehr regenerative Praktiken gewinnbringend umzusetzen.

Mrs. Hunter, Sie haben Politikwissenschaften und Soziologie studiert und tragen einen Doktortitel der Loyala Law School. Was hat Ihre Neugier geweckt, sich für die Umwelt einzusetzen?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich eine Wahl hatte. Meine Mutter engagierte sich gewerkschaftlich im Kohleabbau in West-Virginia und mein Vater war in der Martin Luther King-Bewegung engagiert und unterstützte Cesar Chavez (Anm. d. Red. Gründer der US-amerikanischen Landarbeitergewerkschaft). Meine Familie war nie reich – deswegen haben wir unseren Urlaub in der freien Natur verbracht und konnten zusehen, wie die Schönheit immer weiter abnahm. Die Verantwortung für den Erhalt unseres Planeten zu übernehmen, schien richtig. Meine wissenschaftlichen Arbeiten sind darauf ausgerichtet, wie man Probleme auf praktische Weise löst. Durch diesen Ansatz arbeite ich oft mit Organisationen zusammen, die die meisten Aktivisten als „Feinde“ betrachten. Ich bemühe mich immer zu verstehen, was beide Seiten interessiert und wie wir zusammen Lösungen finden, die für beide Seiten funktionieren.

In Ihrem jüngsten Buch „A Finer Future“ geht es darum, Wirtschaft, Finanzen, Energiewirtschaft und andere Bereiche unserer Gesellschaft so zu verändern, dass sie für jeden von uns funktionieren. Warum tun wir uns so schwer damit, dass Leben und Arbeit für alle verträglich sind?

Der Neoliberalismus zum Beispiel lehrt uns, dass Märkte perfekt sind und sich selbst regulieren. Es wäre schön, wenn dass der Fall wäre. In der realen Welt gibt es natürlich starke Interessensgruppen, die ihren Einfluss auf die Märkte ausüben. Jedes Jahr liegen etwa die globalen Subventionen für fossile Brennstoffe wie Kohle, Gas und Öl bei über 5,2 Billionen US-Dollar. Dadurch werden sie stärker nachgefragt, als wenn sie auf einem echten Markt konkurrieren müssten. Trotz allem sind erneuerbare Energien heute im Wesentlichen überall günstiger als fossile Energien. Ohne solche Subventionen hätten wir den Wandel zu erneuerbaren Energien, Elektroautos und zu einer nachhaltigeren Art, Geschäfte zu machen, bereits geschafft. Es ist erstaunlich, dass selbst bei Eigeninteressen und Subventionen die erneuerbaren Energien beginnen, zu gewinnen. Es ist an der Zeit, die Geschichte zu verändern und zusammenzurücken, um eine Welt zu schaffen, die für alle funktioniert.

„Ohne Subventionen fossiler Brennstoffe, hätten wir den Wandel bereits geschafft“, so Hunter Lovins.

Der Untertitel Ihres Buches lautet „Creating an Economy in Service to Life“. Denken Sie, dass eine Wirtschaft, die sich in den Dienst des Lebens stellt, immer noch profitabel sein kann?

An Profit ist nichts verkehrt. Aber wenn wir die realen Kosten in unserer Wirtschaft, die von dem Abbau des Ökosystems ausgehen, in die regulären Wirtschaftsprozesse einrechnen, wäre keine Firma der Welt profitabel. Wirtschaft sollte immer im Dienste des Wohlstands der Menschen und der Gesundheit des Ökosystems stehen. Dieser Gedanke verändert die Sichtweise aufs unternehmerische Handeln. Verantwortungsvolles Verhalten gegenüber Mensch und Umwelt wird den Gewinn der Aktionäre sogar steigern: Das Carbon Disclosure Project (CDP) hat gezeigt, dass diejenigen, die den CO2-Abdruck ihrer Firmen messen und managen, ihren Return on Investment gegenüber Mitbewerbern, die das nicht tun, um bis zu 18 Prozent steigern. Unternehmen, die durch den Wechsel zu zunehmend günstigeren erneuerbaren Energien ihre Energieeffizienz verbessern, senken ihre Kosten. Es geht hier nicht nur um das Überleben der Eisbären. Es geht darum, intelligenter Geschäfte zu machen, so dass alle profitieren. Das ist der Grund dafür, warum jetzt ganze Länder, hunderte von Unternehmen, wie etwa Daimler, tausende Städte und Millionen von Menschen daran arbeiten, auf Erneuerbares zu setzen.

Verstehen wir Sie richtig, dass Nachhaltigkeit für Sie nicht nur heißt, das Richtige zu tun, sondern auch das Cleverste und Profitabelste?

Ja. Unser Planet befindet sich in einer Existenzkrise. Wir können die Abwärtsspirale jedoch noch umkehren, indem wir die Energiewende beschleunigen, den CO2-Ausstoß verringern und eine regenerative Landwirtschaft aufbauen. Unternehmen können so viel tun, um zu helfen: General Mills unterstützt Bauern auf einer Fläche von einer Million Hektar bei der Umstellung auf regenerative Landwirtschaft. Ich habe gesehen, dass Daimler bei der IAA eine ganze Bandbreite an Elektroautos und Plug-in Hybriden präsentiert hat. Ich selbst fahre ein Elektroauto und ich liebe es. In etwas weiterer Zukunft werden wir von hochautomatisierten Autos gefahren – und zwar on demand. Das wird günstiger sein, als ein privates Auto zu unterhalten. Ebenso wird unser Strom aus erneuerbaren Energien stammen, mit Batteriespeicherkapazitäten als Dienstleistungsangebot. Oder vielleicht wird das eigene Auto zur Batterie: die Batterie eines elektrisch betriebenen Fahrzeugs wird normalerweise nur für ein paar Stunden am Tag genutzt. Die verbleibende Zeit, sollte die Speicherkapazität dann zur Verfügung gestellt werden. Wenn sich der Wandel dann auch noch ökonomisch für jeden von uns lohnt, stellen Menschen schneller auf einen CO2-armen Lebensstil um.

Und was müssten wir tun, damit Sie einen Mercedes fahren?

Oh, ich würde gerne eines Ihrer neuen Elektroautos fahren. Noch lieber würde ich mit einer App die nächste autonome Mercedes-Fahrt buchen. Wenn Sie das Fahrzeug mit der besten Leistung entwickeln, gehört Ihnen der Markt.

Der EQC (Stromverbrauch kombiniert: 20,8 – 19,7 kWh/100 km; CO2-Emissionen kombiniert: 0 g/km)** feiert auf der CES 2019 in Las Vegas seine US-Premiere.

Sie haben sich mit Ihrer Non-Profit-Organisation Natural Capitalism Solutions dem Ziel verschrieben, praktische und erschwingliche Lösungen für die Probleme der Menschheit zu entwickeln und umzusetzen, um eine nachhaltige Zukunft zu schaffen. Was ist Ihr Schlüssel zur Lösungsfindung?

Wir suchen weltweit nach erfolgreichen profitablen Möglichkeiten, um die Klimakrise, den Verlust der Biodiversität und die Ungleichheit auf diesem Planeten anzugehen. Es gibt unzählige Ideen und viele Menschen, die mit Herzblut daran arbeiten. Viele Lösungen sind jedoch nicht wirtschaftlich und sozialgerecht. Ein Beispiel: Ich habe mit einer Gruppe gesprochen, die behauptet, einen Katalysator entwickelt zu haben, der unter Wasserstoffeinwirkung viel Wärme erzeugt. Dieser energetische Nebeneffekt soll nicht ungenutzt bleiben, sondern alten Kohlekraftwerke als Wärmequelle dienen – statt Kohle zu verbrennen. Kohle muss eliminiert werden, kein Zweifel. Auf meine Frage, was die Kilowattstunde kosten soll, hatten sie allerdings keine Antwort. Das ist okay, weil sie etwas ganz Neues entwickeln. Aber wenn der Preis pro Kilowattstunde am Ende über 3 Cent liegt, bleibt es ein spannendes Physikexperiment. Wind, Solar und die anderen erneuerbaren Technologien, die jetzt auf dem Markt sind, liefern Strom und Speicher für weniger als 3 Cent. Was ich sagen möchte: Lasst uns mit den günstigsten und effektivsten Methoden anfangen.

Sie haben einmal gesagt, zu wissen, wo man anfangen soll, kann die größte Herausforderung sein. Als Automobilkonzern investieren wir in den Aufbau unserer Elektroflotte, bis 2022 sollen zudem alle europäischen Werke CO2-neutral sein. Wo könnten wir in unserer Branche noch Pionierarbeit für die Nachhaltigkeit leisten?

Ich denke, Unternehmen haben eine besondere Verantwortung. Daimler zum Beispiel tut dies unter anderem dadurch, dass Sie mit Stakeholdern diskutieren und fragen, was sie beitragen können, um eine bessere Zukunft aufzubauen. Unternehmen, die ihre Kunden, ihre Mitarbeiter und die Gemeinden, in denen sie tätig sind, einbinden, haben die Chance, eine größere Markentreue und ein größeres Engagement zu erreichen. In der heutigen Welt sind diese Faktoren entscheidend für die Rentabilität. Daimler nimmt es als Unternehmen bereits ernst, im Dienst für eine bessere Zukunft zu stehen und hat gute Programme für die Umsetzung. Aber ich würde noch weitergehen. Daimler sollte mit allen Interessengruppen zusammenarbeiten, um an einer CO2-neutralen Zukunft zu planen. Loyalität und Vertrauen der Menschen ist in so einem Transformationsprozess zentral. Was die Unternehmenskultur betrifft, sollte jeder Daimler-Mitarbeiter das Gefühl haben, er kommt zur Arbeit und kann den Wandel mitgestalten. Sie müssen auf der Arbeit das tun, was sie sich für ihre Familien und ihr Umfeld wünschen. Das ist der Nährboden für authentisches Engagement, Innovation und Profitabilität.

Wie hoch schätzen Sie den Effekt auf die Mitarbeiterbindung und -gewinnung ein, wenn Unternehmen nachhaltig und umweltbewusst agieren?

Es ist ein entscheidender Effekt. Jedes Unternehmen, das sich authentisch zur Nachhaltigkeit verpflichtet hat, wird auch als Arbeitgeber deutlich positiver wahrgenommen. Menschen wollen dort arbeiten, ihren Teil beitragen. Eine engagierte Belegschaft bedeutet eine mindestens 18 Prozent höhere Produktivität und eine 16 Prozent höhere Rentabilität, so der Gallup-Index. Studien haben gezeigt, dass 96 Prozent der jungen Menschen in einem Unternehmen arbeiten möchten, das sie in die Prozesse einbezieht, die Einfluss auf die Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells haben. Das sind alles Aspekte, die wir unter dem Begriff ‚The Integrated Bottom Line‘ fassen.

Sie sagen, die Menschheit verfügt bereits über alle Technologien, die sie benötigt, um den klimatischen Kollaps abzuwenden. Sie bräuchte vielmehr einen neuen Sinn, ein „Wozu“, um zu beginnen. Wie könnte das aussehen?

Mein Kollege und Co-Autor John Fullerton sagt: „Nachhaltigkeit ist das Ergebnis eines regenerativen Systems von Verhalten, das menschliches und natürliches Kapital regeneriert.“ Das bedeutet, sich verantwortungsbewusst gegenüber Menschen und dem Planeten zu verhalten. Was könnte also Menschen dazu bringen, das zu tun? Wir haben ein Leben lang gelernt, dass Geld der einzige Maßstab für den Erfolg ist. Aber wenn Forscher fragen, ist die Antwort: ‚Wir wollen glücklich sein‘. Ein Gefühl von Zugehörigkeit, körperliche Gesundheit und ein Sinn für Ziele sind in vielerlei Hinsicht für die Menschen wichtiger als Geld. Und Regenerative Systeme dienen genau diesem Gemeinwohl. Menschen brauchen ein Mitspracherecht in den Systemen, die sie betreffen. Das regenerative System entfesselt den Unternehmergeist und ermöglicht den Wohlstand, der auf den verschiedenen Ökosystemen basiert, schätzt unsere Räume und Gemeinden, hält die Balance zwischen Effizienz und Belastbarkeit und stellt die richtige Beziehung zwischen der Wirtschaft, unserer Gesellschaft und der Gesundheit des Planeten sicher. Unsere globale Wirtschaft entwickelt sich vorteilhaft, wenn jeder integer handelt. Wenn jeder Ort auf dem Planeten seine eigene Integrität und seinen eigenen Wohlstand hat, dann haben wir alle den Wohlstand, den wir uns wünschen. Dieser Ansatz heißt Doughnut Economics und beschreibt auf eine neue Art, was es heißt Geschäfte zu machen. Es ist die bessere Geschichte für unsere Zukunft.

Die Daimler AG treibt mit Hochdruck den Ausbau des globalen Batterie-Produktionsverbunds voran und schafft so die Voraussetzungen für die divisionsübergreifende Elektro-Offensive. Die Batteriefabrik in Kamenz ist eine von insgesamt acht Fabriken an sechs Standorten auf drei Kontinenten.

Das Time Magazine hat Sie als „Hero of the Planet“ ausgezeichnet, Sie haben bereits 1983 den „Alternativen Nobelpreis“ der Right Livelihood Stiftung und weitere Preise für Ihre wegweisenden Konzepte der sanften Energie erhalten. Und doch dauerte es mehr als 30 Jahre, bis ein spürbares Umdenken einzusetzen scheint. Waren Sie nie entmutigt auf Ihrem Weg?

Natürlich, viele Male. Einige meiner Vorbilder starben, bevor sie die Veränderung sehen konnten. Und ich dachte eine Zeit lang, ich würde auch vorher sterben. Aber: Ich bin immer noch da und sehe, wie die Veränderung immer mehr an Fahrt gewinnt. Ob wir es schaffen werden? Ich weiß es nicht. Es ist ein harter Wettlauf gegen eine Katastrophe. Die gute Nachricht ist: Wir sind in einem Rennen. Wir wissen, was zu tun ist. Wir haben die Technologie, die dafür erforderlich ist. Werden wir es tun? Das ist die Frage, die sich für jeden von uns stellt.

Eine letzte Frage, um unsere Neugier zu befriedigen: Warum tragen Sie immer einen Cowboyhut?

(lacht) Weil ich ein Cowgirl aus Colorado bin.

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