„Keiner hat gesagt, es würde einfach“ Polarforscher Arved Fuchs

Mit dem Segelschiff, auf Skiern, im Hundeschlitten oder Kajak: Seit vierzig Jahren beobachtet Arved Fuchs auf seinen Expeditionen, wie sich die Natur rund um den Globus verändert. Ein Gespräch mit Deutschlands bekanntestem Polarforscher – über Grenzerfahrungen, Klimadeiche und eine neue Nachdenklichkeit.

Herr Fuchs, was macht ein Abenteurer wie Sie in Zeiten von Corona?

Nun, es ist immer die Frage, wie man „Abenteurer“ definiert. Ein Journalist schrieb letztens, ich sei „Auf Expedition im Home-Office“. Das trifft es ganz gut, denn es gibt hier jede Menge zu planen und aufzuarbeiten. In wenigen Tagen starten wir unsere nächste Expedition. Damit ist auch immer viel Schreibtischarbeit und Bürokratie verbunden. Außerdem habe ich die Zeit genutzt und ein neues Buch zum Thema Klimawandel geschrieben.

Sie sind der jeweils erste Mensch, der Nord- und Südpol innerhalb eines Jahres zu Fuß erreicht hat, der Grönland mit dem Hundeschlitten durchquert hat und der erste und bislang einzige, der das Kap Hoorn im Winter mit dem Kajak umrundet hat – sind es solche Rekorde, die Sie antreiben?

Als junger Mann hatte ich immer ein Faible für Natursportarten, auch für Extremsportarten – und ich habe Herausforderungen gesucht. Herausforderungen waren für mich immer das Salz in der Suppe des Lebens. Aber man entwickelt sich im Laufe seines Lebens weiter. Diese Rekorde gehören zu meiner Biografie dazu. Sie haben mich maßgeblich geprägt. Aber wenn ich heute aufbreche, dann tue ich das nicht, um neue Rekorde zu sammeln. Das wäre auch ein wenig absurd, schließlich bin ich ja auch älter geworden. Mich interessiert, was hinter den Kulissen geschieht. Und ich sehe mich auch ein bisschen in der Pflicht des Chronisten. Ich will der Natur etwas wiedergeben. Sie hat mir so viel vermittelt und gegeben, dass ich heute etwas Lobbyarbeit für die Natur machen möchte.

Die Natur hat mir so viel vermittelt und gegeben, dass ich heute etwas Lobbyarbeit für sie machen möchte.

Arved Fuchs, Polarforscher

Seit mehr als vierzig Jahren sind Sie in den Polarregionen dieser Erde unterwegs und damit zu einem Zeitzeugen des Klimawandels geworden. Können Sie sich noch erinnern, als Sie das erste Mal feststellten, wie sich die Natur verändert?

Wissen Sie, wenn Sie solche Expeditionen machen, dann müssen Sie zu einem extrem guten Beobachter werden. Sie müssen in der Natur lesen können. Sie müssen einen aufziehenden Sturm erkennen können, einschätzen können, ob das Eis Sie trägt oder nicht. Das sind die Parameter, die zum Handwerk dazu gehören. Und Umweltthemen haben mich immer beschäftigt. Die ersten Anzeichen einer Klimaerwärmung habe ich eher subtil wahrgenommen. Aber die größte Erkenntnis kam wirklich so um die Jahrtausendwende, als wir völlig irritiert vor bestimmten Regionen standen, wo wir jahrelang immer im Eis stecken geblieben waren – und plötzlich war alles offen. Da stellt man sich natürlich die Frage, ob das alles nur eine Unregelmäßigkeit in den Naturabläufen ist oder eine Tendenz? Und dann habe ich angefangen, mich mit Wissenschaftlern darüber zu unterhalten und entsprechende Berichte zu lesen. Ich hatte auch immer sehr engen Kontakt mit der indigenen Bevölkerung, die auch solche Beobachtungen gemacht haben. Da wurde mir irgendwann klar, dass es nicht mein subjektiver Eindruck war, sondern wirklich eine Entwicklung.

Wie besorgt sind Sie?

Naja, wenn ich sehe, dass der Kohleausstieg bis 2038 stattfinden soll, dann kann ich mich darüber nicht freuen. Es ist ja allgemein im Bewusstsein angekommen, auch bei den politisch Handelnden, dass nun wirklich etwas passieren muss. Wir müssen die Emissionen drastisch reduzieren. Und dazu gehört auch, dass wir die Kohleverstromung eingrenzen – und zwar so schnell wie möglich. Wir können das nicht auf die lange Bank schieben, weil die Natur nicht wartet. Wir Menschen werden immer mehr auf dieser Erde und wir haben einen dadurch immer kleiner werdenden Lebensraum zur Verfügung, den wir uns irgendwie teilen müssen. Wenn wir die Natur weiterhin so verändern wie wir das jetzt tun, dann schaffen wir unglaubliche Konfliktpotenziale. Klimaschutz, Naturschutz, Nachhaltigkeit sind keine grüne Spinnerei, sondern liegen im Interesse aller Menschen.

Klimaschutz, Naturschutz, Nachhaltigkeit sind keine grüne Spinnerei, sondern liegen im Interesse aller Menschen.

Arved Fuchs, Polarforscher

Mit Ihren Expeditionen haben Sie immer auch Grenzerfahrungen gemacht – nicht nur bei dem, was Sie beobachtet haben, sondern auch mentaler Natur. Gab es Strategien, die Ihnen geholfen haben in schier ausweglosen Situationen?

„Never give up“ – das ist mein Credo und meine interne Lebensversicherung. Wenn man in einem kleinen Schiff oder in einem Hundeschlitten irgendwo auf dünnem Eis unterwegs ist und es stürmt und die Sicht ist schlecht, sich dann hinzusetzen und zu sagen: „Ach, das ist aber alles furchtbar ungerecht und warum ist denn die Natur so gemein?“ – das ist völlig deplatziert und es hilft einem nicht ein bisschen weiter. Deshalb kann nur die Devise sein: „Du hast es dir so ausgesucht, du wolltest es so – und nun sieh verdammt nochmal zu, dass du dich und dein Team hier wieder heil rausbringst!“ Nicht ängstlich sich verkriechen und darauf hoffen, dass irgendjemand anderes das Problem lösen wird. Das ist überhaupt das Dilemma, in dem die ganze Menschheit steckt. Dass jeder meint, irgendjemand anderes würde alle Probleme lösen. So ist es nicht. Wir müssen unsere Probleme selbst lösen, das gilt im Großen wie im Kleinen.

Und wenn man scheitert?

Ich bin ja einige Male gescheitert. Scheitern gehört eben auch zum Erfolg hinzu. Die Ziele, die ich mir gesetzt habe, sind ja teilweise so ehrgeizig gewesen, dass die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns sehr eng am Erfolg lag. Die Kunst des Expeditionsreisens besteht darin, seine Ziele so zu setzen, dass man auch eine faire Chance hat, sie zu erreichen. Oder, wenn die Bedingungen zu schlecht sind, dass man immer auch eine faire Chance hat, sich zurückzuziehen. Sich in Gefahr begeben und umzukommen, das kann jeder Dummkopf. Man kann alles machen, aber man muss immer wissen, wo seine Grenzen sind und immer ein bisschen Reserven einbauen. Nur dann bringt es auch Spaß. Wenn ich mich pausenlos überfordere und mir das Heft aus der Hand gleitet, dann ist das nur noch ein Glücksspiel.

Welche Ihrer Reisen hat Sie am meisten geprägt?

Ich glaube, das ist die ICEWALK-Nordpolexpedition gewesen. Und zwar auch deshalb, weil wir ein großes Team waren, ein achtköpfiges, internationales Team. Da gab es große kulturelle Unterschiede, sprachliche Barrieren. Und eine Nordpolexpedition muss man sich so ziemlich als das Schwierigste im Polarbereich vorstellen. Rund tausend Kilometer über einen zugefrorenen Ozean bei extremer Kälte unterwegs zu sein, sich immer in Gefahr befindend. Das war eine enorme mentale und physische Herausforderung. Aber ich glaube, ich habe noch nie so viel gelernt auf einer Expedition. Gerade auch im Umgang mit anderen Menschen.

Sind Sie als Abenteurer nicht eher das, was man unter einem klassischen Einzelkämpfer versteht?

Ja, ich habe auch Soloexpeditionen gemacht. Ich habe auch mit dem Alleinsein nicht das Problem. Aber oft kam ich mir dann so vor, wie ein Buchhalter in der Wüste (lacht). Man sieht einen wunderbaren Eisbären, man staunt und anschließend sitzt man in seinem Zelt und schreibt in sein Tagebuch: „Habe heute einen Eisbären gesehen.“ Ich bin eher derjenige, der den anderen anstößt und sagt: „Mensch, guck mal, ist das nicht ein grandioses Tier, sieht das nicht toll aus?“ Jeder Mensch multipliziert doch auch Erlebnisse, Eindrücke, Erfahrungen. Man kann sich austauschen. Deshalb bin ich ein bekennender Teamplayer.

Nun steht die nächste Fahrt mit Ihrem Schiff unmittelbar bevor, am 18. Juli starten Sie an die deutsche Nordseeküste. Welches Ziel hat die Reise?

Das wirkt auf den ersten Blick so, als wolle man jetzt nicht mehr in die Ferne schweifen. Aber das hat natürlich einen anderen Hintergrund. Wir beobachten in unserem Projekt „Ocean Change“, wie sich die Ozeane verändern. Dafür waren wir in der Antarktis, in Patagonien, am Kap Hoorn, in Grönland und Island unterwegs und ich bin immer wieder nach Hause gekommen und hab gesagt: „Mensch, in Grönland sieht man den Klimawandel ganz besonders“. Irgendwann ist mir bewusst geworden, dass man eigentlich gar nicht mehr nach Grönland fahren muss, weil der Klimawandel längst bei uns an den Küsten angekommen ist. An der Nordsee baut man jetzt sogenannte „Klimadeiche“. Deiche, die breiter und höher sind und die einem steigenden Meeresspiegel zumindest bis zum Ende des Jahrhunderts standhalten sollen. Was bedeutet das für die Menschen und die Wirtschaft? Wie steht es um Windkraft, Fischerei und Mikroplastik? Auf der Reise will ich mit allen Playern ins Gespräch kommen. Aber nicht, um zu moralisieren oder Schuldzuweisungen zu treffen. Ziel ist es, die Menschen mitzunehmen, sie für die Thematik zu interessieren und zu sensibilisieren.

Sind die Menschen auch bereit, zuzuhören?

Ich glaube, dass das regional sehr unterschiedlich ist. Dort, wo es die Menschen betrifft, da hat man natürlich eine erhöhte Sensibilität: Wenn Sie mit einem Hallig-Bewohner sprechen, der weiß, dass sein Haus auf einer höheren Warft neugebaut werden muss – das hat einen wahnsinnigen Impact auf sein Leben. Es gibt ja viele verschiedene Indikatoren für den Klimawandel und je mehr die Menschen davon betroffen sind, desto mehr lässt auch die Verniedlichung des Problems nach. Diese Bagatellisierung nach dem Motto: „Dann ist es eben ein bisschen wärmer und dann wachsen hier Palmen und brauchen wir nicht mehr in den Süden zu fahren“ – das nimmt deutlich ab. Die Menschen erkennen zunehmend, dass sie selbst das Steuerungsorgan sind. Ich glaube auch, dass die Corona-Krise unserem Gefühl, vermeintlich unverletzbar zu sein, einen Knacks verpasst hat. Und meiner Meinung nach ist es ganz gut, dass sich unser Bewusstsein einer gewissen Nachdenklichkeit unterworfen hat.

Weil Sie gerade von Bagatellisierung sprachen: In den Diskussionen um die Ursachen des Klimawandels sprechen die Klimaskeptiker oft von natürlichen Klimavariationen – und begrenzten Einflussmöglichkeiten des Menschen. Wie begegnen Sie denen?

Mit Fakten. Natürlich hat es Klimawandel immer gegeben und die natürlichen Mechanismen sind ja auch nicht außer Kraft gesetzt. Bloß wir müssen uns unser Klima wie ein geschlossenes System vorstellen. Wie einen Raum, in dem eine gewisse Balance herrscht. Und in diesem Raum, in dem wir gut atmen können, emittiert jetzt Einer ständig Kohlenmonoxid. In geringem Maße, so 1%. Es ist eine Frage der Dauer bis die Leute alle schläfrig und müde werden und dann an Kohlenmonoxid-Vergiftung sterben. Und beim Klima ist es genauso: Wir emittieren in ein geschlossenes System immer mehr CO2. Die Ozeane nehmen sehr viel CO2 auf, sind aber irgendwann auch gesättigt, verändern ihre Chemie. Das heißt, es hat ganz viele Auswirkungen und vor allem: Das Klima wird wärmer. Es ist also eine Frage der Zeitdauer. Aber zu sagen, nur ein oder zwei Prozent des CO2 wird von Menschen emittiert – das ist eine Rechnung, die so nicht aufgeht, weil wir es mit einer permanenten Einleitung von Emissionen zu tun haben.

Glauben Sie daran, dass es uns gelingt, die verheerenden Folgen des Klimawandels noch abzuwenden?

Wir müssen es. Wissen Sie, ich bin notorischer Optimist, sonst könnte ich solche Projekte ja gar nicht machen. Doch! Wir haben ja die Technologien und ich will auch gar nicht kleinreden, sondern wertschätzen, was alles passiert ist mittlerweile. Im Frühjahr haben wir beispielsweise in Deutschland über 50% der Energie aus Erneuerbaren produziert. In den Achtzigerjahren hätte nie einer geglaubt, dass Windenergie einmal einen nennenswerten Beitrag im Energiemix von Deutschland als Industriestandort darstellen würde. Natürlich ist sehr viel Engineering gefordert. Das ist mir klar. Und wenn wir beim Automobilbau sind, ist mir auch klar, dass das batteriebetriebene Fahrzeug allein vielleicht auch nicht die Lösung aller Probleme bedeutet. Es wird wie in so vielen Dingen sein: Ein Mix aus unterschiedlichen Technologien. Und das ist doch gerade für Deutschland als Industriestandort mit dem weltbekannten Engineering eine Herausforderung, in der ein unglaubliches Weltmarktpotenzial liegt.

Von welchen Technologien versprechen Sie sich in Sachen Dekarbonisierung am meisten?

Ich stecke sehr viel Hoffnung in Wasserstofftechnologie, muss ich Ihnen sagen. Ich weiß, da begebe ich mich auch auf dünnes Eis, weil viele Leute sagen, Wasserstoff sei sehr energieaufwendig in der Produktion. Das ist ja richtig. Wenn ich hier aus dem Fenster schaue, bei uns in Norddeutschland ist es sehr stürmisch im Moment, die Hälfte der Windräder steht still, so dass keine Überlastung des Stromnetzes zustande kommt. Diesen Überschuss an Strom könnte man wunderbar nutzen, offshore wie onshore, um die grüne Wasserstoffproduktion anzukurbeln. Mir ist das klar, dass das nicht so eine 0815-Lösung sein kann. Da ist sicherlich sehr viel Engineering und Forschungstätigkeit erforderlich. Aber es hat keiner gesagt, dass es einfach sein oder ohne Verwerfungen abgehen würde. Aber wir haben aus meiner Sicht keine andere Alternative.

Welchen Einfluss hat die Wirtschaft Ihrer Meinung nach auf den Klimawandel?

Wirtschaft pro Klima. Ohne Wirtschaft geht es nicht. Deswegen bin ich immer dagegen gewesen, irgendwelche Fronten aufzureißen. Es geht nur in der Kooperation. Die Wirtschaft ist doch wirklich das Instrument, was wir haben, um zukunftsweisende Technologien zu produzieren. Und die Technologien sind der Schlüssel. Aber trotzdem müssen hier auch mal kritische Diskussionen geführt werden. Shareholder’s Value kann nicht das alles dominierende Argument sein.

Ohne Wirtschaft geht es nicht.

Arved Fuchs, Polarforscher, auf die Frage nach dem Einfluss der Wirtschaft im Kampf gegen den Klimawandel.

Glauben Sie, dass die deutsche Automobilindustrie imstande sein wird, die wachsenden Herausforderungen zu bewältigen?

Nur dann, wenn man die Zeichen der Zeit erkennt. Wenn ich mir angeschaut habe, was so eine Marke wie Tesla, oder auch einige Japaner schon vor Jahren generiert haben, da hat man hier gesagt: „Das ist nichts für uns“. Hier hat man immer weiter auf die großen leistungsstarken Verbrenner gesetzt, die meiner Meinung nach Auslaufmodelle sind. Sicher sind die noch bei vielen Leuten beliebt, aber auch dort muss man anfangen, Alternativen zu schaffen. Und zwar bezahlbare Alternativen, so dass sich Menschen das auch leisten können. Ich glaube, nur auf diese Art und Weise hat der Individualverkehr auf Dauer eine Zukunft.

Sind Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit überhaupt vereinbar?

Ich glaube ewiges Wachstum stößt irgendwann an seine Grenzen. Ich glaube auch, dass sich Lebensqualität nicht immer dadurch artikulieren muss, dass ich mir nun den fünften Flachbildfernseher in Folge leisten kann.

Was ist denn für Sie der Inbegriff guten Lebens?

Ein gesundes Leben – nicht nur physisch gesund, sondern auch mental gesund – dass ich ein Lebensumfeld habe, was mir entspricht. Dazu gehört auch, dass ich eine intakte Natur habe, in die ich hinausgehen kann. Natur ist für mich auch nicht nur der Stadtpark oder der gepflegte Garten, sondern Natur ist alles. Wir sind auch Teil der Natur. Wenn wir die Natur verändern, verändern wir auch unser aller Lebensgrundlage. Das ist etwas, das im Bewusstsein der Menschen ankommen muss. Deshalb ist mir sehr daran gelegen, dass wir eine weitgehend intakte Natur erhalten.

Wir verwenden Cookies

Damit wollen wir unsere Webseiten nutzerfreundlicher gestalten und fortlaufend verbessern. Wenn Sie die Webseiten weiter nutzen, stimmen Sie dadurch der Verwendung von Cookies zu.