Investoren beschleunigen die Dekarbonisierung

Sandrine Dixson-Declѐve gilt als eine der einflussreichsten Frauen der Welt, die den Wandel zu einer CO2-freien Wirtschaft vorantreibt. Im Interview fordert sie Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auf, umzusteuern – und schreibt dabei Investoren eine Schlüsselrolle zu.

Frau Dixson-Declѐve, Sie haben mehrere "nachhaltige" Rollen und sind eine Nachhaltigkeitsbotschafterin par excellence. Sie sind seit 30 Jahren in diesem Bereich tätig. Über welchen Aspekt der Nachhaltigkeit müssen wir dringend sprechen?

Wir müssen uns endlich dem Thema Finanzierung stellen. Dazu müssen alle Partner an einen Tisch kommen: Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Es reicht nicht aus, Überlegungen zu haben, wie eine nachhaltige Zukunft aussehen könnte. Diese Ideen brauchen eine solide Finanzgrundlage: Nachhaltigkeit muss auch für diejenigen in unserer Gesellschaft erschwinglich sein, die bereits heute jeden Cent umdrehen. Und das sind nicht Wenige. Vor diesem Hintergrund müssen wir über eine CO2-Steuer, Subventionen, Investoren, Initiativen und einen gerechten Übergang sprechen. Und zwar mit allen Beteiligten! Denn Nachhaltigkeit ist kein nettes Add-on, wie immer noch mancher denkt. Nachhaltigkeit ist Kerngeschäft für uns alle, vom Autobauer, über den Investor, bis hin zum Kommunalpolitiker und zu jedem Konsumenten.

Haben Sie eine persönliche Motivation – was treibt Sie an?

Ich frage mich, welche Welt wir nachkommenden Generationen hinterlassen möchten. Klar ist: Stellen wir weiterhin Wachstum vor Ressourcen, bringen wir diese Welt an ihre äußersten Grenzen. Der Club of Rome hat genau diesen Punkt bereits vor 50 Jahren gemacht – wir können keine weiteren 50 verlieren. Würde die ganze Welt im europäischen Stil leben, wäre das Limit an vertretbar zu nutzenden Ressourcen für 2019 bereits im Mai erreicht. In meiner gesamten Laufbahn habe ich deshalb immer wieder Brücken zur Industrie geschlagen, um Politik, Wirtschaft und NGOs (Nichtregierungsorganisationen) ein Stück näher zusammenzubringen. Allerdings merke ich, dass wir bisher nicht weit genug gegangen sind.

Sandrine Dixson-Declѐve setzt sich seit mehr als 30 Jahren in der europäischen und internationalen Politik und Wirtschaft für nachhaltiges Wachstum und nachhaltige Unternehmensführung ein. Aktuell ist sie Co-Präsidentin des Club of Rome – ein internationaler Zusammenschluss von Experten, die sich für eine nachhaltige Zukunft der Menschheit und aller Spezies einsetzen. Darüber hinaus ist sie Senior Associate am Cambridge Institute for Sustainable Leadership and Third Generation Environmentalism (E3G). Außerdem ist sie Beiratsmitglied von ClimateKIC und als Sonderberaterin für ETC und Xynteo tätig. Von 2009 bis 2016 war sie Direktorin der Prince of Wales's Corporate Leaders Group und des EU-Büros des Cambridge Institute for Sustainability Leadership.

Haben Sie das Gefühl, dass Nachhaltigkeit aktuell besondere Aufmerksamkeit erfährt?

Ja und zwar aus gutem Grund: 40 Prozent unserer Insektenarten stehen kurz vor dem Aussterben. Wir schauen zu, wie unsere Gletscher schmelzen und der Meeresspiegel ansteigt – um nur die bereits sichtbaren Konsequenzen des Klimawandels und des Abbaus unserer Ökosysteme zu nennen. Gleichzeitig gelingt es weiterhin einigen Meinungsführern und Teilen der Gesellschaft, davor die Augen zu verschließen – genauso wie vor weiteren gesellschaftspolitischen Problemen.

Welche gesellschaftspolitischen Herausforderungen sehen Sie?

Viele Bürger und speziell Jugendliche haben das Gefühl, dass die Politik ihre Sorgen nicht hört oder nicht hören will. Das ist ein Problem – nicht nur, weil es radikalen Parteien Türen öffnet. Lebenshaltungskosten steigen kontinuierlich und sind für viele bereits zu hoch. Die Schere zwischen Armut und Schlaraffenland geht immer weiter auseinander: Während sich die einen gleich zwei, drei Privatfahrzeuge vor die Türen gleich mehrerer Wohnungen stellen, können sich andere kaum eine Bahnfahrt leisten. Saubere Energie hat ihren Preis. Aber wir müssen vor allem Wege finden, die Verbraucher davon zu überzeugen, dass saubere Energie nicht unbedingt teurer ist als schmutzige Energie – zum Beispiel mit einer umfassenden Kosten-Nutzen-Analyse. Das ist keine leichte Aufgabe. Die Argumente für saubere Energie liegen zwar auf der Hand, einen bezahlbaren Weg müssen wir jetzt gemeinsam noch finden. Wir müssen sicherstellen, dass der Wandel gerecht ist. Das gilt für den Kauf von Elektroautos genauso wie für das Heizen von Wohnraum.

Was muss die Politik tun, um Klimaschutz für Jedermann bezahlbar zu machen?

Politiker gehen immer seltener ein Risiko ein, weil sie ihre Wähler nicht enttäuschen und an populistische Parteien verlieren möchten. Gleichzeitig sind unsere Prozesse und Systeme manchmal so gestaltet, dass vieles zu lange dauert – obwohl die politischen Systeme eigentlich auf kurzfristigen Zyklen basieren. Deshalb muss es unseren Politikern gelingen, gute Ideen schneller durch den demokratischen Prozess zu bringen. Wir müssen uns durchsetzen. Auch gegenüber denjenigen, die versuchen, den Wandel zu verzögern. Dabei kommt mir leider auch die Automobilbranche in den Kopf, wenn ich an die Vergangenheit denke: Mit Abstand betrachtet, hätte ich erwartet, dass Unternehmen die technologisch Spitze sind noch schneller klimaschonende Alternativen entwickeln.

Und die Politik – haben die Akteure hier den Klimaschutz frühzeitig genug priorisiert?

Europa hat jetzt die richtigen Gesetze beschlossen, um auf die Ziele des Pariser Abkommens hinzuarbeiten und sowohl den Umweltschutz als auch die Qualität von Land, Wasser und Luft in ganz Europa zu verbessern – unsere Städte eingeschlossen. Sicherlich haben die Prozesse, die dorthin führten, insgesamt über die letzten Jahre betrachtet zu lange gedauert. Wir müssen aus meiner Sicht alle Selbstkritik üben und verstehen wo wir versagt haben und wo wir erfolgreich waren, da nehme ich die Politik nicht aus.

Die Klimaziele der EU sind durchaus ambitioniert. Gefährden Sie damit nicht die Stabilität der Wirtschaft?

Ja, die Ziele sind ambitioniert. Sie sind jedoch gerade ambitioniert genug, um noch länger etwas von unserem Planeten zu haben. Damit die wirtschaftliche Stabilität nicht leidet, sollte die Automobilbranche nur noch in Fahrzeuge investieren, deren oberstes Ziel emissionsfreie Mobilität ist.

(Quelle: Europäische Kommission)

Die Automobilindustrie soll die wirtschaftliche Stabilität also im Alleingang sicherstellen?

Natürlich nicht. Alle Beteiligten sollten zusammenarbeiten, um die CO2-Ziele zu erreichen. Wirtschafts- und Steuerpolitik müssen Rahmenbedingungen schaffen, damit Unternehmen den Raum haben, sich zu wandeln. Und damit sich Verbraucher diesen Wandel leisten können.

Und wie soll der Kunde überzeugt werden, ausschließlich in saubere Fahrzeuge zu investieren?

Wenn das Produkt stark ist und zu einem fairen Preis zu haben ist, sind die Kunden schnell überzeugt. Aber ich weiß auch, vor welche Herausforderung die Politik die Automobilindustrie damit stellt: Ein Wandel in dem geforderten Tempo ist gewiss kein Leichtes – jedoch auch kein Anlass für Zweifel. Aus der Vergangenheit wissen wir, dass die Branche in der Lage ist, sich anzupassen. Ein Beispiel: Kurz nachdem 1998 die ursprüngliche Emissionsgesetzgebung verabschiedet wurde, haben Automobilhersteller und Ölindustrie phänomenal schnell auf die Produktion von sauberen Motoren und sauberem Treibstoff umgestellt.

Mit 80 kWh (NEFZ) Energieinhalt versorgt die Lithium-Ionen-Batterie den Mercedes-Benz EQC (EQC 400 4MATIC: Stromverbrauch kombiniert: 20,5 - 23,2 kWh/100 km; CO₂-Emissionen kombiniert: 0 g/km)**

Sie trauen unserer Industrie diesen fundamentalen Wandel also zu?

Das ist schwierig, keine Frage. Nichtsdestotrotz bin ich optimistisch: Die notwendigen Technologien existieren bereits, die richtigen Ansätze für den Einsatz wiederverwertbarer und ökologisch verträglicher Materialien ebenfalls.

Wie schnell sich ein Unternehmen neu aufstellen kann, hängt auch von finanziellen Ressourcen ab.

Da gebe ich Ihnen Recht: Neue Märkte mit neuen Technologien zu erschließen, ist immer eine Frage des Geldes. Da sich Ihre Branche stark am Kapitalmarkt orientiert, ist das ein wichtiger, wenn nicht sogar der Hebel: Geldgeber suchen in der Regel nach Investitionsmöglichkeiten, die sich langfristig rentieren und Zukunftspotential haben. Investoren achten zunehmend auf das Klimarisiko ihrer Investitionen. Fossile Energie und kohlenstoffreicher Transport werden zunehmend als erschöpfte Vermögenswerte wahrgenommen. Wenn die Unternehmen nicht umdenken, werden sie eher früher als später ihre Investoren verlieren. Investoren beschleunigen also die Dekarbonisierung, auch wenn wir von einer Gesamtverschiebung des Kapitals weit entfernt sind. Diese Verlagerung des Kapitals ist notwendig, damit wir unsere 2050-Ziele erreichen.

Denken die meisten Investoren dann also bereits nachhaltig?

Einige wünschen sich noch mehr politische Impulse, wie beispielsweise einen stärkeren CO2-Preis oder Subventionen, um langfristig in CO2-arme Technologien zu investieren. Viele setzen bereits heute auf nachhaltige Infrastruktur, Produkte, Prozesse und Services.

Wie können wir den Einfluss des Kapitalmarktes noch besser für den Wandel nutzen?

Wir müssen jene Investoren an Bord holen, die ein Interesse an einer lebenswerten Zukunft haben. Durch ihre Finanzierungen beschleunigen sie nicht nur den Wandel, sondern schwächen auch die Risiken.

Ist Elektromobilität die Lösung?

Elektromobilität ist eine wichtige Komponente. Ich weiß, dass Daimler hier investiert und sogar über das Kerngeschäft hinausdenkt. Das ist fabelhaft. Damit die Rechnung jedoch aufgeht, müssen wir erneuerbare Energien genauso schnell auf die Straße bringen wie die Elektrofahrzeuge – und die Batterie- und Ladetechnologien so vorantreiben, dass sie in dem benötigten Umfang verfügbar sind. Ein mit Kohlestrom betriebenes Elektrofahrzeug trägt wenig zur Dekarbonisierung bei.

Bis zu drei Mal schneller als an einer Haushaltssteckdose erfolgt das Laden an einer Mercedes-Benz Wallbox.

Dekarbonisierung ist auch ein Kernthema der „Fridays for Furture Bewegung“. Was kann ein Unternehmen wie Daimler aus Ihrer Sicht dieser jungen Generation sagen?

Die Jugendlichen sind die Stimme der Zukunft. Daimler sollte daher gut zuhören und mit den jungen Leuten in den Dialog treten – mit folgender Botschaft: Wir haben die Lösungen und wandeln uns. Jung, Alt, Industrie und Politik müssen an einem Tisch sitzen, um Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit zu geben.

Gibt es einen Rat, den Sie uns als Unternehmen geben möchten?

Daimler ist ein Unternehmen mit hervorragenden Technologien und exzellenten Produkten. Es ist nun an der Zeit, die Komfortzone zu verlassen. Seien Sie mutig und treiben Sie den Wandel zu einer klimaneutralen Mobilität voran! Dazu müssen Sie sich und Ihr Portfolio möglichst breit aufstellen, um auch in Zukunft Marktführer zu bleiben.

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