„Eine große Idee muss groß anfangen“

David Nelles und Christian Serrer wollten eigentlich nur die Konsequenzen des Klimawandels verstehen, als ihre Recherche begann.

Heraus kam dabei Ende 2018 das Buch „Kleine Gase – Große Wirkung: Der Klimawandel“. Im deutschsprachigen Raum hat sich das Buch bis heute 150.000 Mal verkauft. Bald soll es auch eine englische Version geben. Die beiden Studenten der Wirtschaftswissenschaften erklären vom Treibhauseffekt bis zu den Ökosystemen kurz und anschaulich sämtliche Aspekte. Im Interview gewähren sie Einblick in die Entstehungsgeschichte, ihre Erkenntnisse und Zukunftspläne.

Was bringt zwei angehende Wirtschaftswissenschaftler dazu, tief in die Materie des Treibhauseffektes einzutauchen?

Christian Serrer (CS): Als wir in der Mensa über den Klimawandel diskutierten, stellten wir fest, dass wir nicht wussten, was er für uns konkret bedeutet. Welche Kosten sind damit verbunden? Wie wirkt sich der Klimawandel auf unsere Gesundheit aus? Es gab kein Buch, das uns das Ganze kurz und verständlich nähergebracht hätte. Also begannen wir selbst Fakten zusammenzutragen. Am Anfang dachten wir, dass uns die Semesterferien dafür reichen. Doch das Thema ist komplex. Mit der Unterstützung zahlreicher Wissenschaftler waren wir letztlich 20 Monate damit befasst.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit der Wissenschaft?

CS: Zunächst nahmen wir uns die wissenschaftliche Primärliteratur vor – also das, was Wissenschaftler direkt veröffentlichen, wenn sie etwas Neues herausgefunden haben. Das waren so viele Informationen und verschiedene Themenbereiche, dass es fast unmöglich war, einen Überblick zu gewinnen. Nächste Station Google: Welcher Wissenschaftler forscht zur Landwirtschaft, wer zu Ozeanen, wer zur Kryosphäre? Denen schrieben wir eine E-Mail mit der Bitte, uns bei der Erstellung des Buches über die Schulter zu schauen und unsere Texte auf Fehler zu überprüfen. Das hat ziemlich gut geklappt, wir wurden von mehr als 100 Wissenschaftlern unterstützt. Den meisten war klar, dass es ein Buch wie unseres braucht, um die Thematik allgemeinverständlich auf den Punkt zu bringen.

David Nelles, der aus der Nähe von Koblenz stammt, und Christian Serrer, gebürtiger Schwarzwälder, beide 23 Jahre alt, lernten sich 2016 zu Beginn ihres Corporate Management & Economics-Studiums (CME) an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen kennen. In ihrer Sechser-WG haben sie sich rar gemacht, seit sie bundesweit als Vortragsredner gefragt sind. 2020 wollen sie ihr interdisziplinäres Bachelorstudium abschließen.

Seht ihr euch ähnlich wie Greta Thunberg mit Fridays for Future als Stimme eurer Generation?

CS: Ja, zum Teil. Allerdings geht es uns weniger ums Appellieren als ums Informieren. Neutral und faktenorientiert. Für diese Nüchternheit bekommen wir bei unseren Vorträgen häufig positives Feedback, weil die Leute objektiv wissenschaftliche, aber trotzdem leicht verständliche Fakten bekommen, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Allein dadurch, dass wir neutral aufzeigen, wie dringend das Problem ist, wirkt es als Appell.

Gibt es eine Erkenntnis, die euch besonders berührt oder auch erstaunt hat?

CS: Ja. Wenn man die Berichterstattung über den Klimawandel verfolgt, könnte man meinen, er bedeute nur schmelzende Gletscher oder Meeresspiegelanstieg. Uns hat extrem erstaunt, wie direkt der Klimawandel jeden von uns betrifft. Er bedeutet die größte Gesundheitsgefahr des 21. Jahrhunderts, weil sich höhere Temperaturen negativ auf Herz-/Kreislauf- und Atemwegserkrankungen auswirken, das Risiko für Hitzschlag steigt und mit der Etablierung neuer Arten auch das Risiko von Tropenkrankheiten in Europa einhergeht.

Durch höhere Temperaturen drohen unter anderem auch gesundheitliche Probleme, wie beispielsweise Hitzschlag.

Was erwartet ihr in Sachen Klimaschutz von der deutschen Automobilindustrie?

David Nelles (DN): Man sollte den Klimawandel und die damit verbundenen Veränderungen nicht nur als Bedrohung sehen, sondern auch als riesige Chance. Im Verkehrsbereich muss sich dringend etwas tun. Deshalb wäre es gut, wenn die Automobilhersteller das Potenzial erkennen, das mit Umweltschutz und Nachhaltigkeit verknüpft ist. Mit neuen Mobilitätskonzepten lässt sich nicht nur das Klima schützen, sondern auch viel Geld verdienen und Arbeitsplätze schaffen. Wir müssen aufpassen, nicht den Anschluss zu verpassen. Die Technologien, die wir im Verkehrssektor brauchen, werden auch in anderen Ländern entwickelt – dann laufen uns andere Unternehmen den Rang ab.

Wenn du von Technologien sprichst, meinst du damit nicht nur die Elektromobilität, sondern auch andere Antriebstechniken?

DN: Ganz genau. Es geht zum einen um den Antrieb der Verkehrsmittel. Das Ziel ist klar: Der Verkehr muss in Zukunft klimaneutral sein. Ob das über 100 Prozent Brennstoffzelle, E-Mobilität, synthetischen Kraftstoff oder andere Technologien erreicht werden kann, das ist noch nicht klar. Deshalb darf man nicht alles auf eine Karte setzen, sondern sollte offen an verschiedenen Technologien forschen. Am Ende wird es wahrscheinlich ein Mix sein, z.B. synthetische Kraftstoffe im Flugverkehr oder bei Schwertransporten und elektrifizierte Fahrzeuge in Städten. Zum anderen geht es darum, den Verkehr nicht einfach mit einem neuen Antrieb zu versehen, sondern Mobilität grundlegend anders zu gestalten. Wenn wir alles auf E-Mobilität umstellen und weltweit alle so viel fahren wie die Deutschen, dann hätten wir vier Milliarden Autos auf der Straße. Dafür reichen die Rohstoffe nicht. Wir brauchen insgesamt weniger Individualverkehr, aber nicht weniger Mobilität. Das erfordert neue Mobilitätskonzepte, die die Automobilhersteller mitentwerfen können.

H2 in allen Klassen: Der eCitaro, der FUSO Vision F-CELL als Prototyp und der Mercedes-Benz GLC F-CELL setzen auf intelligente Kombination von Elektro- und Wasserstoffantrieb. Mercedes-Benz GLC F-CELL (Wasserstoffverbrauch gewichtet: 0,91 kg/100 km, CO2-Emissionen kombiniert: 0 g/km, Stromverbrauch kombiniert: 18 kWh/100 km)

Habt ihr euch bei der Recherche auch Technologien in der Praxis angeschaut?

CS: Nein, beim Buch haben wir uns auf die Ursachen und Folgen des Klimawandels fokussiert. Damit ich eine Motivation entwickeln kann, um zur Lösung beizutragen, muss ich erst mal das Problem und seine Ursachen verstehen. Aktuell beschäftigen wir uns viel mit Lösungsansätzen. Wir werden sie später veröffentlichen, dann aber nicht mehr nur als Buch, sondern eher über zwei, drei Filmprojekte.

Gibt es einen Lösungsansatz, den ihr für besonders vielversprechend haltet?

CS: Wir haben zu lange gewartet ernsthaften Klimaschutz zu betreiben. Daher geht es nicht mehr darum, welche Maßnahme die beste ist, sondern darum, dass wir alle uns zur Verfügung stehenden Technologien und Möglichkeiten nutzen, um die Treibhausgasemissionen so stark wie möglich zu verringern. Ein wichtiger Punkt der dabei oft vergessen wird, sind sogenannte negative Emissionen. Es handelt sich dabei um natürliche und technische Möglichkeiten, mit denen es gelingt, CO2 wieder aus der Atmosphäre zu entfernen. Unternehmen können wir nur ermutigen, an diesen aktuell noch sehr teuren technischen Möglichkeiten weiter zu forschen. Denn ohne diese Technologien können wir die Klimaziele nicht einhalten. Mit ihrer Weiterentwicklung wird sich aufgrund des steigenden Bedarfs künftig viel Geld verdienen lassen.

Wie wichtig sind nachhaltige Kriterien für euch bei der Wahl eures zukünftigen Arbeitgebers?

DN: Absolut wichtig. Ein Unternehmen, das sich nicht für Nachhaltigkeit einsetzt, kommt für uns nicht infrage. Von Freunden wissen wir, dass es ihnen ähnlich geht. Das Thema wird bei der Berufswahl immer wichtiger. Es geht unserer Generation nicht nur ums Geldverdienen, sondern wir wollen einen sinnvollen Beitrag leisten. Deshalb wollen wir für Unternehmen arbeiten, die versuchen, diesen Beitrag zu erbringen.

Der Klimawandel wird kurz, anschaulich und verständlich erklärt – auf weniger als 130 Seiten.

Wie ist es euch eigentlich gelungen, das komplexe Thema Klimawandel in so komprimierter Form darzulegen?

DN: Als Laien liefen wir keine Gefahr, zu versuchen alle wissenschaftlichen Ergebnisse irgendwie in das Buch zu packen. Wir haben viel wissenschaftliche Literatur gelesen, zusammengefasst, mit den Wissenschaftlern darüber gesprochen und dann Freunde und Familie gegenlesen lassen. Wir konnten uns die Frage stellen, was muss ich als Laie wissen, um das Problem zu verstehen. Die große Herausforderung war das Kürzen. Durch den wechselnden Austausch mit Laien und Wissenschaftlern hat sich das Wichtigste herauskristallisiert.

Wie bewerten die Wissenschaftler, mit denen ihr zusammengearbeitet habt, euer Buch als Gesamtwerk?

DN: Wir haben es ihnen bereits vor der Veröffentlichung zukommen lassen und wirklich begeistertes Feedback erhalten. Das war für uns die wichtigste Bestätigung: Egal, wie gut sich dieses Buch jetzt verkaufen wird, wenn die Wissenschaftler so begeistert davon sind, besonders jene, die anfangs skeptisch waren, haben wir unser Ziel erreicht.

Wie wirkt sich das Echo aufs Buch, auf euer Studium und eure Berufspläne aus?

DN: Gravierend. Das Studium steht weiter hintenan, weil wir mit dem Buchprojekt so viel um die Ohren haben. Der Bayerische Rundfunk plant eine Fernsehproduktion mit uns. 2020 wird eine zehnteilige Dokumentationsreihe anlaufen und für 2021 ist noch ein größeres Filmprojekt geplant. Mehr dürfen wir nicht dazu verraten. Wir halten mittlerweile bundesweit drei bis vier Vorträge pro Woche. Nach den ersten Fernsehauftritten kamen viele Unternehmen auf uns zu: „Könnt ihr für unsere Mitarbeiter einen Vortrag halten, damit sie verstehen, warum wir Veränderungen vornehmen? Als Impuls, diese voranzutreiben?“ Ehrlich gesagt, können wir uns im Moment vor Anfragen kaum retten. Doch wenn nichts mehr dazwischenkommt, sind wir Mitte nächsten Jahres mit dem Bachelor fertig. Beruflich geht es für uns mit Klimaschutz weiter. Es zieht uns am ehesten in die Wirtschaft, um dort Technologien voranzutreiben, die helfen, das Klimaproblem in den Griff zu bekommen.

Wir wünschen Euch weiter viel Erfolg, vielen Dank, dass Ihr Zeit für uns hattet!

David Nelles und Christian Serrer

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