„Nachhaltigkeit in der Lieferkette ist die Grundlage unseres Geschäfts“

Bei der nachhaltigen Transformation unseres Konzerns kommt dem Einkauf eine entscheidende Rolle zu. Schließlich haben die hier getroffenen Entscheidungen weitreichende Folgen, etwa für die CO₂-Bilanz unserer Fahrzeuge oder auch die Einhaltung von Menschenrechten in unserer Lieferkette. Gunnar Güthenke, Leiter Einkauf und Lieferantenqualität bei Mercedes-Benz, über Herausforderungen und neue Maßstäbe auf dem Weg ins Elektrozeitalter.

Herr Güthenke, worauf achtet ein Einkaufschef, wenn er selbst shoppen geht?

Genau auf das, worauf ich wahrscheinlich auch achten würde, wenn ich einen ganz anderen Beruf hätte: Auf Qualität, Preis und Herkunft der Produkte – und hier natürlich auf Themen wie Umweltschutz und Menschenrechte. Ich glaube, dass wir als Verbraucher oft dazu neigen, zu unterschätzen, wie viel Einfluss unsere Kaufentscheidungen genau auf diese Nachhaltigkeitsaspekte haben.

Dass Preis und Qualität bei Einkaufsentscheidungen von Mercedes-Benz eine wichtige Rolle spielen, ist nicht neu. Wie steht’s um das Thema Nachhaltigkeit?

Es geht bei uns im Einkauf darum, über die Wahl der Lieferanten nachhaltige Materialien und Teile in bester Qualität sowie Innovationen sicherzustellen, die unserem Luxusversprechen gerecht werden. Davon lebt die Marke Mercedes-Benz. Daher wählen wir Lieferanten erst einmal nach den Kriterien Innovation, Qualität und Nachhaltigkeit aus. Unter den führenden Lieferanten, die unsere Ziele in den genannten drei Kategorien erfüllen, geht es dann natürlich darum, eine Wirtschaftlichkeit für unser Unternehmen zu gewährleisten. Zudem geht es um partnerschaftliche Effizienzgenerierung.

Dr. Gunnar Güthenke ist seit Juli 2019 Leiter für Einkauf und Lieferantenqualität, Mercedes-Benz Cars. Vom zentralen Standort in der Region Stuttgart sowie Regional-Hubs in China und den USA und weiteren Einkaufsbüros in Mexiko und Indien aus betreut der Bereich weltweit rund 2.000 direkte Lieferanten. Gunnar Güthenke ist bereits seit 19 Jahren bei Daimler und hat in dieser Zeit unter anderem im Truck-Einkauf und im After Sales Bereich der Mercedes-Benz Trucks gearbeitet. Zuletzt hat er den Produktbereich Geländewagen geleitet und war Geschäftsführer der Mercedes-Benz G GmbH in Graz.

Schlägt sich das Thema Nachhaltigkeit nicht auch im Preis nieder?

In den 90ern gab es vergleichbare Diskussionen zum damaligen Zielkonflikt zwischen Qualität und Preis. Heute ist klar, dass gute Qualität auch Kostenvorteile bringt. Wir arbeiten derzeit sehr aktiv mit unseren Lieferanten an notwendigen Produkt- und Prozessinnovationen um auch den Zielkonflikt zwischen Nachhaltigkeit und Kosten aufzulösen. Da wir Nachhaltigkeit zu einem wichtigen Vergabekriterium gemacht haben, kann es manchmal natürlich auch mehr kosten. Das ist klar. Im Einzelfall müssen Entscheidungen dann vielleicht auch einmal ausführlicher diskutiert und abgewogen werden. Aber in diesen Diskussionen zeigt sich dann auch immer wieder, dass im Unternehmen inzwischen allen bewusst ist: Die anspruchsvollen Ziele unserer nachhaltigen Geschäftsstrategie lassen sich nur erreichen, wenn wir bereits in unseren Lieferketten auf Nachhaltigkeit setzen. Die Lösungen sind nicht trivial, daher warten wir nicht bis 2039, sondern gehen die notwendigen Prozesse schon heute an.

Bei der Diskussion um Menschenrechte in der Lieferkette stehen insbesondere Rohstoffe im Fokus, die für die Elektrifizierung unserer Fahrzeuge benötigt, aber teilweise unter menschenrechtlich kritischen Bedingungen abgebaut werden. Welchen Weg geht Mercedes-Benz?

Bei Mercedes-Benz schließen wir kritische Herkunftsländer wie etwa die Demokratische Republik Kongo bei Kobalt bewusst nicht generell als Bezugsquelle aus. Vielmehr zielen wir mit verschiedenen Maßnahmen darauf ab, die Situation für die Menschen vor Ort zu verbessern und deren Rechte zu stärken. Und ich denke, das ist genau der richtige Weg. Sich aus kritischen Herkunftsländern zurückzuziehen sorgt ja nicht etwa für eine Verbesserung der Lebenssituation der Bevölkerung, sondern verschärft teilweise sogar die Probleme vor Ort. Wir hingegen wollen uns den Problemen stellen und Veränderungen anstoßen.

Sicherlich keine leichte Entscheidung.

Tatsächlich haben wir ausgiebig die Vor- und Nachteile diskutiert – sowohl intern als auch mit externen Experten. Mit unserer Entscheidung folgen wir aber der Empfehlung vieler Nichtregierungsorganisationen – mit einigen stehen wir in regelmäßigem Austausch - der Politik und weiteren Interessensgruppen. Und sie steht im Einklang mit den Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte der Vereinten Nationen – einem der zentralen Rahmenwerke zur Achtung und Wahrung der Menschenrechte für uns sowie mit dem Nationalen Aktionsplan der deutschen Bundesregierung zur Umsetzung dieser Leitprinzipien. In diesem Zusammenhang ist der Grundsatz „Befähigung vor Rückzug“ für uns von besonderer Bedeutung: wir wollen in unseren Lieferketten für einen besseren Schutz von Mensch und Umwelt sorgen und uns nicht von Problemen abwenden.

Geben Sie uns ein Beispiel. Wie sieht das konkret beim Umgang mit Batterierohstoffen wie Kobalt und Lithium aus?

Ein Beispiel ist die Bekämpfung von Kinderarbeit. Als Unternehmen wollen wir unseren Beitrag leisten und uns aktiv gegen Kinderarbeit einsetzen. Kinderarbeit hat dabei vielfältige Gründe und ist zuallererst ein Armutsproblem. Das Problem verschwindet also nicht, wenn wir Kinderarbeit einfach nur verbieten. Deshalb setzen wir in der Kobaltlieferkette an verschiedenen Stellhebeln an. Mit unterschiedlichsten Maßnahmen arbeiten wir daran, Kinderarbeit zu verhindern und gleichzeitig Alternativen für Kinder und Familien in Abbauregionen zu schaffen. Ein Beispiel sind etwa unsere Projekte mit der Hilfsorganisation Bon Pasteur, die einen wichtigen Beitrag leisten.

Die Achtung der Menschenrechte und damit auch die Ächtung von Kinderarbeit haben wir zudem in unseren Lieferantenverträgen festgeschrieben. Darin formulieren wir etwa die Anforderung an unsere direkten Lieferanten, Transparenz in ihrer Lieferkette herzustellen, um Risiko-Hotspots sowie potenzielle menschenrechtliche Risiken zu identifizieren und ihnen durch geeignete Maßnahmen entgegenzuwirken. Außerdem werden wir künftig nur noch Batteriezellen mit Kobalt und Lithium aus zertifiziertem Abbau beziehen. Bei diesen Zertifizierungen werden unter anderem Menschenrechtsaspekte wie die Vermeidung von Kinderarbeit berücksichtigt.

Was passiert, wenn sich ein Lieferant nicht an die entsprechenden Anforderungen hält?

Unsere direkten Lieferanten haben sich dazu verpflichtet, unsere Nachhaltigkeitsforderungen einzuhalten. Zudem fordern wir von ihnen, die Standards ihren Beschäftigten zu vermitteln sowie sie in ihre vorgelagerten Wertschöpfungsketten hineinzutragen und deren Einhaltung zu kontrollieren. Dabei unterstützen wir sie mit Informations- und Qualifizierungsmaßnahmen.

Wenn ein Lieferant einzelne Kriterien noch nicht erfüllt, unterstützen wir ihn bei der Planung und Umsetzung von Verbesserungsmaßnahmen. Wenn nach einer vereinbarten Umsetzungsphase Veränderungen nicht vollzogen werden, wird es in letzter Konsequenz aber natürlich auch dazu kommen, dass wir uns von einem Lieferanten trennen. Hierzu gibt es auch einige Beispiele, aber zum Glück nur wenige.

Wie wird die Einhaltung der Standards und der darin festgeschriebenen Kriterien kontrolliert?

Neben bestehenden direkten Lieferanten überprüfen wir ebenfalls neue Lieferanten systematisch im Rahmen von Assessments vor Ort bevor sie einen Liefervertrag erhalten. Wenn Zweifel an der Nachhaltigkeitsleistung eines neuen Lieferanten bestehen, veranlassen wir tiefergehende Überprüfungen. Im letzten Jahr haben wir im Rahmen unserer Überprüfungen insgesamt 1.127 Vor-Ort-Audits und -Assessments durchgeführt. Was die Unterlieferanten angeht, gehen wir mit dem Human Rights Respect System (HRRS) risikobasiert vor, um der Verletzung von Menschenrechten frühzeitig und aktiv entgegenzutreten. Insgesamt wurden im Rahmen des HRRS 24 Rohstoffe identifiziert, deren Gewinnung und Weiterverarbeitung menschenrechtlich potenziell kritisch sein können. Für diese Rohstoffe schaffen wir sukzessive über unsere direkten Lieferanten in der Lieferkette hinaus Transparenz und ergreifen, wenn notwendig, entsprechende Maßnahmen.

Für Kobalt ist Mercedes-Benz noch einen Schritt weitergegangen.

Das ist richtig. Bereits 2018 haben wir das Audit- und Beratungsunternehmen RCS Global beauftragt, Transparenz über die komplexen Kobalt-Lieferketten von Batteriezellen-Lieferanten zu schaffen und diese über alle Stufen hinweg nach OECD-Leitlinien zu auditieren. Inzwischen wurden mehr als 120 Lieferanten auf verschiedenen Stufen der Kobalt-Lieferkette identifiziert und 60 Audits nach einer entsprechenden Risikoabschätzung durchgeführt.

Sie haben erwähnt, dass Mercedes-Benz zukünftig ausschließlich Batteriezellen mit Kobalt aus zertifiziertem Abbau bezieht. Was hat es damit genau auf sich?

Uns ist es wichtig sicherzustellen, dass die Rohstoffe für unsere Elektroflotte aus verantwortungsvollem Abbau kommen. Deshalb arbeiten wir künftig nur noch mit Lieferanten zusammen, die für Batteriezellen Rohmaterial aus zertifizierten Quellen nach dem anerkannten Bergbaustandard der Initiative for Responsible Mining Assurance (IRMA) beziehen und ihren Sorgfaltspflichten entlang der Lieferkette nach OECD Richtlinien nachkommen. Zu den wichtigsten Kriterien des Standards gehören sowohl Menschenrechtsaspekte als auch der umweltverträgliche Abbau der Rohstoffe sowie weitere soziale und gesellschaftliche Aspekte, die in Verbindung mit den Auswirkungen von industriellem Bergbau stehen. Zusammen mit IRMA und RCS Global arbeiten wir an einem schrittweisen Ansatz, nach dem eine begrenzte Anzahl von Kobaltminen in der Demokratischen Republik Kongo nach einer Reihe spezifischer Anforderungen des IRMA-Standards für verantwortungsvollen Bergbau auditiert werden können. Mittelfristig setzen wir insgesamt auf zertifizierte Rohstoffe nach IRMA und werden dabei zunächst die Batteriezelle in den Fokus nehmen – wir starten dabei mit Lithium und Kobalt.

Stichwort CO₂: Welche Maßnahmen ergreifen Sie im Einkauf, den CO₂-Fußabdruck in der Lieferkette zu reduzieren?

Wieviel Zeit haben Sie noch? (lacht). Ganz im Ernst: Wir machen hier eine ganze Menge und sind gerade dabei, die Weichen für die nächsten wichtigen Maßnahmen zu stellen. Unser übergeordnetes Ziel ist, vor allem jene CO₂-Emissionen zu reduzieren, die mit dem Bezug von Bauteilen und Rohmaterialien verbunden sind. Daher haben wir die Reduktion von CO₂-Emissionen zu einem wichtigen Bestandteil unserer Lieferantenverträge gemacht. Zukünftig werden wir bei Mercedes-Benz also nur noch mit Lieferanten zusammenarbeiten, die sich verpflichten, so wie wir konsequent an der Reduktion der eigenen Emissionen zu arbeiten.

Fast die Hälfte unserer rund 2.000 Lieferanten hat bereits unseren ‚Ambition Letter‘ unterzeichnet und bekennt sich damit dazu, uns künftig nur noch mit CO₂-neutralen Teilen zu beliefern. Diese Unternehmen stehen für mehr als die Hälfte des jährlichen Einkaufsvolumens der Mercedes-Benz AG. Spätestens ab 2039 dürfen nur noch Produktionsmaterialien die Werkstore von Mercedes-Benz passieren, die in allen Wertschöpfungsstufen bilanziell CO₂-neutral sind. Unterzeichnet ein Lieferant den Ambition Letter nicht, wird er bei Neuvergaben zukünftig nicht mehr berücksichtigt.

Um die Umweltauswirkungen unserer Lieferkette zu bewerten und transparenter zu machen, arbeiten wir darüber hinaus mit Organisationen wie CDP zusammen. Ein weiterer wichtiger Baustein sind unsere strategischen Partnerschaften im Bereich Batteriezellen. Von beiden Lieferanten werden wir zukünftig Batteriezellen aus CO₂-neutraler Fertigung beziehen, was sich ebenfalls deutlich positiv auf die CO₂-Emissionen in unserer Lieferkette auswirken wird. Bezogen auf die Gesamtbatterie, führt dies zu 30% weniger CO₂-Emissionen.

Herr Güthenke, mit rund 2.300 Kolleginnen und Kollegen betreuen Sie rund 2.000 direkte Lieferanten weltweit und verantworten dabei ein jährliches Einkaufsvolumen von etwa 40 Milliarden Euro. Wie gehen Sie mit dieser immensen Verantwortung um?

Wir haben ein großartiges Team und gemeinsam verfolgen wir ein klares Ziel: Im Einkauf und in der Lieferantenqualität einen wesentlichen Beitrag dafür zu leisten, dass unser Unternehmen den SpurWechsel schafft. Unsere Arbeit hat einen großen Einfluss darauf, wieder profitabler zu werden, unseren CO₂-Fußabdruck zu verringern, Menschenrechte zu achten und zu wahren sowie verantwortungsvoll mit Ressourcen umzugehen. Besonders wichtig ist mir dabei eine enge partnerschaftliche Zusammenarbeit – mit den Fachbereichen, mit denen wir weltweit arbeiten und mit unseren Lieferanten. Es ist für uns entscheidend, unsere Lieferanten „mitzunehmen“. Wir wollen, dass sie gerade in Nachhaltigkeitsthemen unserem Anspruch folgen – denn allein können wir die notwendigen Veränderungen in den häufig sehr komplexen Lieferketten nicht durchsetzen.

Wir verwenden Cookies

Damit wollen wir unsere Webseiten nutzerfreundlicher gestalten und fortlaufend verbessern. Wenn Sie die Webseiten weiter nutzen, stimmen Sie dadurch der Verwendung von Cookies zu.