Im Namen des Klimas

Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker zählt zu den Pionieren des nachhaltigen Wirtschaftens. Jahrelang hat er auch Daimler als Mitglied des Beirats für Integrität und Unternehmensverantwortung begleitet. Seine Vision: Eine Wirtschaft, die Klimaschutz und Mobilität zusammenbringt. Anlässlich des internationalen Weltumwelttag fordert er Dialog und Umdenken auf dem Weg hin zu einer klimafreundlichen Welt.

Herr Prof. Weizsäcker: Klimaschutz und (Auto-) Mobilität – wie passt das zusammen?

Mobilität ist erst einmal etwas Wunderbares! Menschen haben ein großes Bedürfnis nach individueller Mobilität. Das Automobil war der Inbegriff des Freiheitsversprechens. Es ist aber kein Inbegriff eines Klimaschutzversprechens. Wie alle anderen ist Daimler gefordert, sich zu wandeln und klimaneutral zu werden. Daran führt kein Weg vorbei und Daimler hat ja auch bereits Meter gemacht. Der Wandel sollte weiterhin so gestaltet werden, dass die Mobilität nicht dabei verloren geht.

Prof. Dr. rer. nat. Ernst Ulrich von Weizsäcker ist Umweltwissenschaftler, Klimaexperte und Mitglied des Bundestages a. D. Er ist u. a. ausgezeichnet mit dem großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik und dem Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg. Von 2012 bis 2018 war er Ko-Präsident des Club of Rome – ein internationaler Zusammenschluss von Experten, die sich für die nachhaltige Zukunft der Menschheit einsetzen. Heute ist er dessen Ehrenpräsident. Weizsäcker war von 2012 bis 2018 Mitglied des Beirats für Integrität und Unternehmensverantwortung und ein wichtiger Wegbegleiter für Daimler.

Wie sehen Sie die gesellschaftliche Entwicklung unter der Perspektive der Nachhaltigkeit?

Städte ringen um Platz, Straßen kämpfen mit Überlastung und Supermärkte locken mit immer billigeren Lebensmitteln aus aller Welt. Diese „volle“ Welt ist aus dem Gleichgewicht gekommen – und dabei rede ich nicht nur von unserem Klima. Die gesättigte Welt muss daher endlich Stabilisierung und ökologische Genesung in den Blick nehmen.

Statistisch gesehen stößt jeder Deutsche rund 9,6 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr aus. Die Natur könnte laut Bundesumweltamt nur zwei Tonnen auf Dauer vertragen. Was schlagen Sie vor?

Wir müssen alle gemeinsam die Produktivität der verfügbaren Ressourcen steigern und die CO2-Intensität vermindern – und zwar etwa um das Fünffache. Die hierzu notwendigen Technologien sind längst keine Zukunftsmusik mehr. Auch das Verhalten muss sich ändern, besonders beim Fliegen!

Quelle: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit.

Mehr Ressourcenproduktivität senkt also die Umweltbelastung. Haben Sie ein Beispiel?

Um ein Fahrzeug ins Rollen zu bringen, wird Energie benötigt. Das wissen Sie am allerbesten. Die Verbrennung fossiler Brennstoffe liefert bisher diese Energie. Natürlich verursacht das CO2-Emissionen. Mit dem Umstieg auf Strom oder Brennstoffzellen lässt sich dieser Nachteil deutlich vermindern. Man kann auch kohlenstoffhaltige Brennstoffe aus Sonnen- oder Windenergie herstellen. Also der klimaneutrale Verbrennungsmotor.

Was bremst aus Ihrer Sicht den Wandel?

In den vergangen zehn Jahren konnten wir allenthalben einen rasanten technischen Fortschritt beobachten, jedoch hat die Belastung durch CO2-Emissionen gleichzeitig zugenommen. Damit der Fortschritt auch dem Klima nützt, müssen die Rahmenbedingungen korrigiert werden. Das ist Aufgabe der Politik. Die Belastung von Natur und Klima muss teurer werden. Auch für uns Konsumenten!

Sie plädieren daher für eine CO2-Steuer. Wie grün darf es sein, ohne die wirtschaftliche Nachhaltigkeit zu gefährden?

Statt einer konkreten Zahl empfehle ich Langfristigkeit: Speziell die CO2-haltige Energie sollte jedes Jahr um so viel Prozent teurer werden, wie im Vorjahr die Ressourcen-Effizienz zugenommen hat. Aktuell ist es so: Effizienz macht die Nutzung billiger. Das lädt nicht gerade zu einem sparsamen Umgang mit dieser Ressource ein, sondern bewirkt das Gegenteil. Daher ist eine sanfte sozial- und industrieverträgliche Verteuerung der richtige Weg.

Mit welcher Konsequenz?

Der Druck, klimafreundliche Technologien, Produkte und Infrastruktur zu entwickeln oder zu konsumieren, steigt.

Was hieße das für uns?

Eine ansteigende CO2-Steuer würde Ihre Transformation in Richtung klimafreundlich beschleunigen. Ihre Produktpalette als Mobilitätsdienstleister könnte bald auch die „Fridays for Future“-Generation beeindrucken!

Die „Fridays for Future“ Bewegung.

Glauben Sie, dass die Automobilbranche weiterhin ein attraktiver Arbeitgeber für diese Generation ist?

Wenn Sie Ihre Aktivitäten im Bereich Klimafreundlichkeit noch stärker in den Fokus rücken, würden sich manche der Freitagsprotestierer um einen Job bei Daimler bewerben!

Langfristig verantwortbar ist Wachstum nur, wenn es ökologisch und sozial nachhaltig ist. Was raten Sie Daimler?

In Zeiten des Wandels muss Daimler intensiv damit fortfahren, die Gesellschaft einzubinden, zuzuhören. Dabei sollte der Gedanke an zukünftige Generationen im Mittelpunkt stehen. Setzen Sie sich mehr denn je mit Ihren Stakeholdern auseinander.

Sie sind auch einer unserer Stakeholder – welche Wünsche haben Sie konkret an uns?

Durch meine langjährige Mitarbeit im Beirat für Integrität und Unternehmensverantwortung weiß ich, wie vorbildlich Daimler in vielen Belangen handelt. Daher möchte ich Sie ermutigen, auch weiterhin Kooperationen zu pflegen und aktiv den Dialog zu suchen – ob mit Schülern, Kommunen oder dem Staat. Nur so wird ein Perspektivwechsel überhaupt möglich.

Wie haben Sie Ihre Arbeit im Beirat für Integrität und Unternehmensverantwortung wahrgenommen?

Die Zusammenarbeit war sowohl auf Arbeitsebene als auch auf persönlicher Ebene äußerst bereichernd und fruchtbar. Ich habe in dieser Zeit auch selbst viel dazugelernt und kann heute mit Freude beobachten, dass wir gemeinsam Vielem den Schwung in die richtige Richtung gegeben haben.

Welche Rolle sollte Daimler beim gesellschaftlichen Umdenken hin zu einer umweltbewussten individuellen Mobilität spielen?

Sie sind Spitze beim technologischen Fortschritt im Bereich Automobile. Auf dieser „Pole-Position“ können, sollten und müssen Sie Ihr Mobilitätsangebot nachhaltig und umweltfreundlich weiterentwickeln – so, dass Ihnen möglichst viele folgen.

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