„Nachhaltigkeit muss der Weg zu wirtschaftlichem Erfolg werden“

Johan Rockström ist Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Professor der Erdwissenschaften an der Universität in Potsdam. Der Schwede zählt zu den weltweit meistzitierten Forschern und berät unter anderem die Klima-Aktivistin Greta Thunberg. Seit Mai ist er Mitglied im Daimler Beirat für Integrität und Unternehmensverantwortung. Anlässlich des Weltumwelttages sprachen wir mit ihm über „richtige“ und „falsche“ Schlussfolgerungen aus der Covid-19-Krise, den Zusammenhang von wirtschaftlicher Entwicklung und Nachhaltigkeit und Schwedens Vorreiterrolle in Sachen Klimaschutz.

Wir führen dieses Interview Ende Mai. Es ist also noch zu früh, die Auswirkungen von Corona abschließend zu bewerten. Was aber jetzt schon klar ist: Die globalen Emissionen von Treibhausgasen werden 2020 deutlich niedriger sein als in den Jahren zuvor. Können Sie sich darüber freuen?

Ich habe gemischte Gefühle. Die Reduzierung der Treibhausgasemissionen, die wir sehen, ist nur vorübergehend, und sie geschieht aus den falschen Gründen. Die derzeitigen Reduktionen sind eine direkte Folge der wirtschaftlichen Verlangsamung. Das ist keine Überraschung: Wir haben in den vergangenen 50 Jahren gesehen, wie der Ausstoß von Treibhausgasen und wirtschaftliche Aktivität zusammenhängen. Die Herausforderung besteht jedoch nicht darin, die wirtschaftliche Aktivität zu reduzieren, sondern sie von den Emissionen zu entkoppeln. Wenn die Menschen anfangen zu glauben, dass der einzige Weg, den Planeten zu schützen, darin besteht, die Wirtschaft zu opfern, wäre das ein fataler Fehlschluss. Eine erfolgreiche und nachhaltige Zukunft für alle Gesellschaften und Wirtschaftszweige wird es nur geben, wenn Nachhaltigkeit selbst der Weg zu wirtschaftlichem Erfolg wird. Wenn Daimler ein „Global Player“ sein will, der seiner Verantwortung gerecht wird, dann muss das Unternehmen wettbewerbsfähige Lösungen vorantreiben, die gut sind für die Arbeitsplätze und für die Umwelt. Dabei geht es nicht um Marketing, sondern um echte Veränderungen weit über Corona-Zeiten hinaus.

Wie wird Corona den Umgang mit dem Klimawandel beeinflussen?

Ich denke, dass das, was wir heute in der ganzen Welt sehen, nämlich Unternehmen und Gesellschaften, die auf digitale Arbeitsformen umsteigen, wenn sie plötzlich zu Hause festsitzen, zu dauerhaften Verhaltensänderungen auch nach der Krise führen kann. Es ist daher unwahrscheinlich, dass die Welt nach Corona wieder dieselbe wird wie vor Corona. Und dass das mehr als nur Spekulation ist, erkennt man an der Tatsache, dass die Pandemie bereits jetzt bestehende Trends beschleunigt.

Schon viele Jahre vor der Corona-Krise waren wir auf dem Weg Richtung Digitalisierung; wir befinden uns mitten in einer digitalen Revolution, die sich exponentiell beschleunigt. Die Stichworte sind Künstliche Intelligenz, 5G und Big Data Management; alles wird mit allem vernetzt. Die Corona-Krise hat uns nun gezwungen, in Bezug auf diesen digitalen Lebensstil nochmals zuzulegen – und einiges davon wird über Corona hinaus Bestand haben. Ich gehe beispielsweise davon aus, dass es zu dauerhaften Veränderungen kommen wird, was den Anteil der Zeit betrifft, die wir für physische Transporte von einem Ort zum anderen aufwenden. Gleichzeitig ist die Corona-Krise der größte Schock für die Weltwirtschaft seit den 1930er Jahren. Es ist ein Gesundheitsdrama, eine Tragödie. Und wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um ähnliche Katastrophen in Zukunft zu vermeiden. Zwar können wir künftige Pandemien nicht vollständig verhindern. Wir haben aber genügend Belege dafür, dass die Eindämmung der Zerstörung der Tierwelt und der natürlichen Ökosysteme sowie die rasche Dekarbonisierung, um die globale Erwärmung auf einem Niveau unterhalb von 2°C zu halten, zwei Schlüsselstrategien sind.

Warum ist das so?

Die meisten dieser Virusinfektionen sind Zoonosen, d.h. Virusübertragungen von Wildtieren auf den Menschen, die durch unsere unhaltbaren und riskanten Wechselwirkungen mit der Natur verstärkt werden. Die Risiken für künftige Pandemien werden wahrscheinlich steigen, wenn wir das Klima und die Natur weiter destabilisieren. Wir müssen deshalb alles daran setzen, die aktuelle Situation als Impuls zur Veränderung zu nutzen und nach der Krise stärker zurückzukommen. Es geht um bewusste Entscheidungen für Investitionen, die uns auf dem Weg zu einer dekarbonisierten Wirtschaft schneller voranbringen. Und ich würde empfehlen, dass wir zukunftsorientierte Programme wie den „Green Deal“ der EU und andere konjunkturelle Stimulierungsmaßnahmen mit Kriterien verknüpfen, die eben nicht nur die Wirtschaft und die Beschäftigung retten, sondern die auch den Übergang zu einer widerstandsfähigen Gesellschaft fördern, die auf einer CO2-freien Wirtschaft beruht. Welche Rolle wird Daimler dabei spielen? Eine globale Transformation für mehr Nachhaltigkeit ist notwendig.

Die Finanzkrise von 2008 hat nichts anderes bewirkt, als dass wir nach der Krise in die alte Logik zurückgefallen sind.

Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung

Die Finanzkrise von 2008 hat nichts anderes bewirkt, als dass wir nach der Krise in die alte Logik zurückgefallen sind. Jetzt ist die Frage: Werden wir – und wird Daimler – wieder einfach zur alten, fossilen, und nicht nachhaltigen Logik zurückkehren? Oder wird Daimler, werden wir alle, den Mut haben, einen grünen Neustart zu wagen?

Kein Widerspruch: Wirtschaftliche Entwicklung und Nachhaltigkeit

Lassen Sie uns auf eine allgemeinere Frage zurückkommen: Inwieweit ist wirtschaftliches Wachstum mit Nachhaltigkeit vereinbar? Einige Klima-Aktivisten scheinen ja zu glauben, dass Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit per se nicht zusammenpassen...

Und ich denke, das ist falsch. Auf der allgemeinen Ebene halte ich es für wichtig, dass es keinen Widerspruch zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Nachhaltigkeit gibt. Der Grund, warum wir eine Debatte über wirtschaftliches Wachstum führen, ist die Annahme, dass wirtschaftliches Wachstum unabdingbar auf Kosten des natürlichen Kapitals und des Klimas gehen muss. Aber einen solchen Widerspruch gibt es prinzipiell nicht. Wir haben genügend empirische Beweise dafür, dass unsere Volkswirtschaften auf der Grundlage von null Kohlenstoff betrieben werden können, dass wir zirkuläre Geschäftsmodelle haben und Stoffkreisläufe von Metallen, Nähr- und Schadstoffen schließen können. Sicherlich – wir können nicht an allen Fronten zu 100% nachhaltig sein, aber es gibt keinen überzeugenden Grund, warum wirtschaftliche Entwicklung nicht innerhalb der planetarischen Grenzen möglich sein soll. Es gibt also einen wirtschaftlichen Entwicklungspfad, der nicht mit harten Nachhaltigkeitsprinzipien kollidiert. Mit unserem derzeitigen Wachstumsparadigma allerdings und mit einer Wachstumsmessung, die allein auf dem Bruttoinlandsprodukt beruht, haben wir ein Problem. Dieses gegenwärtige Wirtschaftswachstum geht auf Kosten der planetarischen Grenzen. Das ist eine Tatsache – und ein großes Dilemma. Deshalb kommt es zu diesem scheinbar positiven Ergebnis der Pandemie, dass die Umweltbelastung zurückgeht, weil das Wirtschaftswachstum zurückgeht.

Die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (englisch Sustainable Development Goals) sind politische Zielsetzungen der Vereinten Nationen (UN), welche weltweit der Sicherung einer nachhaltigen Entwicklung auf ökonomischer, sozialer sowie ökologischer Ebene dienen sollen.

Mit anderen Worten: Wir haben die falsche Art von Wirtschaftswachstum?

Genau. Wenn wir uns die Volkswirtschaften der 195 Länder auf der Welt anschauen, dann sehen wir drei verschiedene Cluster: Im ersten sind die OECD-Länder wie Deutschland, wo das Arbeits-, Wissens- und Bildungsniveau hoch ist und das Bevölkerungswachstum sehr gering. Diese Volkswirtschaften haben einen hohen Reifegrad und werden wahrscheinlich nicht wesentlich weiter wachsen – selbst im Bestfall-Szenario nicht. Dann haben wir eine zweite Gruppe von schnell aufstrebenden Volkswirtschaften wie Indien, die immer noch ein Niveau von 4 bis 5% Wirtschaftswachstum pro Jahr benötigen. Und dann haben wir die dritte Kategorie: Länder, die am meisten konventionelles Wirtschaftswachstum brauchen, um aus dem Elend herauszukommen. Wenn wir diese Unterschiede nicht erkennen, werden wir immer wieder in dieselbe Falle tappen, sobald wir über Wirtschaftswachstum sprechen. Es geht um einen Weg zu einer guten wirtschaftlichen Entwicklung innerhalb der Nachhaltigkeitskriterien.

Wenn wir argumentieren, dass das einzige Mittel zur Rettung des Planeten die Zerstörung der Wirtschaft ist, dann ist das falsch und wir sind zum Scheitern verurteilt.

Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung

Wenn wir argumentieren, dass das einzige Mittel zur Rettung des Planeten die Zerstörung der Wirtschaft ist, dann ist das falsch und wir sind zum Scheitern verurteilt. Dann können wir nahezu garantieren, dass der Umweltschutz immer in seiner Umweltschutz-Ecke bleiben wird. Aber wir wollen, dass er Mainstream wird. Wir wollen unbedingt, dass Nachhaltigkeit die Art ist, wie man die Wirtschaft fördert, nicht irgendeine Nebentätigkeit, die man ausübt, wenn man ein bisschen reich wird und es sich leisten kann. Wir wollen, dass genau dies die Strategie zur Schaffung von Arbeitsplätzen wird. Wenn Daimler mehr Lkw verkauft, weil es eine nachhaltige Null-CO2-Strategie verwirklicht und weil es eine konsequente Kreislaufwirtschaft betreibt, dann sind wir am Ziel. Das wird der Moment des Durchbruchs sein.

Von welchen Technologien versprechen Sie sich in Sachen Dekarbonisierung am meisten?

Das ist der Grund, warum ich Leute, die an der Stelle von Ola Källenius oder von anderen führenden Köpfen der Transportindustrie sind, wirklich nicht beneide. Es ist eine unglaublich herausfordernde Zeit für diese Branche, denn es gibt niemanden, der Ihre Frage eindeutig beantworten kann. Sollten wir auf batterie-elektrische Antriebe wetten? Oder auf Brennstoffzellen? Sollen wir lieber auf eine ganze Palette verschiedener Technologien setzen? Oder müssen wir uns fokussieren? Es gibt hier keine richtige oder falsche Antwort. Zumindest bislang nicht. Vom heutigen Standpunkt aus wird man wohl sagen können, dass die Elektrifizierung im großen Stil kommt und wahrscheinlich einer der Hauptwege sein wird, jedenfalls für den Individualverkehr. Was mit dem Schwerlastsektor geschieht, ist noch eine offene Frage. Vielleicht wird die Kombination von Elektrifizierung und Brennstoffzellen eine wichtige Rolle spielen.

Wie sieht es mit E-Fuels aus? Sollte man die weiter auf dem Zettel haben, weil sie theoretisch auch die bestehende Flotte von weltweit mehr als einer Milliarde Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor CO2-neutral machen könnte?

Ich kann nicht leugnen, hier vielleicht etwas voreingenommen zu sein. Schließlich komme ich als Schwede aus einem Land, das einen sehr hohen Anteil an Biokraftstoffen hat. Ich bin überzeugt, dass nachhaltige Biokraftstoffe, Biogas, Rückstände aus der Forstindustrie und auch Ethanol weiterhin eine wichtige Rolle spielen werden. Der Übergang ist langsam – und das Straßenbild wird auch weiterhin von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren bestimmt. Wir haben so viele Dieselmotoren, vor allem im Schwerlastsektor, die leicht auf andere Formen von Biokraftstoffen umgestellt werden könnten. Ich denke, das ist eine sehr pragmatische Übergangsphase. Allerdings wird Energie aus Biomasse das Klimaproblem eindeutig nicht lösen. Landnutzungsänderungen für die Produktion von Bioenergie stellen eine ernsthafte Bedrohung für Ökosysteme dar, die wichtige Teile unseres Erdsystems sind – und damit Teil unserer eigenen Lebenserhaltungssysteme.

„Umwelt macht Sinn für unser Geschäft“

Vor einigen Monaten veröffentlichte der US-Schriftsteller Jonathan Franzen im „New Yorker“ einen Artikel mit dem Titel "Was wäre, wenn wir die Selbsttäuschung beenden?“ Hauptthese: Es könnte sinnvoller sein, sich auf die unausweichlichen Folgen des Klimawandels vorzubereiten, als weiterhin zu hoffen, wir könnten ihn abwenden. Wie denken Sie darüber? Wie sollten wir unsere Ressourcen zwischen der Verhinderung des Klimawandels und der Vorbereitung darauf aufteilen?

Ich stimme mit Franzen in dieser Analyse nicht überein. Eine katastrophale Risikobewertung ist eine noch größere Rechtfertigung für die Beschleunigung des Präventionspfades. Wir sollten sie also nicht als Mittel zur Vorbereitung auf eine Katastrophe nutzen, denn Resignation treibt nur die Risiken in die Höhe. Ich sage das, weil ich glaube, dass die Industrie ganz generell eine Rolle hat – und die besteht darin, vorzubeugen und den Bürgern und Politikern zu zeigen, dass wir leistungsstarke Ingenieure haben, gute technische Entwicklungs- und Forschungsabteilungen. Dass wir Lösungen finden können, die sowohl für die Verbraucher als auch für die Gesellschaft und den Planeten attraktiv sind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Unternehmen wie Daimler Milliarden für die Vorbereitung auf „Armageddon“ ausgeben.

Viele Wissenschaftler warnen davor, dass es andere Risiken als den Klimawandel gibt – Risiken, über die viel weniger gesprochen wird, die aber genauso gefährlich sind: der Verlust der biologischen Vielfalt, die Übernutzung der Meere und Böden, die Verschmutzung von Luft und Wasser. Wie denken Sie über diesen Punkt? Nehmen wir an, dass die menschliche Aufmerksamkeit und Energie begrenzt sind, um welche Themen sollten wir uns zuerst kümmern?

Sie haben recht. Land und Wasser und die biologische Vielfalt sind genauso wichtig wie das Klima. Wir haben auch schlüssige wissenschaftliche Belege dafür, dass wir bei der Stabilisierung des Klimas scheitern werden, wenn wir uns auf die Trennung fossiler Brennstoffe beschränken.

Wir können nicht sagen: Jetzt machen wir zwanzig Jahre lang Klima, und danach kümmern wir uns um die biologische Vielfalt.

Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung

Wenn wir die Kohlenstoffsenken auf Land, Wasser und in natürlichen Ökosystemen zerstören, wird sich das Klima ohnehin in die falsche Richtung entwickeln. Und wenn wir uns nur auf den Naturschutz konzentrieren, wird der ungebremste Klimawandel das zunichte machen. Es hängt alles miteinander zusammen. Und es beunruhigt mich wirklich, dass wir nicht erkennen: Alle diese planetarischen Grenzen sind gleich wichtig. Wir können nicht sagen: Jetzt machen wir zwanzig Jahre lang Klima, und danach kümmern wir uns um die biologische Vielfalt. Nein!

Ein Kreis von etwa 30 internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern um Johan Rockström publizierte 2009 den Fachartikel "A safe operating space for humanity" und formulierte darin für neun zentrale natürliche Systeme und Prozesse "planetare Belastbarkeitsgrenzen". Danach fügt sich der Klimawandel in eine ganze Reihe riskanter, durch Wechselwirkungen miteinander verbundener Veränderungen im Erdsystem ein und stellt somit nicht die einzige gravierende globale Umweltveränderung dar. Quelle: “Planetary Boundaries: Guiding Human Development on a Changing Planet”; Steffen et al., 2015

Am 5. Juni ist "Weltumwelttag". Was bedeutet ein solcher Tag für Sie?

Zunächst einmal denke ich, dass all diese globalen Aktionstage für die Umwelt des Planeten schon wichtig sind. Es klingt vielleicht so, als seien sie es nicht. Aber sie sind nun mal eine Gelegenheit, alle daran zu erinnern, dass Umweltschutz ein zentraler Punkt auf der Tagesordnung der internationalen politischen Arena ist. Deshalb spielt der Weltumwelttag durchaus eine Rolle – genauso wie die „Earth Hour“. Für ein Unternehmen wie Daimler ist es an einem solchen Tag am wichtigsten, ein paar einfache Sätze zu vermitteln: „Für Daimler macht Umweltschutz auch aus geschäftlicher Sicht Sinn. Wir tun das nicht nur, um moralisch verantwortlich zu handeln. Wir tun es, weil wir es als Vorteil für unser Unternehmen sehen. Ohne den Schutz der Umwelt werden wir als Produzent nicht überleben.“ Sie können sich nicht vorstellen, wie mächtig Sie als Kommunikator dieser Botschaft sind. Wir als Wissenschaftler können es hundertmal sagen. Wenn Sie es einmal sagen, trägt es die Botschaft auf eine viel überzeugendere Weise, zumal Sie ein ganz anderes Publikum erreichen. Wenn ich es sage, bin ich nur ein weiterer Professor für Umwelt und Klima, von dem man solche Aussagen sowieso erwartet.

„Individuelle Mobilität wird wichtig bleiben“

Wenn wir über Daimler und andere Pkw- und Lkw-Hersteller sprechen, wie sehen Sie die Rolle der individuellen Mobilität in der Zukunft, sagen wir 2030, vor allem in den Großstädten? Wie wird sie sich von der heutigen unterscheiden, abgesehen mal davon, dass viele Antriebe dann vielleicht elektrifiziert sind?

Natürlich gehe ich davon aus, dass wir uns sehr schnell in Richtung Dekarbonisierung bewegen werden. Ich glaube außerdem, dass wir das Tempo dieses Wandels weiterhin unterschätzen. Wir stehen am Anfang vom Ende der fossilen Ära, daran besteht kein Zweifel. Ich bin außerdem der Meinung, dass wir veränderte Verhaltensmuster in Bezug auf Mobilität beobachten werden. Es ist nicht so, dass wir keine privaten Autos mehr besitzen werden, trotzdem werden wir in städtischen Gebieten mehr gemeinsam genutzte Mobilität sehen.

Wir stehen am Anfang vom Ende der fossilen Ära.

Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung

Ich hoffe wir werden auch eine bessere Kombination aus öffentlichem Verkehr und privater Mobilität erleben. Aber der springende Punkt ist, dass wir den Innovationspfad in Richtung einer CO2-freien Mobilität fortsetzen.

Haben Sie in Ihrer Familie ein eigenes Auto?

Im Moment nein. Wir haben zwar ein Elektroauto, aber es ist ein Mietauto, weil unser Biogas-Auto leider das Rentenalter erreicht hat. Aber ich bin einer dieser Ganzjahres-Radfahrer. Also versuchen wir, so viele Alternativen wie möglich zu nutzen. Auch hier gilt wieder: Ich bin in keiner Weise gegen Fahrzeuge in Privatbesitz. Ich versuche sogar, meine Frau dazu zu bewegen, ein neues Elektroauto zu kaufen…

Vielleicht würden Sie beim nächsten Mal einen Mercedes in Betracht ziehen?

Absolut. Solange er null Treibhausgase emittiert.

"Individuelle Mobilität wird ein sehr wichtiger Bestandteil eines modernen Lebensstils bleiben.“

Glauben Sie, dass Ihre Familie im Jahr 2030 ein Auto brauchen wird? Unter Klima-Aktivisten gibt es Leute, die individuelle Mobilität an und für sich kritisch sehen.

Ich glaube nicht, dass es wünschenswert wäre, individuelle Mobilität abzuschaffen. Aber die Frage bleibt: Wie sollen wir praktikable Lösungen für dicht besiedelte städtische Gebiete finden? Wir können nicht einfach die Belastung des städtischen Raums mit Fahrzeugen weiter erhöhen, auch wenn sie elektrisch betrieben werden. Es wird also urbane Lösungen geben müssen. Ich wohne sowohl in Berlin als auch in Stockholm etwas außerhalb der Stadt. Ohne Auto hätte ich Schwierigkeiten, überall hinzukommen. Individuelle Mobilität wird also ein sehr wichtiger Bestandteil eines modernen Lebensstils bleiben. Und um auf das zurückzukommen, was ich vorhin gesagt habe: Solange wir weiter behaupten, der einzige Weg zum Umweltschutz sei Verzicht, werden wir scheitern. Wir müssen innovative, nachhaltige Lösungen finden, um erfolgreich zu sein.

CCS und das Pariser Klimaabkommen

Ihr Heimatland Schweden wird manchmal als das nachhaltigste Land der Welt bezeichnet. Tatsächlich sind die CO2-Emissionen pro Kopf in Schweden nur halb so hoch wie in Deutschland. Was können wir von Ihnen lernen?

Eine wichtige Lektion aus Schweden ist, dass klare politische Entscheidungen getroffen wurden. Sie wurden durch offene Gespräche zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in einem sehr frühen Stadium ermöglicht. Und natürlich wurde anfangs auch heftig debattiert und viel kritisiert. Nachdem die Beschlüsse aber einmal umgesetzt waren, wurden sie von Industrie und Wirtschaft insgesamt schnell akzeptiert. Das klassische Beispiel ist der CO2-Preis in Schweden. Der wurde 1990 eingeführt: umgerechnet etwa 100 Euro pro Tonne CO2-Emissionen. Sogar heute noch würden manche behaupten, dass dies ein Weg sei, die Wirtschaft zu ruinieren. Aber dazu kam es nicht. Es hat dem Wirtschaftswachstum keinen Abbruch getan. Das ist die eine Lektion. Die andere ist, dass Schweden enorme Ressourcen für Bewusstseinsbildung und Bildung aufgewendet hat. Wir sind ein Land, in dem die Umwelterziehung in der Gesellschaft eine hohe Priorität hat, es gehört fast zu unserer kulturellen DNA. Und das kam nicht automatisch, sondern vor allem durch nationale Kampagnen, die Jahr für Jahr durchgeführt wurden.

Wie sieht es mit der Rolle der Kernkraft aus?

Das ist natürlich eine heikle Frage. Die Tatsache, dass Schweden sich für die Beibehaltung der Kernkraft entschieden hat – die etwa 30 Prozent des Stroms im Land liefert – hat es für Schweden viel einfacher gemacht, andere, fossile Stromerzeugungssysteme zu vermeiden. Es gibt keinen wirtschaftlichen Grund, heute in die Kernenergie zu investieren, weil sie so teuer ist. Und es ist teuer, denn Sicherheit ist ein so großes Thema. Jeder Fehler kann in einer Katastrophe enden. Andererseits ist sie eine stabile Energiequelle ohne fossile Brennstoffe. Deutschland hat sich das Leben nicht leicht gemacht, als es die Kernenergie abschaltete und stattdessen Verträge über Erdgas unterzeichnete. Dadurch wurde es noch stärker von fossilen Energieträgern abhängig.

Um das 2-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens zu erreichen, muss die Weltwirtschaft in spätestens 26 Jahren CO2-neutral wirtschaften. Quelle: Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (2019).

Als Greta Thunberg einmal andeutete, dass die Kernenergie eine Rolle bei der Dekarbonisierung spielen könnte, sah sie sich harter Kritik von deutschen Umweltschützern ausgesetzt und zog den Gedanken schnell wieder zurück. Warum, glauben Sie, haben die Deutschen so viel mehr Angst vor Atomkraft als die Menschen in anderen Ländern?

Um ehrlich zu sein, habe ich mich das auch schon gefragt. Ich glaube, hier spielt ein psychologischer Faktor eine Rolle. In Schweden haben wir das Gefühl, dass es im Land einen verantwortungsvollen Umgang mit der Kernkraft gibt und die Menschen sich nicht so sehr um die Sicherheitsrisiken sorgen. Es muss in Deutschland so viele Debatten gegeben haben, in denen die Sicherheitsrisiken so zentral waren, dass sie bei den Menschen Angst vor der Kernkraft hinterlassen haben. Das ist etwas, das wir in den nordischen Ländern nicht so gesehen haben. Es könnte durchaus sein, dass Sie in Deutschland in Ihrem allgemeinen Bewusstsein für die mit der Kernenergie verbundenen Risiken weiter gekommen sind. Es könnte auch sein, dass die Schweden aus vernünftigem Grund eine andere Risikobewertung vornehmen. So oder so ist eines Fakt: Kernkraft ist teurer als erneuerbare Energie.

Könnte diese Angst auch zu einem Thema werden, wenn es um Carbon Capture and Storage (CCS)-Systeme geht? Einige Leute sind recht optimistisch, was diese Technologien betrifft. Was ist Ihre Meinung dazu?

Ich teile diesen vorsichtigen Optimismus. Aber nicht nur das. Ich würde sogar sagen, dass wir keine andere Wahl haben, als CCS einzusetzen. Ohne CCS werden wir das Pariser Abkommen auf lange Sicht nicht erfüllen können. Denn der Übergang zu einer CO2-freien Weltwirtschaft in 30 Jahren ist sehr schwierig und fast unmöglich zu erreichen. Selbst wenn eine konsequente Reduzierung gelingt, brauchen wir immer noch negative Emissionen, um deutlich unter dem Zwei-Grad-Ziel zu bleiben. Ob wir es also wollen oder nicht, CCS wird notwendig sein. Deshalb sollte diese Technologie weiter wissenschaftlich erforscht werden. Ich verstehe zwar die Bedenken der Bürger, aber ich muss sagen, dass die unterirdische Speicherung von Gas nichts Neues ist. Aber in Deutschland ist sie bis zu einem gewissen Grad durch die gleiche Art von angstbasierten Argumenten in Beschlag genommen worden.

Welche Frage, die wir nicht gestellt haben, möchten Sie noch beantworten?

Vielleicht die Frage, ob es jetzt inmitten dieser Gesundheitskrise ein kleines Nachhaltigkeitsargument gibt. Ich würde sagen, die Antwort lautet "ja". Es gibt ein sehr starkes Argument für Nachhaltigkeit, weil die Pandemie vorhergesagt wurde. Wir haben in den letzten 20 Jahren eine zunehmende Häufigkeit dieser Art von zoonotischen Virusausbreitungen von der Natur auf den Menschen beobachtet. Sie ist das Ergebnis unseres nicht nachhaltigen Managements einer globalisierten Welt, in der die Zerstörung von Ökosystemen und wildlebenden Tieren immer mehr in städtische Gebiete vordringt. Es besteht also die Notwendigkeit, Nachhaltigkeit nicht nur als Instrument zu sehen, um Arbeitsplätze zu schaffen oder die Wirtschaft zu fördern. Es geht auch darum, Widerstandsfähigkeit für den Umgang mit zukünftigen Krisen zu entwickeln. Wenn Sie das als Daimler angehen, werden Sie von einer Win-win-Situation profitieren.

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