Vertikal, Indoor, Outdoor: Urban Agritecture für nachhaltigere Städte

Henry Gordon-Smith ist leidenschaftlicher Vordenker der urbanen Landwirtschaft. Mit seinem Unternehmen Agritecture Consulting will er unsere städtische Nahrungsmittelversorgung umkrempeln. Im Interview begründet der Nachhaltigkeitsstratege, warum es künftig auch Ridesharing für Obst und Gemüse geben sollte.

Sie sind in Hongkong geboren, in Tokio aufgewachsen und haben dann auf der ganzen Welt gelebt. Wie kommt es, dass Sie sich als Großstadtkind für Landwirtschaft interessieren?

Als Kind faszinierten mich in der Stadt vor allem die riesigen innerstädtischen Parks. Ein paar Jahre später zogen wir nach Tschechien und verbrachten fast jedes Wochenende in einem Landhaus, wo meine Mutter einen Garten hatte. Wie Sie sich vorstellen können, fand ich das als Teenager nicht ganz so spannend. Ich wollte lieber mit meinen Freunden in der Stadt abhängen. Während des Studiums habe ich begonnen, mich mehr und mehr für Nachhaltigkeit zu interessieren – ich wollte für die Probleme in der Nahrungsmittelproduktion unbedingt Lösungen finden.

Was kann ‚Urban Farming‘ und warum wird es in Zukunft immer wichtiger?

Früher haben wir unsere Städte gemeinsam mit den Landwirten geplant und gebaut. Wir haben uns an Orten angesiedelt, die uns auch ernähren konnten. Mit zunehmender Globalisierung wurde die Landwirtschaft mehr und mehr ausgelagert. Das ist zwar bequem für uns, hat aber Folgen: Unsere Lebensmittelerzeugung ist sehr intransparent und unser Ökosystem leidet unter hohem Wasserverbrauch und Pestizideinsatz. Das kann langfristig nicht funktionieren.

Henry Gordon-Smith ist ein Nachhaltigkeitsstratege mit Fokus auf urbane Landwirtschaft, Wasserprobleme und neue Technologien. 2011 gründete er den führenden Branchen-Blog Agritecture.com, der sich dem Thema Urban Farming widmet. Mit seinem Unternehmen Agritecture Consulting berät er seit fünf Jahren Kunden auf der ganzen Welt zu städtischer Landwirtschaft, erstellt Machbarkeitsstudien und konzeptionelle Designs. Er ist auf der ganzen Welt aufgewachsen und hat die einzigartige Fähigkeit, kreative Lösungen für lokale und globale Probleme zu entwickeln.

Vor allem nicht, wenn mehr und mehr Menschen in die Städte ziehen, oder? Im Jahr 2050 werden 80 Prozent unserer Nahrungsmittel in Städten verzehrt, schätzen Studien.

Wenn Städte die Zukunft sind, dann müssen wir die Nahrungsproduktion wieder mitdenken, damit wir auch künftig eine zuverlässige Lebensmittelversorgung haben. Urban Farming hat da ein großes Potenzial! Mein Ziel ist es, das Nahrungsmittelsystem im urbanen Raum komplett umzukrempeln. Urban Farming ist für mich Türöffner und Experimentierkasten für innovative Agrartechnologien. Wenn wir allerdings alle Einwohner ausreichend versorgen wollen, müssen wir in größeren Dimensionen denken und planen. Deshalb spielt das Umland eine weiterhin zentrale Rolle.

Henry Gordon-Smith sucht seit dem Studium nach Lösungen für Probleme in der Lebensmittelproduktion.

Wieviel Fläche benötigen wir zum Beispiel für die Nahrung einer Person?

Um eine Person ein ganzes Jahr vollwertig zu ernähren, brauchen Sie etwa einen halben Hektar Anbaufläche. Nehmen wir mal New York mit seinen 7 Millionen Einwohnern: Die 20,2 km² verfügbaren Dachflächen reichen gerade mal aus, um 10.000 Menschen zu ernähren. Außerhalb der Stadt gibt es mehr Platz und freie Flächen.

Wie viel Prozent der Stadtbevölkerung können wir bereits heute mit städtischer oder regionaler Lebensmittelproduktion ernähren?

Weltweit produzieren wir bereits zehn Prozent unseres Gemüses in oder in der Nähe von städtischen Gebieten. Eine Studie von Google Earth schätzt, dass wir ungefähr 15 Prozent erreichen könnten – kalkuliert nach der Größe der Flächen, die überhaupt für Urban Farming nutzbar wären. Eine amerikanische Studie geht davon aus, dass die meisten US-Städte 70 Prozent ihres Gemüsebedarfs innerhalb von 100 Meilen produzieren könnten.

Vertikal, Indoor, Outdoor: Wie können wir uns Urban Farming vorstellen?

Es gibt ganz unterschiedliche Varianten von Urban Farming. Da ist alles dabei: vom kleinen System, das man im Supermarkt oder zu Hause unterbringt, über Dachgärten, Fassadenfarmen, Gewächshäuser, schwimmende Agrarflächen bis hin zum Anbau auf Ölplattformen oder Yachten. Urban Farming heißt, Landwirtschaft in 3D zu denken: Wo könnten wir Nahrungsmittelanbau in die Stadt integrieren? Wo finden wir ungenutzte Flächen? Dafür müssen wir außerhalb der bekannten rechteckigen Anbaufläche denken. Auch wenn Mobilität und Landwirtschaft zusammengedacht werden, entstehen wirklich tolle Ideen.

Urbaner Stadtgarten.

Kann Urban Farming unseren CO₂-Fußabdruck reduzieren? Die langen Transportwege fallen ja weg.

Auch hier kommt es auf die Technologie an: Vertikale Landwirtschaft hat einen größeren CO₂-Fußabdruck aufgrund der intensiven Beleuchtung. Die Vorteile dieser Hightech-Landwirtschaft liegen dagegen im hohen Ertrag pro Quadratmeter und dem geringen Wasserverbrauch. Die traditionelle Lowtech-Landwirtschaft auf Agrarboden hinterlässt zwar einen im Vergleich geringen CO₂-Fußabdruck, aber auch weniger Ertrag. Wenn wir unsere Ernährung klimafreundlich gestalten wollen, sind Gewächshäuser nach meinen Berechnungen die beste Lösung: In ihnen können wir eine Vielfalt unterschiedlicher und pestizidfreier Produkte anbauen. Am Ende brauchen wir aber immer einen Mix aus Low- und High-Tech.

Gewächshäuser sind für Henry Gordon-Smith die beste Lösung für eine klimafreundliche Ernährung.

Welche Mobilität braucht es für die Logistik und wie könnte Daimler dazu beitragen?

Bei der urbanen Landwirtschaft müssen wir uns über den letzten Kilometer Gedanken machen: Wie kommen die Produkte zu den Konsumenten? Als kleiner oder mittelständischer Landwirt kann und möchte ich mir vielleicht den Kauf eines eigenen Lastwagens nicht leisten. Viele Produzenten wollen sich auch gar nicht um die Distribution kümmern müssen. Ein flexibler Lieferservice für alle städtischen Produzenten wäre daher eine tolle Initiative – und schafft einen Mehrwert für Kunden und Unternehmen.

Das Mercedes-Benz Vision URBANETIC Cargo-Modul.

Was wären die TOP-3-Ansprüche an eine derartige Mobilitätslösung?

On demand, klimafreundlich und in der Größe skalierbar. Wir müssen auf Zuruf abholen und effizient liefern können – idealerweise elektrisch, mit null Emissionen. Flexibilität darf nicht fehlen: Vielleicht möchte ein Gourmet-Farmer nur eine kleine Charge hochwertiger Erzeugnisse an ein Sternerestaurant liefern, ein anderer Stadtbauer dagegen eine LKW-Ladung Salat an den Supermarkt.

Welche Herausforderungen müssen wir noch lösen?

Die größte Herausforderung ist, dass bisher nur wenige Städte erkannt haben, wie wichtig urbane Landwirtschaft in Zukunft wird. Im Flächennutzungsplan von Metropolen sind oft nur Gewerbe- oder Wohnflächen als Option vorgesehen – keine landwirtschaftlichen Nutzflächen. Dadurch fühlt sich urbane Landwirtschaft manchmal wie eine Guerilla-Bewegung im Untergrund an. Der erste Schritt ist also, dass Landwirtschaft wie früher ganz offiziell wieder zur Stadt gehören darf. Vorreiter sind zum Beispiel Paris und Atlanta, auch New York geht Schritte in die Richtung.

Wie können Unternehmen Ihre Vision von urbaner Landwirtschaft unterstützen?

Große, innovative Unternehmen haben einen entscheidenden Vorteil: Mit jungen, visionären Menschen haben sie die Chance, Innovationen zu beschleunigen – zum Beispiel durch Innovation-Labs, kollaboratives Arbeiten oder zukunftsweisende Projekte. Umgekehrt profitieren große Unternehmen vom frischen Wind der Innovation und Veränderung, der ihnen manchmal aufgrund ihrer Größe verloren geht.

Künstliche Intelligenz (KI) kann eingesetzt werden, um Mobilität in Städten nachhaltiger und effizienter zu gestalten. Wie nutzen Sie KI und Big Data für Urban Farming?

Wir erfassen zum Beispiel die Pflanzenumgebung mit Sensoren: Klima, Wasserzufuhr, Belüftung, Beleuchtung. Über die Daten identifizieren wir dann die idealen Wachstumsbedingungen und testen sie in verschiedenen Szenarien. So sammeln wir das Wissen, das bisher in den Händen der Landwirte liegt, und machen es für alle zugänglich. Die Daten verwenden wir natürlich auch, um landwirtschaftliche Arbeit mit Robotik, Automatisierung und anderen Technologien auszuführen.

Haben Sie schon eine ganze Stadt für Urban Farming optimiert?

In Toronto haben wir elf urbane Farmen geplant, die keine wertvolle Nutzfläche in Anspruch nehmen. Das ist spannend und die Zukunft!

Wir verwenden Cookies

Damit wollen wir unsere Webseiten nutzerfreundlicher gestalten und fortlaufend verbessern. Wenn Sie die Webseiten weiter nutzen, stimmen Sie dadurch der Verwendung von Cookies zu.