Wir leben in einer unsachlichen Zeit

Meteorologe und Ozeanforscher Prof. Dr. Mojib Latif spricht im Interview darüber, warum Klimaskeptiker auf dem Holzweg sind, wie weit die Verantwortung der Automobilindustrie geht und welche Rolle soziale Gerechtigkeit beim Klimaschutz spielt.

Herr Professor Latif, Hitzewelle 2018, Rekordtemperaturen 2019: Was muss sich ändern?

Eine Menge, aber ich beginne mal beim Einflussbereich der Automobilindustrie. Das kann natürlich nur eine Stellschraube sein. Aber wenn Autos beispielsweise meistens stehen oder oft nur eine Person fährt, ist das alles andere als nachhaltig. Carsharing ist eine Möglichkeit, um in diese Richtung weiterzudenken. Klar ist, der klassische Individualverkehr ist nicht die Zukunft. Ziel muss vielmehr ein integriertes System mit Mobilität als Serviceleistung sein.

Was bedeutet das für unseren Alltag?

Wer von A nach B möchte, bestellt per App ein automatisiertes Fahrzeug, das die Person beispielsweise zum Bahnhof bringt. Am Zielbahnhof steht dann ein anderes automatisiertes Fahrzeug und fährt zum Hotel. Das ist die Zukunft. Deshalb treiben neue Verkehrskonzepte auch Innovationen in der deutschen Automobilindustrie.

Prof. Dr. Mojib Latif ist Leiter der Forschungsabteilung Maritime Meteorologie am Geomar-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Der gebürtige Hamburger ist Klimaforscher, Autor zahlreicher Bücher und fachwissenschaftlicher Publikationen. Mojib Latif ist Mitglied renommierter Expertenforen und seit 2017 Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome. Für seine wissenschaftliche Arbeit und Forschung in den letzten 30 Jahren wurde er mehrfach ausgezeichnet, aktuell mit dem Naturelife-Umweltpreis sowie der Alfred-Wegener-Medaille der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft.

Sie sagen, es gibt keine hundertprozentige Sicherheit, ob eine Hitzewelle auf den Klimawandel zurückzuführen sei. Ist das ein Argument gegen den Klimaschutz?

Nein! Das ist wie beim auf die Sechs gezinkten Würfel: Die Sechs wird häufiger gewürfelt. Wird eine Sechs gewürfelt, liegt das entweder am Zinken oder weil es der Zufall so will. Ähnlich ist es mit Hitzewellen. Sicher ist, dass diese infolge der Erderwärmung häufiger und intensiver auftreten.

Wie wird dieses Szenario berechnet?

Die Beweislage, dass wir das Klima beeinflussen und dadurch Hitzewellen begünstigen, ist überwältigend. Das erkennen wir am Vergleich von Computersimulationen unter heutigen Bedingungen und jener von vor 50 Jahren. Dazu berechnen wir, wie sich die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Hitzewellen geändert hat. So können wir heute schon mit über 90 prozentiger Sicherheit sagen, dass es Hitzewellen mit der heutigen Häufigkeit und Intensität nicht gäbe, wenn wir Menschen keine Treibhausgase ausgestoßen hätten.

Zu den spürbaren Veränderungen des Klimawandels zählen beispielsweise besonders heiße und trockene Sommer.

Ihre Arbeit ruft oft Klimaleugner auf den Plan. Wie reagieren Sie?

Eine sachliche Diskussion ist meist gar nicht möglich. Wir leben in postfaktischen Zeiten, alles wird in Zweifel gezogen. Selbst, dass die Erde eine Kugel ist! Die Leugner versuchen den Eindruck zu erwecken, es sei ein Expertenstreit zum Klimawandel im Gange. Das stimmt aber nicht. Skeptiker-Argumente sind nicht wissenschaftlich, auch wenn sie seriös klingen wollen.

Der diesjährige Earth Overshoot Day fiel auf den 29. Juli. Hat der Hilferuf damit ein Datum bekommen?

Ja, ab diesem Tag haben wir Menschen schon so viele Ressourcen verbraucht, wie sie im betreffenden Jahr auf natürliche Weise erzeugt werden können. In Deutschland war der Overshoot Day sogar am 3. Mai. Das heißt, unser Ressourcenverbrauch ist viel höher, als der weltweite Durchschnitt. Diese Lebensweise führt zum Verlust der Artenvielfalt, degradiert die Böden, zerstört die Regenwälder und ist Ursache für die Erderwärmung.

Was genau müssten Entscheider anstoßen, um diesen Trend zu stoppen?

Umweltbelastung und Ressourcenverbrauch darf es nicht zum Nulltarif geben. Ein Signal dafür wäre die CO2-Bepreisung. Allerdings sollte Umweltbelastung nicht nur zum Schutz des Klimas ihren Preis haben, sondern auch, um soziale Gerechtigkeit zu fördern. Denn es verdienen hauptsächlich nur einige wenige an ihr, wie es Papst Franziskus treffend formuliert.

Welchen Einfluss hat denn die Klimaproblematik auf die soziale Gerechtigkeit?

Einige wenige Länder verbrauchen zu viele Ressourcen zu Lasten des Großteils der Weltbevölkerung und der Umwelt. Das verstärkt unter anderem Migrationsbewegungen. Wenn wir die Lebensbedingungen global verbessern möchten, brauchen wir neue ressourcenschonende Technologien. Diesen Wandel kann Deutschland mitanstoßen. Denn hier gibt es nicht nur genügend finanzielle Mittel, sondern auch kluge Köpfe: Unter den besten Ingenieuren der Welt kommen viele aus Deutschland. Wer, wenn nicht sie, soll die Entwicklung vorantreiben?

Auch ansteigende Meeresspiegel gelten als Folge des Klimawandels.

Die CO2-neutrale Pkw-Flotte ist Teil unserer Klimaschutzziele ‚Ambition2039‘. Wie schätzen Sie unsere Ambitionen ein?

Wenn der Planet sein lebensfreundliches Antlitz behalten soll, müssen wir umkehren. Das heißt: weg von immer mehr Ressourcenverbrauch, hin zu einer Gesellschaft, die mit wenigen „erlaubten" Rohstoffen auskommt. Welche das sind und wie viel „wenig“ ist, darüber müssen Gesellschaft, Wirtschaft und Politik einen Konsens finden. In diesem Sinne wäre es am besten, wenn wir vollautomatisierte Fahrzeuge in einem integrierten Verkehrssystem betreiben.

Die CO2-neutrale Produktion ist ein wichtiges Ziel für Daimler. Welche Verantwortung sehen Sie darüber hinaus bei der Automobilindustrie?

Wir müssen in Deutschland mit gutem Beispiel vorangehen und eine CO2-neutrale Mobilität entwickeln, damit andere Länder dies nachahmen. Ähnlich ist es mit Rohstoffen, die wir beispielsweise für Batterien oder Elektronikbauteile benötigen. Dafür dürfen an anderer Stelle keine Umweltbelastungen oder Verletzungen der Menschenrechte entstehen.

Durch Power-to-X Technologie kann überschüssige Energie aus Windkraft und Solarenergie gespeichert werden.

Ein aktueller Vorwurf lautet: In Deutschland fehle der saubere Strom, um Elektromobilität massentauglich und umweltfreundlich zugleich zu machen. Was denken Sie?

Diesen Vorwurf können wir technologisch entkräften. Zum Beispiel ermöglichen Power-to-X Technologien die Speicherung und Nutzung temporärer Stromüberschüsse aus Solarenergie, Windenergie und Wasserkraft. Oder wir können an der Frage weiterarbeiten, wie sich aus erneuerbaren Energien synthetische Kraftstoffe herstellen lassen, etwa mit CO2 aus der Luft oder aus Produktionsabläufen. Es gibt viele Möglichkeiten!

Mit Wasserproben kann die Qualität des Meerwassers untersucht werden.

In Ihrem Buch ‚Die Meere. Der Mensch.‘ fordern Sie den Schutz der Ozeane. Warum sind gerade die Weltmeere so wichtig?

Die Hälfte unseres Sauerstoffs kommt aus den Weltmeeren. Sie sind Grundpfeiler unserer Welternährung und zur Regulierung unseres Klimas unabdingbar. Aber wir belasten sie durch unsere Lebensweise stark. Die Meere erwärmen sich durch den Anstieg der Treibhausgase, das stresst die Ökosysteme. Zudem nehmen die Ozeane etwa ein Viertel des CO2 auf, dass wir in die Atmosphäre entlassen. Das CO2 reagiert mit dem Meerwasser, sodass große Mengen Kohlensäure entstehen und die Meere folglich übersäuern. Diese Entwicklung hat gigantische Auswirkungen für viele Lebewesen und deren Lebensraum. Hinzu kommen weitere große Probleme wie Gifteinleitungen, Überdüngung und Plastikmüll. Wir müssen unsere Ozeane schützen, wenn wir die Welt lebenswert erhalten wollen.

Warum sollte der Klimawandel keine Debatte um Verzicht, sondern um Gewinn sein?

Wenn es uns gelingt, den Ressourcenverbrauch konsequent zu senken, profitiert jeder Einzelne. Wir gewinnen an Lebensqualität, Veränderungskompetenz und Zugang zu neuen Technologien. Nachhaltigkeit bedeutet Zukunftsfähigkeit. Deshalb möchte ich Mut machen. Wir haben die Zukunft selbst in der Hand!

Wir verwenden Cookies

Damit wollen wir unsere Webseiten nutzerfreundlicher gestalten und fortlaufend verbessern. Wenn Sie die Webseiten weiter nutzen, stimmen Sie dadurch der Verwendung von Cookies zu.