flinc. Netzwerken für den Klimaschutz

Susanne Hahn und Dieter Feder sind visionäre Köpfe aus dem Lab1886. Im Interview erzählen Sie, warum Greta Thunberg das Lab bereichern würde, zu wem das Ridesharing Konzept flinc passt und wie sie gute Ideen entwickeln und vorantreiben.

Frau Hahn und Herr Feder, wie sind Sie heute zur Arbeit gekommen?

FEDER: Mit dem Auto.

HAHN: Ich auch. Aber heute wäre mir das Flugtaxi Volocopter lieber gewesen. So hätte ich auf dem Weg zur Arbeit über den Stau hinwegfliegen können (lacht).

Wann haben Sie das letzte Mal eine Mitfahrgelegenheit genutzt oder jemanden mitgenommen?

FEDER: In der Pilotphase habe ich unsere App für Mitfahrgelegenheiten getestet, die wir hier im Lab1886 gestartet haben. flinc richtet sich aktuell an pendelnde Daimler-Mitarbeiter und ich wollte natürlich selbst die Erfahrungen machen, die Nutzer mit unserem Angebot sammeln.

HAHN: Ich habe fast täglich einen Mitfahrer, der ist allerdings gerade mal vier Jahre alt. Mein Sohn teilt jeden Morgen mit mir das Auto. Das ist zugegebenermaßen keine typische Mitfahrgelegenheit, aber ich bin auch eher nicht die Zielgruppe.

Warum denn nicht?

HAHN: Mein Kalender ist meistens voller Termine an unterschiedlichen Standorten. Ich hätte alle Hände voll zu tun, um für jede Fahrt eine passende Mitfahrgelegenheit zu finden. Es geht vielmehr darum, Mobilität in Summe nachhaltiger zu gestalten und längerfristige Mitfahrgemeinschaften zu etablieren. Mit flinc erreichen wir alleine mit unseren Mitarbeitern schon eine sehr große Zielgruppe und können dazu beitragen, gefahrene Straßen-Kilometer zu reduzieren.

Susanne Hahn, Head of Lab1886 Global

Wie viel CO2 haben Daimler-Mitarbeiter durch Ridesharing eingespart?

FEDER: Seit Ende Februar dieses Jahres haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Sindelfingen bisher rund 2,4 Millionen Straßenkilometer durch Fahrgemeinschaften mit der flinc App vermieden und damit einen Beitrag geleistet, um die Emissionen in der Region zu senken – geschätzt entspricht das etwa 540 Tonnen CO2. Sie haben so viel CO2 gespart, wie es 275 vierköpfige Haushalte im gleichen Zeitraum mit ihrem Stromverbrauch erzeugen. Der Forecast bis zum Jahresende sagt, dass die Kollegen allein mit flinc über 800 Tonnen CO2 einsparen werden!

HAHN: Da sieht man, was wir allein mit einem Piloten, an einem Standort in einem Unternehmen zusammen alles erreichen können! Der Standort Sindelfingen hat uns dabei super unterstützt. Wenn man es gemeinsam anpackt, dann kommen auch die Ergebnisse.

Was unterscheidet flinc von anderen Ridesharing-Plattformen?

FEDER: Viele Mitfahrbörsen sind auf den Mitfahrer fokussiert, mit großen Umwegen für den Fahrer. In meinem Fall hat mich eine App über das Neckartor geführt – wer Stuttgart kennt, weiß, was das heißt, obwohl ich normalerweise versuche, den Stau zu umfahren. Das wollten wir ändern. Im Kern ist flinc eine Mitarbeiter-Kennlernplattform. Wir bringen Menschen zusammen, die ähnliche Strecken zu ähnlichen Zeiten fahren und schaffen so peu à peu Pendlernetzwerke. So verändern wir den Umgang mit Mobilität nachhaltig.

Dieter Feder ist Projektmanager des Lab1886. Im Interview erklärt er, was flinc so besonders macht.

Wie profitiert Daimler von flinc?

HAHN: Bei flinc geht es in erster Linie darum, das Verkehrsaufkommen des Pendlerverkehrs durch Mitfahrgelegenheiten zu reduzieren und damit einen Beitrag zur Vermeidung von CO2-Emissionen zu leisten. Es gibt bereits Unternehmen, die Interesse an flinc zeigen und bereit sind, dafür Geld in die Hand zu nehmen. Das ist ein wichtiger Indikator für die Frage: Fliegt die Idee oder fliegt sie nicht?

FEDER: Das Interesse von mehreren externen Unternehmen, unter anderem auch von einem Unternehmensverbund mit rund 6.000 Mitarbeitern, haben wir übrigens erlangt, ohne Werbung zu machen.

HAHN: Wenn wir es schaffen, mehrere Unternehmen zum Beispiel alleine in der Region Stuttgart für unsere Plattform zu begeistern, dann können wir gemeinsam richtig viel bewegen. Im Lab1886 haben wir uns als Prinzip gesetzt, Win-Win-Situationen zu schaffen, bei denen jeder Partner profitiert: In dem Fall die Einzelperson, die Mitfahrgemeinschaft, die Stadt mit weniger Verkehr und weniger Emissionen und selbstverständlich auch das Unternehmen, das flinc einsetzt. Alle gewinnen und das sorgt für nachhaltige Geschäftsmodelle - im doppelten Sinn.

Was ist denn für Fahrer und Mitfahrer drin, außer den gesparten Fahrtkosten und dem guten Gefühl, weniger CO2 zu erzeugen?

FEDER: Mitarbeiter können zum Beispiel was fürs Netzwerk machen, indem sie Fahrsituationen teilen. Man lernt dabei viele neue Menschen kennen und bekommt Informationen, die man vorher nicht hatte. Im Pilotprojekt gab es zudem Incentivierungen für die Pendler, um die Initiative zu unterstützen, etwas Neues zu versuchen. Zum Beispiel Tankkarten.

HAHN: Auch Parkplatzreservierungen speziell für Mitfahrgemeinschaften kommen extrem gut an, aktuell gibt es die bereits im Werk Sindelfingen. Probleme einen Parkplatz zu finden, sind in Städten und auch auf Werksgeländen alltäglich. Da ist es schon ein riesen Vorteil, wenn man als flinc-Nutzer in der ersten Reihe parken darf, oder auch bei späterem Arbeitsbeginn noch einen freien Parkplatz findet.

FEDER: Deshalb werden wir die bisher 500 reservierten flinc-Parkplätze am Mercedes-Benz Werk in Sindelfingen auf rund 850 erweitern. Ziel ist außerdem, flinc auch für andere Standorte anzubieten. In diesem Jahr wollen wir das Mercedes-Benz Werk in Rastatt hinzunehmen und AMG in Affalterbach.

HAHN: Ein weiterer Vorteil unseres Systems gegenüber anderen Anbietern ist, dass es sicherer ist. Der Nutzer kann gezielt mit Kolleginnen und Kollegen fahren.

Nutzer von Mitfahrgelegenheiten soll die lästige Parkplatz suche, durch Parkplatzreservierungen, erspart bleiben.

Haben Sie selbst eigentlich mal Begegnungen mit Mitfahrern gemacht, die in Erinnerung blieben?

FEDER: Meine Anekdote stammt aus der Testphase von flinc und war eher zwiespältig. Einer Dame, die ich mitgenommen habe, ist in meinem Auto aus Versehen die Handtasche runtergefallen. Sie hat alles wieder eingesammelt, dachte ich. Am nächsten Tag habe ich meine Lebenspartnerin im Auto mitgenommen. Beim Aussteigen hat sie einen Stift gesehen – es war anscheinend ein Kajalstift –, ihn aufgenommen, angesehen und war kurz irritiert. Solche Nachwirkungen haben Mitfahrgelegenheiten aber nicht immer (alle lachen).

Flinc ist Teil der Initiative f.l.o.w., die Sie gestartet haben. Was ist f.l.o.w konkret?

HAHN: f.l.o.w. ist eine Initiative, die wir im Lab1886 gemeinsam mit Kollegen von External Affairs, der Fabrikplanung und dem Betriebsrat ins Leben gerufen haben. f.l.o.w. bündelt und entwickelt verkehrsentlastende Angebote aus den Bereichen Mobilität und NewWork für die Belegschaft. Mit f.l.o.w. kann jeder Mitarbeiter schon heute einen Beitrag zu unserer „Ambition 2039“ leisten und den CO2-Fußabdruck von Daimler verringern.

FEDER: Mit den Maßnahmen wollen wir dazu beitragen, den Verkehr zu verflüssigen, sozusagen einen „Flow“ auf den Straßen schaffen und dabei Straßenkilometer und CO2 vermeiden.

Frau Hahn, Sie leiten das Lab nun seit drei Jahren als Director Lab1886 Global. Wie sieht Ihre tägliche Arbeit aus?

HAHN: Ich habe das Glück, mich durch meine Arbeit jeden Tag mit der Zukunft und neuen Ideen zu beschäftigen. Unser Ziel ist es, für Daimler nachhaltig Wert zu schaffen. Das bedeutet Konzentration auf die richtigen Ideen und deren Kommerzialisierung sowohl mit internen als auch mit externen Partnern. Aus einer ersten Idee ein profitables und nachhaltiges Geschäftsmodell zu etablieren ist nicht einfach und aus meiner Sicht eine unternehmerische Königsdisziplin, die permanent neue Herausforderungen birgt. Die Lernkurve ist dabei für alle Mitarbeiter stets groß, es gibt sozusagen kein „daily business“.

Wenn sich nun Greta Thunberg für das Lab bewerben würde: Wäre sie dabei?

HAHN: Ja, ich würde sie sofort nehmen. Greta Thunberg beeindruckt mich. Sie setzt sich für eine Sache ein, von der sie überzeugt ist. Sie ist enorm glaubwürdig und authentisch. Das verschafft ihr Respekt und vor allem erzielt sie Wirkung!

Hatten Sie beide mal Zweifel, ob Sie genügend frische Ideen haben?

HAHN: Nein, jetzt nicht mehr. Es gab eine Phase am Anfang, da war das kurzzeitig anders. Zu dem Zeitpunkt haben wir unser Projektportfolio durchleuchtet und von 25 nur sechs Projekte behalten. Als Konsequenz daraus wurde der Ideenfindungs-Prozess im Lab komplett verändert und professionalisiert. Daraus sind zahlreiche neue Ideen für unser Projektportfolio entstanden, an denen wir auch mit externen Partnern und Top-Unis, wie Harvard und dem MIT, zusammenarbeiten. Ideen sind bei uns immer Teamarbeit. Das Einwirken unterschiedlicher Perspektiven ist hierbei besonders relevant.

FEDER: Außerdem brauchen wir Risk-Taker, keine Leute, die sich ständig absichern. Wir setzen auf Unternehmergeist, Vorstellungskraft und es kann auch nicht schaden, unsere Wertschöpfungskette gut zu kennen. Wenn diese Eigenschaften zusammenkommen und die Zusammenarbeit passt, kommen auch die Ideen.

Welche Erfindung wird unsere zukünftige Mobilität am stärksten prägen?

FEDER: Ich meine, der Volocopter. Mit dem Flugtaxi erschließen wir die Luftinfrastruktur als ganz neue Dimension für städtische Bewegung. Aber auch gesellschaftliche Themen verändern Mobilität, wie die Diskussion um den Carbon Footprint oder NewWork-Ideen. Die Straßen im Stadtverkehr sind oft dicht, die Parkplätze voll, die Leute genervt in ihren Autos. Alleine in Stuttgart sind es pro Jahr über 100 Stunden, die jeder Autofahrer im Schnitt im Stau steht. Wenn man bedenkt, wie Menschen im Supermarkt manchmal zur Kasse hetzen, nur um eine Minute schneller zu sein. Da sind 20 Minuten Stau am Tag eine Menge. Da müssen wir weiter dranbleiben, um die Situation zu verändern.

Der Volocopter, ein Flugtaxi, könnte den Verkehr in Städten entlasten.

Greta ist gerade über den Atlantik gesegelt, statt zu fliegen. Welche neuen Mobilitätskonzepte probieren Sie als nächstes aus?

HAHN: Das ist sogar schon konkret geplant: „Vision Smart City“ findet am 14. und 15. September 2019 statt. Am Mercedes-Benz Museum präsentieren wir den ersten urbanen Flug unseres Lufttaxis Volocopter und viele weitere Innovationen. Ich teste den Volocopter! Insgesamt kann jeder sich dort einen super Eindruck verschaffen, wie wir uns Mobilität in der Zukunft vorstellen.

Über Lab1886

Lab1886 ist ein eigenständiges Innovationslabor innerhalb der Daimler AG. Mit den Innovationen unterstützt das Lab1886 die Daimler AG, eine nachhaltige und profitable Zukunft abzusichern. Ziel ist es, schnell von einer Idee zum Produkt oder Geschäftsmodell zu gelangen. Projekte durchlaufen drei aufeinanderfolgende Phasen: Ideation, Inkubation, Kommerzialisierung. In diesem Freiraum arbeiten Mitarbeiter in flachen Hierarchien und kreativer Atmosphäre an weltweit vier Innovations-Hotspots: Stuttgart, Berlin, Peking und Atlanta.

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