Null Unfälle sind das Ziel

Ingo Scherhaufer arbeitet täglich bei Daimler Trucks für eine Welt ohne Unfälle. Auch für den neuen Actros hat der Leiter Active Safety mit seinem Team wieder eine Sicherheitsarchitektur entwickelt, die Leben retten kann.

Herr Scherhaufer, „Zero Accidents“ – ist das Utopie oder ein erreichbares Ziel?

Unfallfreies Fahren ist Teil unserer nachhaltigen Unternehmensstrategie und ganz klar unser Ziel. Solange noch ein einziger Unfall passiert, werden wir weiter daran arbeiten. Vor allem wollen wir die schweren Unfälle von der Straße verbannen – wenn wir irgendwann nur noch über Bagatellschäden reden, dann sind wir sehr weit gekommen.

Sie arbeiten täglich dafür, die Standards zu erhöhen – und das schon seit 25 Jahren. Was fasziniert Sie am Thema Verkehrssicherheit?

Das Thema Assistenzsysteme und Aktive Sicherheit hat mich nie losgelassen und fasziniert mich bis heute. Und es stimmt, ich habe eine lange Historie in unserem Haus. Vor 25 Jahren hatte ich das Glück, das erste Assistenzsystem für die 1998-er S-Klasse mitzuentwickeln. Meine Erfahrung und Expertise habe ich zum Jahrtausendwechsel mit zu den Trucks genommen. Es ist wahnsinnig aufregend, solche Innovationen in die Welt zu tragen und zu wissen: Wir sind oft die ersten und einzigen, die solche Systeme anbieten können. Aber auch unsere Fahrzeuge sind noch nicht frei von Unfällen, sonst wäre unser Auftrag erledigt. Auch in der jüngeren Vergangenheit gab es Momente, in denen ich dachte: Mensch, da hätten wir besser sein können. Das ist für uns der größte Ansporn, uns jeden Tag weiterzuentwickeln und besser zu werden.

Eines der Sicherheitsassistenzsysteme an Bord des neuen Actros ist der Active Drive Assist für teilautomatisiertes Fahren. Wie ist die Resonanz der Testfahrer?

Anfangs skeptisch, am Ende dann doch euphorisch! Während der Kundenerprobung wollten wir von Truck-Fahrern zunächst wissen, welche Vorbehalte sie gegen die Teilautomatisierung haben. Über das Ergebnis nach der Fahrerprobung können wir uns freuen: Die Kollegen waren begeistert! Insbesondere die komfortable Unterstützung, speziell beim monotonen Fahren auf der Autobahn, hat ihnen zugesagt. Denn: Der Actros kann nicht nur eigenständig beschleunigen und bremsen, er kann auch die Spur halten und Kurven fahren. Überzeugt waren die Fahrer auch von der Robustheit der Sicherheitssysteme im Alltag. Diese greifen genau dann ein, wenn eine Gefahr droht. So auch beim neuen Active Brake Assist 5, der im Ernstfall, wenn beispielsweise ein Fußgänger in Gefahr gerät, mit einer Vollbremsung reagieren kann.

Ein Fahrer muss beim teilautomatisieren Fahren antrainierte Verhaltensmuster ablegen. Wie viel hat er im neuen Actros noch zu tun?

Der Fahrer hat nach wie vor die volle Verantwortung und muss das Verkehrsgeschehen genau im Blick haben. Neu ist: Wir schaffen für ihn die optimalen Voraussetzungen dafür. Beim Lenken beispielsweise erhält er eine sehr komfortable Unterstützung, allerdings muss er die Hände am Lenkrad lassen. Unsere Tests zeigen, dass der Fahrer dank der Assistenzsysteme nach zwei, drei Stunden entspannter aus dem Fahrzeug steigt.

Was, wenn der Fahrer bei aufkommender Gefahr unaufmerksam ist?

Wir wissen aus der Unfallforschung, dass Fahrer oft zu sanft oder auch gar nicht auf die Bremse treten, wenn sie überfordert – oder unaufmerksam – sind. Im Gefahrenfall warnen unsere Sicherheitssysteme den Fahrer und geben ihm wertvolle Zeit, schnell und richtig zu entscheiden. Das ist die Philosophie hinter unseren Assistenzsystemen: Den Lkw-Fahrer bei seiner täglichen Arbeit bestmöglich zu unterstützen.

Welche weiteren Assistenzsysteme im neuen Actros können für Fahrer und andere Verkehrsteilnehmer lebensrettend sein?

Alles, was das Sichtfeld erweitert. In Deutschland kommen immer noch viele Personen pro Jahr durch Kollisionen mit Lkws zu Schaden. Im neuen Actros greifen jetzt zwei Systeme: die MirrorCam und der Abbiege-Assistent. Die MirrorCam ist intelligenter als jeder konventionelle Lkw-Spiegel, denn sie arbeitet mit Digitalkameras, deren Bild auf Displays an der A-Säule übertragen wird. So hat der Fahrer quasi einen 360-Grad-Blick. Dadurch weiß er immer, was um sein Fahrzeug herum passiert. Bei der Überwachung des rechten Fahrzeugbereichs arbeiten die MirrorCam und der Abbiege-Assistent Hand in Hand: Der Abbiege-Assistent nutzt das Display der MirrorCam, um den Fahrer optisch zu warnen, wenn sich ein Radfahrer oder Fußgänger neben dem Truck befinden. Besteht dann beim Anfahren Kollisionsgefahr, folgt eine stärkere optische und eine akustische Warnung. Damit entschärfen wir eine echte Angstsituation von Lkw-Fahrern.

Welche nachhaltigen wirtschaftlichen Vorteile bringt ein sicherheitsoptimierter Actros den Betreibern von Fuhrparks?

Die Vorteile liegen auf der Hand: Es geht darum, die Fahrer zu schützen und schwere Unfälle zu verhindern. Bei Lkw-Kollisionen entstehen auch am eigenen Fahrzeug oftmals große Schäden - da gehen die Kosten schnell nach oben. Hier rechnet sich die Investition in Sicherheitssysteme schon beim ersten verhinderten Vorfall! Übrigens sind aus diesem Grund solche Sicherheits-Systeme z. B. in der Mineralölwirtschaft mit Gefahrengut-Transporten bereits Standard.

Die General Safety Regulation der EU verfolgt das Ziel, die Anzahl der Schwerverletzten und der Unfalltoten bis 2030 zu halbieren. Wie bewerten Sie Vorschriften wie diese?

Bei Daimler unterstützen wir solche Initiativen, denn eine Breitenwirkung lässt sich erst dann erzielen, wenn in allen Fahrzeugen Sicherheitssysteme verfügbar sind. Man muss jedoch unterscheiden, was für welches Fahrzeugsegment sinnvoll ist. Ein Transporter wie der Sprinter wird völlig anders eingesetzt als ein Atego-Lkw. Ein Bus mit stehenden Passagieren muss anders betrachtet werden als ein Lkw mit einer Person. Je Segment ist das Unfallgeschehen ein anderes. Allerdings unterscheidet die Gesetzgebung da nicht. Dazu braucht es noch mehr Aufklärung und Diskussion.

Gibt es weitere Stellhebel im Sinne einer nachhaltigen Verkehrssicherheit?

Die meisten Lkw-Unfälle geschehen durch Auffahren und Spurabkommen. Hiergegen bieten wir als Hersteller bereits viele Assistenzsysteme an. Komplexer wird es im belebteren Straßenverkehr, wie bei Kreuzungen, mit verschiedenen Verkehrsteilnehmern und schnell variierenden Situationen. Um diese Herausforderungen zu meistern, müssen alle Beteiligten besser vernetzt werden.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ein Beispiel ist die Fahrzeug-zu-Fahrzeug-Kommunikation, die wir bereits bei Testfahrten auf die Straße gebracht haben. Damit kann ein Fahrzeug den nachfolgenden Verkehr über Datennetze frühzeitig vor Gefahren warnen: etwa vor Glatteis oder einem Unfall hinter einer Kurve. Im nächsten Schritt könnte auch die Infrastruktur Risiken signalisieren, indem Ampelanlagen oder Baustellen mit Sendetechnologie ausgestattet werden. Erhalte ich im Lkw eine Warnung, kann ich den Gefahrenbereich frühzeitig umfahren.

Experten zufolge wird sich das globale Transportvolumen im Straßengüterverkehr zwischen 2015 und 2050 mehr als verdoppeln. Wie packen wir diesen Anstieg ohne Verkehrschaos?

Eine sehr spannende Frage! Bei Daimler Trucks sind wir bereits mitten in der Entwicklung von Lösungsszenarien. Hierzu greifen wir auf ein umfangreiches Wissen aus der langjährigen Erfahrung in der Entwicklung von Fahrerassistenzsystemen zurück – und das über den gesamten Konzern hinweg. Erste prototypische Lösungen werden wir in den nächsten Jahren auf die Straße bringen.

Sie geben hundert Prozent Energie für die „Null“ – was ist Ihr Antrieb auf dem Weg zum Ziel des unfallfreien Fahrens?

Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere Entwicklungen sehr vielen Menschen das Leben gerettet haben. Am Ende ist das der wirkliche Antrieb.

Ingo Scherhaufer stellt sich persönlich vor einem heranfahrenden Actros.

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