Die Kunst besteht darin, alles bestmöglich zu verknüpfen

Marianne Reeb ist Zukunftsforscherin und befasst sich mit Trends, lange bevor sie in unserem Alltag ankommen. Helge Janzon kümmert sich darum, dass solche Ideen und Erkenntnisse in Form von zukunftsorientierten Mobilitätskonzepten umgesetzt werden. Er ist in der zentralen Konzernstrategie tätig. Und so begleitet das Thema Smart Cities die Beiden schon eine ganze Weile. Wir haben mit ihnen darüber gesprochen, wie unsere Städte in 20 Jahren aussehen könnten.

Was sehen wir, wenn wir durch die Stadt der Zukunft spazieren?

JANZON: Mehr Platz. Raum wird ganz anders genutzt, als wir das heute kennen. Parken am Straßenrand ist da undenkbar. Dafür ist der Platz viel zu wertvoll. Unbenutzte Fahrspuren werden ebenfalls der Vergangenheit angehören. Heute befinden sich zwischen zwei Häuserzeilen zwei, drei oder sogar vier Fahrbahnen und auf jeder Seite noch ein Bürgersteig. In der Stadt von morgen wird es weniger Fahrbahnen geben.

REEB: Zu Stoßzeiten können das schon mal vier sein. Aber da sind wir künftig flexibler: Wenn der Verkehr nachlässt, kann daraus eine zweispurige Straße werden. Und sonntags darf dann vielleicht überhaupt keiner durchfahren. Heute gilt: Gebaut ist gebaut. Morgen helfen uns LEDs auf dem Asphalt und Konnektivität, um auf jede Situation flexibel reagieren zu können.

Marianne Reeb und Helge Janzon im Interview.

Und wozu wird der Platz genutzt, den wir dann gewonnen haben?

REEB: Das ist Platz für Begegnung. Ich glaube, dass Gemeinschaft der Grund ist, warum ein Mensch in der Stadt lebt. Natürlich wünscht sich jeder seinen Privatraum, aber eben auch das Miteinander und den Austausch. Durch den gewonnen Raum kann in der Stadt mehr Kultur angesiedelt werden. Auch für Gewerbe und Einzelhandel ist dann mehr Platz. Dadurch wächst wiederum die Zahl der Arbeitsplätze und die Wege für jeden Einzelnen werden kürzer. Es bleibt also mehr Zeit für Gemeinschaft, weil ich meinen Kiez seltener für Erledigungen verlassen muss.

Wie bewegen wir uns fort, wenn wir unseren „Kiez“ doch mal verlassen?

REEB: Vom eigenen Auto, über den öffentlichen Nahverkehr, bis hin zur Shared Mobility ist alles denkbar. Emissionsfrei ist ein Stichwort, das auf alle Möglichkeiten zutreffen wird. Die Gegenwart ist so vielfältig. Daher bin ich davon überzeugt, dass auch die Zukunft nicht eindimensional sein wird. Es ist unwahrscheinlich, dass es nur noch eine Lösung geben wird. Ich sehe eine stärkere Mischung der Verkehrsmittel. Wir werden viel mehr darüber nachdenken, welches Verkehrsmittel für welche Situation passt. Die Kunst besteht darin, diese bestmöglich miteinander zu verknüpfen. Es wird funktionierende Knotenpunkte geben, an denen beispielsweise meine Bahn ankommt und mein zuvor reserviertes Carsharing-Fahrzeug direkt wartet.

Ob eigenes Auto, Carsharing-Fahrzeug oder öffentlicher Nahverkehr – emissionsfrei wird die Mobilität der Zukunft in jedem Bereich sein.

Warum nutzen die Menschen Sharing-Angebote?

REEB: Die Vorstellung zu teilen ist nicht für jeden gleichermaßen attraktiv. Aber Menschen haben ein Bedürfnis nach Flexibilität. Da kommen diese Angebote ins Spiel und ergänzen den Mobilitätsmix.

JANZON: Auch Daimler bietet solche integrierten Lösungen an. Ich bin froh, dass wir uns als Unternehmen frühzeitig auf diesen Wandel eingestellt haben und uns heute Mobilitätsdienstleister nennen können.

Das eigene Auto ist ein Sinnbild für Unabhängigkeit und Flexibilität. Welche Rolle wird es in der Zukunft spielen?

JANZON: Wir unterscheiden hier zwischen urbanen und ländlichen Gebieten. Ich glaube, außerhalb der Städte wird es auch in den nächsten 20, 30 und 40 Jahren viel Bedarf für eigene Fahrzeuge geben. Aber auch in den Ballungszentren wird es immer Menschen geben, die Autos besitzen, um beispielsweise am Wochenende wegzufahren. Das Fahrzeug wird aber in den wenigsten Fällen direkt vor deren Wohnung stehen. Dafür wird es Park-Hubs etwas außerhalb geben, die mit den anderen Verkehrsmitteln gut erreichbar sind.

Fahren wir noch selbst Auto?

REEB: Sehr viel wird hochautomatisiert laufen. Dadurch ergeben sich ganz neue Möglichkeiten: Heute fliege ich in eine andere Stadt und nehme mir ein Hotelzimmer, um morgens für einen Termin vor Ort zu sein. In der Zukunft reise ich dann über Nacht mit meinem automatisierten Mercedes-Benz an. So beschränkt sich der Hotelbesuch künftig auf die Dusche und das Frühstück und ich spare Zeit.

JANZON: Automatisierte Carsharing-Fahrzeuge können zudem Platz sparen. Wenn ich aussteige, fahren sie in Zukunft einfach selbst weiter zum nächsten Kunden. So muss ich das Fahrzeug nicht abstellen. Dadurch können wir die Parkplätze in den Innenstädten reduzieren und die gewonnene Fläche sinnvoller nutzen.

Vollautomatisiert, kommunikativ und elektrisch: Der smart vision EQ fortwo zeigt eine Version eines Carsharing-Fahrzeugs von morgen.

Viele Menschen fahren gerne selbst.

REEB: Ich glaube, es geht den meisten eher darum, dass sie die Kontrolle nicht abgeben wollen. Aber um die Kontrolle zu haben, muss ich nicht zwingend das Lenkrad in den Händen halten. Da gibt es andere Möglichkeiten: Dem Auto der Zukunft sage ich, was es tun soll. Oder ich individualisiere es. Ich fahre gerne etwas sportlicher. Dann kann ich künftig eben auch etwas spritziger von meinem automatisierten Auto gefahren werden. So kann ich aktiv gestalten. Das ist wichtig. Dieses Gefühl, etwas zu beeinflussen und zu gestalten, ist in meinen Augen wichtiger, als selbst zu fahren.

Auch die Städte von morgen müssen aktiv geplant und gestaltet werden. Wer sollte da mitreden?

REEB: Themen, die so komplex wie Mobilitäts- und Stadtkonzepte sind, müssen zusammen erarbeitet werden. So beteiligen viele Städte ihre Bürger an diesem Prozess. Ein Stuttgarter Beispiel: das Reallabor für nachhaltige Mobilitätskultur. Dort werden Vorschläge entwickelt und ausgetauscht, wie die Landeshauptstadt in 20 Jahren aussehen kann und soll.

JANZON: Und auch wir als Mobilitätsdienstleister sind gefordert, schon in einer frühen Phase mit der Stadt in den Dialog zu treten – nicht erst, wenn es um eine konkrete Ausschreibung geht, auf die wir uns bewerben. Denn die Städte werden künftig ungleich komplexer aufgebaut sein, als heute. Die Konzepte der Städteplanung werden immer integrierter und vernetzter. Sie erscheinen hochindividuell, ja elegant. Doch in gleichem Maße wird auch der Weg dorthin immer anspruchsvoller. Daher bedarf es kompetenter Beratung, die wir gerne leisten. Bisher wurden wir überall mit offenen Armen empfangen. Denn jede Stadt muss ihren eigenen Weg finden, um mit der Komplexität umzugehen und eine lebenswerte Stadt der Zukunft zu gestalten. Da hilft unser breitgefächertes Mobilitätsangebot, das jede Stadt ganz flexibel in ihr eigenes Konzept integrieren kann. Diese Konzepte werden natürlich ganz unterschiedlich ausfallen. Es wird aber auch Schnittmengen geben: So bin ich mir zum Beispiel sicher, dass viele Orte nach und nach den reinen Durchgangsverkehr aus den Innenstädten ausschließen werden.

Die Konzepte der Städteplanung werden immer integrierter und vernetzter.

Wie wird das umgesetzt werden? In Singapur muss ich schon heute eine teure Lizenz erwerben, wenn ich ein Auto zulassen will. Könnte solch ein Modell Schule machen?

JANZON: Das wird in jeder Stadt anders aussehen. Denn keine zwei Orte sind gleich.

REEB: Man kann das über Gesetze und Verbote steuern. Ich denke aber, dass es effektiver ist, auf Anreize für gemeinnütziges Verhalten zu setzen.

Subventionen?

REEB: Daran hatte ich nicht gedacht. Mein Vorschlag geht in eine andere Richtung. Wenn ich nun feststelle, dass die B14 in Stuttgart voll ist, dann könnte ich doch einem Teil der Autofahrer vorschlagen, eine andere Strecke zu nutzen. Das kostet sie heute drei Minuten mehr. Dafür bekommen sie zehn Mobilitätspunkte und können diese beim nächsten Mal nutzen und damit kostenlos parken. So kann man den Menschen die Freiheit lassen, selbst zu entscheiden und sie zugleich belohnen, wenn sie im Sinne der Allgemeinheit handeln.

Wird das nicht auf Vorbehalte stoßen? Da geht es schließlich auch um das Thema Datensicherheit.

REEB: Es gibt es bereits erste kleinere Versuche dazu: 70 Prozent der Teilnehmer erklärten sich bereit, ihre Daten zu teilen. So konnte ein Drittel der Staus vermieden werden. China führt im nächsten Jahr ein solches Scoring ein. Ein Bewertungssystem honoriert dann das Verhalten der Bürger. Trotz der kulturellen Unterschiede bin ich mir sicher, dass wir in 20 Jahren etwas Ähnliches praktizieren könnten. Auch in Zukunft sollten Kunden immer wählen können, welche Daten sie der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Wenn die Daten zum Nutzen des Einzelnen und der Gemeinschaft eingesetzt werden und ein verantwortungsvoller Umgang damit sichergestellt wird, kann so ein System von vielen mitgetragen werden.

Was gehört neben einem funktionierenden Mobilitätskonzept für Sie zu einer lebenswerten Stadt?

REEB: In Berlin kann ich zur Bahn laufen, ohne auf den Fahrplan zu achten. Da kommt spätestens nach fünf Minuten ohnehin eine. Aber das alleine nützt auch nichts. Gut bezahlte Jobs gehören ebenfalls zu einer lebenswerten Stadt. Diese ermöglichen einen Spielraum bei der Lebensqualität und lassen zu, dass ich mein Leben so gestalte, wie ich es mir vorstelle. Die wirtschaftliche Komponente spielt eben auch eine Rolle.

JANZON: Es gibt aber auch weiche Faktoren. Ein Spaziergang in Heidelberg entlang des Neckars kann die Lebensqualität enorm steigern.

Wir verwenden Cookies

Damit wollen wir unsere Webseiten nutzerfreundlicher gestalten und fortlaufend verbessern. Wenn Sie die Webseiten weiter nutzen, stimmen Sie dadurch der Verwendung von Cookies zu.