Den Produktpiraten auf den Fersen Markenschutz

Sie sehen aus wie Markenersatzteile, sind aber keine: Immer mehr gefälschte Autoteile überschwemmen den Markt. Was die Käufer nicht ahnen: Die falschen Teile können zu einer echten Gefahr werden. Die Markenschützer von Daimler setzen deshalb alles daran, den Produktpiraten das Handwerk zu legen.

Die Ermittler können es nicht glauben. Nach allem, was sie wissen, muss sich genau hier, in dieser Tiefgarage, das Lager der Fälscher befinden. Doch zu sehen ist nichts – nur leere Parkbuchten, ein paar geparkte Autos und kahle Wände ringsum. Plötzlich steuert einer der Fahnder intuitiv auf eine Wand zu, die ihm merkwürdig vorkommt. Bei genauerem Hinsehen sind Unebenheiten zu erkennen. Tatsächlich: Ein paar feste Schläge, und der Putz springt ab. Zum Vorschein kommen die Umrisse eines Türschlosses.

Wenig später haben die Männer die Tür freigelegt und geöffnet. Volltreffer! Die Lichtkegel der Taschenlampen gleiten über meterlange, bis auf den letzten Zentimeter gefüllte Regale. Über 6.000 gefälschte Windschutzscheiben verschiedener Marken werden sichergestellt. Das Team in China kann einen Erfolg nach Deutschland melden, wie er nicht alle Tage vorkommt.

Unter den Experten von Global Brand Protection bei Daimler in Stuttgart sorgt die Meldung von der gelungenen Razzia für Jubel. Gut sieben Monate akribischer Detektivarbeit haben die Markenschützer investiert, um den Zugriff zu ermöglichen. „Wir sind Profis, wenn es darum geht, gefälschte Mercedes-Benz Produkte im Markt aufzuspüren“, sagt Peter Stiefel, der Leiter des Teams. „Wir prüfen dubiose Angebote im Internet und arbeiten eng mit dem Zoll und den Strafverfolgungsbehörden zusammen. Oft ist das eine aufwändige Puzzlearbeit, denn unsere Gegner arbeiten weltweit mit meist Mafia-ähnlichen Strukturen.“

Gefährliche Teile

Die Produktion gefälschter Markenteile hat in den letzten Jahren industrielle Ausmaße erreicht. Nachgemacht wird fast alles, von Scheibenwischern und Felgen bis hin zu Ölfiltern und Spurstangen. Die Billigteile sind gefragt; doch kaum ein Kunde ahnt, dass er mit ihrem Kauf womöglich seine Gesundheit riskiert. „Bei sicherheitsrelevanten Teilen wie zum Beispiel Bremsscheiben stehen tatsächlich Leib und Leben auf dem Spiel“, warnt Peter Stiefel.

Um die Risiken genauer bewerten zu können, führt sein Team gemeinsam mit Entwicklungsingenieuren von Mercedes-Benz regelmäßig Produkttests mit beschlagnahmten Fälschungen durch – mit erschreckenden Ergebnissen: Unter den hohen Belastungen des Tests gehen bisweilen Steuergeräte in Flammen auf, Felgen brechen, Bremsscheiben beginnen zu glühen und bersten. Doch selbst wo es nicht zu derart dramatischen Ausfällen kommt, ist das Risiko erheblich.

Peter Stiefel: „Wir wissen heute, dass die Wirkung eines gefälschten Bremsbelags um bis zu 100 Prozent schlechter ist als bei einem Originalteil. Das heißt: Der Bremsweg kann sich nahezu verdoppeln. Man kann sich leicht vorstellen, was das im Straßenverkehr bedeuten kann.“ Eine solche reale Fahrsituation stellten die Daimler-Experten unlängst in einem Fahrversuch nach. Auf einem Testgelände fingierten zwei Mercedes-Benz C-Klasse Limousinen ein Ausweichmanöver. Eines der Fahrzeuge war dabei mit einer echten, das andere mit einer gefälschten Spurstange ausgestattet. Das wenig überraschende Ergebnis: Während die Limousine mit dem echten Mercedes-Benz Teil den Parcours mühelos meisterte, hielt die Spurstange im anderen Fahrzeug der starken Belastung nicht stand: sie brach. Das Fahrzeug schlingerte und war nicht mehr zu kontrollieren.

Schattenwirtschaft mit hohen Wachstumsraten

Damit es nicht zu derart katastrophalen Folgen für die Kunden kommt, sind die Markenschützer weltweit im Einsatz. Rund um den Globus unterstützen etwa 100 Anwälte und externe Ermittler das Stuttgarter Team bei der Verfolgung von Produktpiraten. „Unser Ziel ist es, die Big Player zu erwischen und ihre Herstellungs- und Vertriebsstrukturen zu zerstören“, erklärt Peter Stiefel. Deshalb lassen die „Piratenjäger“ auch nach einer erfolgreichen Razzia nicht locker: „Strafrechtliche Verfahren, zivilrechtliche Klagen auf Unterlassung und Schadensersatz – wir wollen das Fälschungsgeschäft so unattraktiv wie möglich machen. Und dazu nutzen wir alle rechtlichen Möglichkeiten.“

Das ist auch nötig, denn die Zeiten, in denen Fälschungen in überschaubarer Stückzahl in Hinterhofwerkstätten zusammengebastelt wurden, sind vorbei. Hinter dem Geschäft mit vorgeblichen Markenprodukten steht heute eine weltweit agierende, kriminelle Industrie. Sie erzielt Gewinne wie im Drogenhandel, hat dabei aber deutlich geringere Strafen zu fürchten. Der Schaden für Wirtschaft und Gesellschaft ist groß. Die Fälscher zahlen keine Steuern. Sie schmälern die Umsätze der Originalteile-Hersteller und gefährden damit oft auch die dortigen Arbeitsplätze. Mitarbeiterrechte und faire Arbeitsbedingungen spielen bei der Herstellung von Plagiaten ebenso wenig eine Rolle wie die Vermeidung von Umweltrisiken.

Die Produktpiraten kennen keine Qualitätskontrollen, mögliche Nachteile oder Gefahren für die Nutzer ihrer Produkte interessieren sie nicht. Was für sie zählt, ist allein der Gewinn. Nach einer aktuellen Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young erleiden allein die Unternehmen in Deutschland durch Plagiate jährlich finanzielle Einbußen in Höhe von geschätzt 56 Milliarden Euro. Der technische Fortschritt und die globalen Vertriebsmöglichkeiten spielen den Tätern in die Hände. Gerade auch in Deutschland und Europa wird der Markt überschwemmt mit Markenprodukten, die keine sind. Dabei geht es längst nicht mehr nur um Luxusuhren, Sportschuhe oder Designer-Handtaschen. Immer häufiger sind Markenersatzteile und Zubehör für Fahrzeuge betroffen – für die Piraten ein attraktives Geschäft, das einen sicheren Absatz und hohe Margen verspricht.

Täuschend echt, doch der Schein trügt

Äußerlich sind die Imitate oft kaum von Originalteilen zu unterscheiden – so wie hier: links die echte Mercedes-Benz-Felge, rechts die Fälschung.

Meist bieten die Fälscher ihre Produkte über die großen Online-Handelsplattformen an, die auch unter Autofahrern immer beliebter werden. Nach einer Untersuchung des Marktforschungsinstituts TNS Infratest kauften 2014 rund 6,5 Millionen Kunden Fahrzeugersatzteile, Zubehör oder Reifen im Internet. Das sind 15 Prozent mehr als im Jahr zuvor – Tendenz weiter steigend.

Die Produktpiraten verstehen es inzwischen, ihre Imitate täuschend echt aussehen zu lassen – so echt, dass selbst Fachleute sie mit bloßem Auge kaum von Originalteilen unterscheiden können. Oft braucht es Produkttests, um festzustellen, ob eine Fälschung vorliegt. Zoll und Polizei arbeiten deshalb eng mit Herstellern wie Daimler zusammen. So perfekt die Plagiate wirken, der Schein trügt: Unter der detailgenau nachgeahmten „Marken“-Oberfläche stecken in der Regel schlecht verarbeitete Produkte aus minderwertigen Materialien, die keinerlei Qualitäts- und Sicherheitsstandards erfüllen – anders wären die Schleuderpreise, zu denen sie häufig angeboten werden, gar nicht möglich.

Den wenigsten Käufern gefälschter Ersatzteile dürfte klar sein, dass sie ein illegal hergestelltes Produkt erwerben. Und selbst wenn der Verdacht aufkommt, es womöglich mit einem dubiosen Anbieter zu tun zu haben – angesichts der günstigen Preise greifen viele zu. Wer mit dem Kauf eines günstigen Plagiats Geld zu sparen glaubt, wird allerdings nicht selten enttäuscht: Die Billigteile können kostspielige Reparaturen verursachen, ganz zu schweigen von den Gefahren, die sie für die Autofahrer mit sich bringen können.

Vor diesem Hintergrund ist es gut zu wissen, dass die Stuttgarter Markenschützer immer wieder Fahndungserfolge verzeichnen. Peter Stiefel: „Gemeinsam mit den Kollegen von Global Service & Parts stellen wir jedes Jahr enorme Mengen an Produktfälschungen sicher. Allein 2015 waren es über 1,6 Millionen, ganz überwiegend Ersatzteile“. In vielen Fällen gelingt es auch, die Täter dingfest zu machen und der Justiz zu übergeben. Bei dem in China ausgehobenen Fälscherlager hatten Peter Stiefel und seine Leute dabei besonderes Glück: Die Hauptverdächtigen stellten sich nach der Razzia selbst.

Mehr über Plagiate, Produkttests und die Arbeit der Markenschützer erfahren Sie im Video.

Verwendung von Cookies

Um die Webseite optimal gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwendet Daimler Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.