Artenschutzzentrum im Werk Gaggenau

Die erste biozertifizierte Industriefläche Deutschlands befindet sich im Mercedes-Benz Werk Gaggenau. Im Werksteil Rastatt konnte ein brachliegendes Betriebsgelände jetzt naturnah gestaltet werden und bietet einer Vielzahl gefährdeter Arten ein neues zu Hause. In Zusammenarbeit mit drei Fachbetrieben für naturnahes Grün, dem Naturschutzbund Baden-Württemberg und dem Bereich Umweltschutz konnte das Gemeinschaftsprojekt erfolgreich durchgeführt werden.

Es grünt, blüht, flattert und summt auf dem 1.530 qm großen Areal der ehemaligen Kläranlage direkt am Riedkanal, einem ehemaligen, zwischenzeitlich begradigten Altrheinarm. Was mit dem Abriss dieser alten Kläranlage begann, ist heute Lebensraum für etliche Pflanzen und Tiere. Einige Arten sind gefährdet oder stehen sogar auf der Roten Liste. Durch die Nachbarschaft zum fließenden Gewässer konnte eine der gefährdeten Tierarten des 111-Artenkorbes der Baden-Württembergischen Landesregierung wieder angesiedelt werden: Der Eisvogel. Für ihn wurde am Ufer eine künstliche Brutwand eingebaut. „Wir wollen den Mitarbeitern die Möglichkeit bieten, die Entwicklung der Pflanzen und das Miteinander von Fauna und Flora direkt mitzuerleben und so das Thema Biodiversität auch in einem hochversiegelten Industriestandort greifbarer machen“ so Dr. Matthias Jurytko, Standortverantwortlicher Werk Gaggenau.

Ein weiterer Schwerpunkt der Neuanlage waren die gefährdeten Insekten und Reptilien Baden-Württembergs. Viele Arten konnten auf den Flächen ein Zuhause finden, wie zum Beispiel die Blauflügeligen Ödlandschrecken, eine stark zurückgegangene Heuschrecke auf Trockenstandorten. Damit die Pflanzung lange lückig bleibt – das ist für deren Entwicklung notwendig --, wurden auf der zentralen Fläche Wildstauden nur gepflanzt und nicht gesät. Durch spezielle Futterpflanzen für Tagfalter wurden zudem Arten angelockt, wie verschiedene Bläulinge, Scheckenfalter oder Widderchen. Mit sonnigen Strukturen, Winterverstecken und sandigen Plätzen zur Eiablage entstanden Lebensmöglichkeiten für die gefährdeten Arten.

Etliche weitere Arten aus dem 111-Artenkorb der Landesregierung Baden-Württemberg haben sich ebenfalls neu angesiedelt. Darunter die im Totholz nistende Holzbiene. Die Wildbienen wurden zur Hauptzielgruppe des Artenschutzprojektes. Durch eine Kartierung wurden auf den 1.530 qm 65 Wildbienenarten nachgewiesen. Die Hälfte zählt zu den gefährdeten Arten. Allein in Baden-Württemberg kommen über 460 Arten vor, die heute zu über 60% als gefährdet gelten. Ihre Futterpflanzen sind auf der neu gestalteten Fläche ebenso vorhanden wie Wildbienen-Nisthilfen, die von Mercedes-Benz-Mitarbeitern gebaut wurden. Zu den Magerrasen, Steinriegeln, Totholzstämmen der Hauptfläche fügen sich Wildblumensäume aus verschiedenen Wildpflanzen ein. Insgesamt 2.700 heimische Wildstauden kamen in die mineralischen Böden aus Sand, Schotter und Kies. Sie bieten ganzjährig Blüten, Samen, Versteck, Winterquartier und Reproduktionsmöglichkeiten für die Fauna. Noch während der Fertigstellung der Fläche umkurvten erste Mauerbienen die frisch aufgestellten Baumstämme, während Sandbienen sich an ihren Sandflächen zu schaffen machten. Mittlerweile haben sich sogar erste Zauneidechsenweibchen zwischen den extra dafür aufgeschütteten Grobschotterfluren angesiedelt. „Die Renaturierung der alten Kläranlage war ein voller Erfolg. Die Pflanzen entwickeln sich sehr gut und die Tierwelt nimmt das Angebot an. Die Pflegemaßnahmen halten sich in Grenzen und werden von motivierten Mitarbeitern erledigt“ so Ralf Gensicke, Mitarbeiter Umweltschutz im Mercedes-Benz Werk Gaggenau.

Große Ehre: Im Mai 2013 wurde das Projekt als UN-Dekade-Projekt ausgezeichnet, im Juni 2015 ein zweites Mal!

Die Entscheidung ein brachliegendes Betriebsgelände naturnah zu gestalten, schlägt gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe:

Ästhetik:
Naturnahe Anlagen sind optisch ansprechender als Einheitsgrün. Und mit einem Blick für Details, kann man das Leben entdecken.

Kostengünstiger:
Die Baukosten verringern sich. Wird Regen oder Oberflächenwasser im Gelände als bereicherndes Lebenselement genutzt, spart man Entwässerungskosten. Was wiederum Laubfröschen eine Heimat bietet.

Pflegeleichter:
Bei der Pflege punkten naturnahe Elemente außerdem. Es werden durchschnittlich 50-90% der üblichen Aufwendungen gespart. Es muss viel weniger gemäht und geschnitten werden. Auch fallen Nachdüngung, Mulchen oder Ersatzpflanzungen wegen eingegangener Pflanzen komplett weg. Weniger Pflege fördert zudem Insekten- und Samenfresser auf dem Gelände.

Lebendiger:
In kürzester Zeit stellt sich eine bemerkenswerte Artenvielfalt ein. Unzählige Tierarten profitieren vom Angebot an heimischen Futterpflanzen und Rückzugsräumen. Jede naturnahe Fläche ist ein weiterer Trittstein im Mosaik eines lebendigen Siedlungsraumes.

Anpassungsfähiger gegenüber Störungen:
Lkw-Fahrspuren, Trittbelastung, Lagerschäden, das alles reparieren Wildpflanzen von alleine. Sie sind aussaatfähig und im Prinzip unsterblich. Kahlstellen werden sofort neu erobert. Besonders Pionierarten wie Natternkopf oder Königskerzen profitieren davon.

Hitzefest und Regensicher:
Unsere heimischen Biotope sind wetterfest, auch gegenüber den Extremen der vergangenen Jahre. Sie brauchen keine Bewässerungscomputer und keine Entwässerungsrigolen. Auftretende Schäden beheben sie eigenständig und sofort.

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