Aus alt mach neu: das Mercedes-Benz Gebrauchtteile Center

Schon gewusst, dass man über 95 Prozent eines Fahrzeugs wiederverwerten kann? Ich habe den Ort besucht, wo Teile und Wertstoffe von Altfahrzeugen ihre zweite Chance bekommen: das Mercedes-Benz Gebrauchtteile Center.

Für die Herstellung von Fahrzeugen werden viele Materialien benötigt – darunter wertvolle, begrenzt verfügbare Rohstoffe. Neben dem Ziel, die Emissionen zu minimieren, ist es für Daimler ebenso wichtig, den Ressourcenverbrauch über den gesamten Lebenszyklus möglichst gering zu halten. Damit das gelingt, müssen auch Mitarbeiter aus Entwicklung und Produktion von vornherein das „zweite Leben“ der Fahrzeuge mitbedenken. Dank ausgefeilter Demontage- und Recyclingkonzepte werden heute immer weniger Anteile von Fahrzeugen entsorgt. Noch funktionsfähige Teile werden ausgebaut und wiederverwertet - ein nachhaltiger Lebenszyklus entsteht. Davon konnte ich mich im Mercedes-Benz Gebrauchtteile Center (GTC) in Neuhausen bei Stuttgart selbst überzeugen.

Das Mercedes-Benz Gebrauchtteile Center von oben

Das GTC in Neuhausen bei Stuttgart ist der erste herstellereigene Recyclinghof für ausrangierte Fahrzeuge (Altfahrzeugverwerter) überhaupt. Bereits seit 1996 werden im GTC Mercedes-Benz-Fahrzeuge zerlegt. Ich bin gespannt, was mich hier erwartet!

Uwe Grossmann und Manuel Pfeifer im Gespräch

Bevor ich mir ein Bild davon machen kann, wie so ein Wiederverwertungsprozess eigentlich abläuft, erklären mir Uwe Grossmann, Leiter des GTC, und Manuel Pfeifer aus dem Marketingbereich, wie wichtig der wertschätzende Umgang mit Altfahrzeugen für den umweltschonenden Lebenszyklus unserer Produkte ist. Schließlich gilt, wann immer ein Gebrauchtteil statt einem Neu-Teil zum Einsatz kommt, können wir wertvolle Ressourcen einsparen.

Das Team des GTC prüft deshalb im Jahr über 5.000 Altfahrzeuge penibel auf Herz und Nieren – mit einem Ziel: der Wiederverwendung und dem Verkauf möglichst vieler Teile. Ein Gebrauchtteil, das in einem anderen Mercedes-Benz Fahrzeug weiterlebt, erreicht die höchste Stufe des Recyclings. Das liegt daran, dass keine weiteren Ressourcen verbraucht werden müssen, die ein neues Teil benötigen würde. Davon profitieren nicht nur Kunden, die Ersatzteile zu einem günstigeren Preis erwerben können. Auch wir als Unternehmen freuen uns darüber, wenn aus alt neu wird.

Aus alt wird neu

Doch nicht nur Teile bekommen im GTC eine zweite Chance: Die rund 260 Mitarbeiter kümmern sich darum, dass alle Betriebsmittel, wie zum Beispiel die Brems- oder Kühlflüssigkeit und Wertstoffe wie Glas, Alu oder Kupfer zurückgewonnen werden.

Die EU gibt vor, dass 95 Prozent des Gewichts eines Altfahrzeugs verwertet werden müssen. Zusammen mit unseren Partnern liegen wir teilweise sogar darüber.

Uwe Grossmann, Leiter Mercedes-Benz Gebrauchtteile Center

Los geht’s direkt hinter dem großen Tor, wo einige Transporter darauf warten, ihren bunten Blumenstrauß an Fahrzeugmodellen an das GTC zu übergeben: Gebraucht- und Unfall- bzw. Crash-Fahrzeuge, Fahrzeuge mit Produktionsfehlern sowie zu einem Großteil Entwicklungsfahrzeuge, die mangels Serienreife nicht verkauft werden können.

Diverse Fahrzeugmodelle warten auf ihre Demontage

Der Prüfstand: auf Herz und Nieren

Nach der Fahrzeugannahme geht es zuallererst auf den Prüfstand. Hier entscheidet sich, welche Teile den Qualitätsansprüchen entsprechen und weiterverwendet werden können.

Der Mitarbeiter nimmt dazu jedes einzelne Teil genau unter die Lupe – von Motor bis Kofferraum-Klappe. Aus rund 200 Möglichkeiten werden im Durchschnitt 40 Teile zur Demontage freigegeben. Alles, was den hohen Qualitätsansprüchen des Unternehmens nicht genügt, wird später der Wertstofftrennung zugeführt.

Manuel Pfeifer zeigt mir den Prüfstand aus nächster Nähe

Nachdem klar ist, welche Teile weiterverwendet und verkauft werden können, geht es richtig los! Dazu ist allerdings ein Ortswechsel notwendig. Wir gehen in die „große“ Halle, wo das Fahrzeug an verschiedenen Stationen Schritt für Schritt in seine Einzelteile zerlegt wird.

Die Demontagehalle

Die Geräuschkulisse hat etwas ganz Eigenes: Scheppern wie im Innersten eines Maschinenraums, Brummen von Akkuschraubern, Stimmen, ein freundliches „Hallo, wie geht’s?“ im Vorbeigehen.

Die Demontagehalle

Bevor es losgeht, wird zuerst die Batterie entfernt – das dient vor allem der Sicherheit der Mitarbeiter.

Die Trockenlegung

Angekommen an unserem nächsten Halt, schwebt ein Fahrzeug in ungefähr zwei Metern Höhe auf einer Hebebühne: Am Unterboden sind einige Schläuche befestigt, durch die goldgelbe Flüssigkeiten fließen. Schwarze Trichter fangen große Tropfen auf. Die Szenerie unter der Hebebühne hat definitiv etwas von Chemieunterricht.

Die Trockenlegung des Fahrzeugs

Heiko Baum steht mittendrin und hält etwas in der Hand, das auf den ersten Blick an einen Zapfhahn erinnert. Dabei liege ich gar nicht so falsch, erklärt er mir: „Bevor weitere Teile demontiert werden können, muss das Fahrzeug trockengelegt werden.“ Trockenlegen bedeutet, dass Gefahrenstoffe wie Benzin, Diesel, Altöl, Kühlflüssigkeit und Bremsflüssigkeit entnommen werden. Über die Schläuche und Trichter gelangen Flüssigkeiten in getrennte Behälter.

Was wir gewöhnlich von einer Tankstelle kennen, wird hier also gewissermaßen rückgängig gemacht. Und dafür gibt es neben der Sicherheit noch einen guten Grund: die Umwelt. Durch die Trockenlegung und Entnahme aller Betriebsmittel wird sichergestellt, dass keine schädlichen Stoffe in die Atmosphäre gelangen. Im Gegenteil: Die Transport-Fahrzeuge des GTC fahren mit dem wiedergewonnenen Diesel. Auch das Altöl wird durch Verwerter so aufbereitet, dass es künftig einen anderen Motor reibungslos am Laufen hält.

Hauptsache kratzerfrei

Sobald die nächste Demontageinsel frei ist, beginnt die Zerlegung des Fahrzeugs in seine Einzelteile – und das möglichst ohne jeden Kratzer. Ein Mitarbeiter ist für den gesamten Demontageprozess eines Fahrzeugs verantwortlich – das kann vom smart bis Lkw alles sein.

Während der Demontage werden jedoch nicht nur Gebrauchtteile ausgebaut. Es geht auch um die Rückgewinnung von Wertstoffen: Kupferkabel, Alu- und Eisenschrott, Glas (-scheiben), Kunststoffe, Stoßdämpfer. Aus Katalysatoren können Platin und Rhodium rückgewonnen werden, während sich Altreifen zu Asphalt weiterverarbeiten lassen. Auch Elektroschrott - speziell die goldenen Platinen tragen seltene Erden in sich.

Elektromobilität nachhaltig gedacht

Das gilt vor allem auch für die Verwertung von Elektrofahrzeugen. Das GTC ist festes Mitglied in der Recycling-Prozesskette und mitverantwortlich für die Sicherung des künftigen Rohstoffbedarfes. Die Mitarbeiter prüfen und demontieren seit Jahren Batterien von beispielsweise stark genutzten, vollelektrischen Carsharing-Fahrzeugen. Je nach Zustand übergibt das GTC die Batterie an das Remanufacturing in Mannheim, wo sie für die Wiederverwendung im Automobilbetrieb aufbereitet wird. Hierbei wird die Batterie zerlegt und geprüft, um, nach dem Austausch einzelner Bauteile, das gesamte System wiederaufzubauen.

Ist das nicht mehr möglich, nimmt die MB Energy GmbH die Batterie in Empfang, um sie für stationäre Energiespeicher weiterzuverwenden (Re-Use). Batteriemodule lassen sich nach Ablauf ihres Autolebens zu großen Energiespeichern zusammenschließen. In dieser Funktion gleichen sie beispielsweise Verbrauchsspitzen im deutschen Stromnetz aus.

Hier wartet ein batterieelektrischer smart auf seine letzte Prüfung
Wir bereiten uns auf die zunehmende Anzahl von Hybrid- und Elektrofahrzeugen vor, indem wir unsere Lagermöglichkeiten für Lithium-Ionen-Batterien erweitern.

Uwe Grossmann, Leiter Mercedes-Benz Gebrauchtteile Center

Endstation Karossenfalter

Am Ende wartet nur noch der Karossenfalter. Die Verdichtungsanlage presst die Restkarosse mit 60 Tonnen Anpresskraft auf nur wenige Zentimeter Resthöhe. Das, was vor den Toren des GTCs einmal ein Fahrzeug war, kommt als platte Metall-Flunder aus der Anlage. Dank der speziellen Form passen mehr Fahrzeuge auf einen Transporter, was Fahrten zu den Entsorgerfachbetrieben einspart. Die nicht zu dicht gepresste Form erleichtert zudem die Weiterverarbeitung der Metalle bei den Partnern.

Das Versandlager

Bevor es für mich raus aus den mittlerweile etwas schwer gewordenen Schutzkappen geht, darf ich noch einen Blick in das riesige Lager des Gebrauchtteile Centers werfen. Fast ein bisschen überwältigt von Farbenpracht und Größe, laufen wir durch die nicht enden wollenden Gänge.

Die Gebrauchtteile warten hier unverpackt in deckenhohen Regalen auf den Versand und ihre zweite Chance. Unverpackt deshalb, weil auch hier die Abfallvermeidung oberste Priorität hat. Gleiches gilt für den Versand: Zum Kunden geht es in Papierverpackung. Das macht die Entsorgung am anderen Ende einfacher, ist günstiger und schont die Umwelt.

Verpackung gibt’s hier nur aus Papier

Zurück an der Pforte bin ich fast etwas traurig, ab morgen wieder im Büro zu sitzen!

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