„Die abfallfreie Produktion ist möglich“

Auf der Suche nach "The Next Green Thing" ist Daimler über die Innovationsplattform STARTUP AUTOBAHN eine Kooperation mit dem Bio-Kunststoff-Hersteller UBQ Materials eingegangen. Das Startup aus Israel verwertet bisher nicht recycelbare Haushaltsabfälle und stellt daraus einen neuen Werkstoff her – zu 100 % recycelt und 100 % recycelbar. Wir haben einen Blick hinter die Kulissen der vielversprechenden Partnerschaft geworfen…

Birgit Klockenhoff (links) und Sophie Tuviahu auf dem STARTUP AUTOBAHN Expo Day.

Wir treffen Birgit Klockenhoff aus der Mercedes-Benz Konzernforschung und Sophie Tuviahu von UBQ Materials an einem verregneten Donnerstagnachmittag in den Stuttgarter Wagenhallen. Die beiden sind Teil eines interdisziplinären Projektteams, das sich zur Aufgabe gemacht hat, Autoteile für Fahrzeuge von Mercedes-Benz aus 100% recycelbarem Bio-Kunststoff herzustellen. Die Kollegen kommen gerade von ihrem Pitch, der im Rahmen des Startup Autobahn Expo-Days stattgefunden hat. Die Stimmung ist heiter. Sie sind mit ihrem Projekt ein ganzes Stück vorangekommen und konnten die Teilnehmer von ihrem Vorhaben überzeugen. Die beste Gelegenheit also für ein paar kritische Nachfragen…

Birgit, warum hat sich die Mercedes-Benz Konzernforschung für UBQ als Partner entschieden?

UBQ bietet ein technisch super interessantes Material und eine neuartige Technologie im Bereich der Kreislaufwirtschaft – das passt perfekt mit der nachhaltigen Geschäftsstrategie von Daimler zusammen. Das Management von UBQ ist außerdem sehr erfahren und steht in regelmäßigem Austausch mit anerkannten Beratern aus Forschung, Wirtschaft und Politik. Das macht dieses Startup für uns so attraktiv.

UBQ als Startup-Unternehmen und Daimler sind völlig unterschiedliche Akteure. Wie arbeiten Eure beiden Teams zusammen?

Sophie: Sowohl Daimler als auch UBQ konzentrieren sich darauf, mit ihrer Abfall- und Kreislaufwirtschaft einen positiven Einfluss auf unsere Umwelt zu erzielen. So gesehen ergänzt sich unsere Zusammenarbeit geradezu.

Birgit: Die Art und Weise, wie wir zusammenarbeiten, ist professionell und vertrauensvoll. Wir teilen eine Zukunftsvision, tauschen Informationen offen aus und vertrauen in die Expertise und das Wissen unseres Gegenübers.

Die Kreislaufwirtschaft ist ein Modell der Produktion und des Verbrauchs, bei dem bestehende Materialien und Produkte so lange wie möglich wiederverwendet, repariert, aufgearbeitet und recycelt werden. Auf diese Weise wird der Lebenszyklus der Produkte verlängert. Nachdem ein Produkt das Ende seiner Lebensdauer erreicht hat, bleiben die Ressourcen und Materialien so weit wie möglich in der Wirtschaft. Sie können immer wieder produktiv genutzt werden, um weiterhin Wertschöpfung zu generieren. Ziel einer Kreislaufwirtschaft ist eine ressourceneffiziente und nachhaltige Verwendung von natürlichen Rohstoffen, deren Weiter- und Wiederverwertung innerhalb eines Kreislaufsystems und die Vermeidung von Abfällen.

Können wir zum jetzigen Zeitpunkt schon sagen, ob sich das UBQ-Material in unsere Fahrzeuge integrieren lässt?

Birgit: Wenn wir bei der Mercedes-Benz Konzernforschung in ein neues Projekt starten, erwarten wir von einem Startup nicht, alle Fragen schon vor der Markteinführung der neuen Technologie beantworten zu können. Dabei kommt es natürlich auch vor, dass wir im Laufe des Evaluierungs-Prozesses technische Probleme lösen müssen – bei UBQ klappt das bisher hervorragend.

Und wo genau kommen die Materialien zum Einsatz?

Birgit: Wir werden zunächst technisch einfacher zu realisierende Teile wie Abdeckungen, Halterungen oder Boxen evaluieren, um mehr über das Material und sein Verhalten in der Großserienproduktion zu lernen und Risiken minimieren können. Sobald wir erste erfolgreiche Anwendungen umgesetzt haben, planen wir, das Projekt weiter auszubauen. Im nächsten Schritt ist dann auch vorstellbar, dass wir unsere Zulieferer ermutigen, UBQ einzusetzen, um den CO2-Fußabdruck entlang unserer Lieferkette zu minimieren.

Zur Herstellung des UBQ-Kunststoffs werden alle Arten von Müll verwendet: Lebensmittelabfälle, Gartenabfälle, Windeln, Papier, Karton und alle Arten von Mischkunststoffen.

Ist es jetzt nicht noch zu früh, bereits an die Lieferanten zu denken?

Birgit: In unseren Werken und Fabriken gibt es so viele Produkte wie Transport-Kisten und andere Verpackungsmaterialien, die aus UBQ-Material hergestellt werden könnten. Meiner Meinung nach sollten wir die Technologie nicht nur auf Autoteile beschränken. Wir sollten für viele verschiedene Ansätze offen sein, um im Sinne der Ambition2039 zu handeln. Die Verwendung von Recyclingmaterialien reduziert direkt die für die Herstellung unserer Produkte benötigten Primärressourcen und kann auch den Anteil an Treibhausgasen verringern, der während der Produktion in die Umwelt abgegeben wird.

Sophie, UBQ ist ein israelisches Unternehmen. Wie wird Haushaltsmüll in Israel recycelt?

Sophie: In Israel gibt es keine Mülltrennung. Wir haben nur eine einzige Mülltonne zu Hause, in der der gesamte Hausmüll landet. Die fehlende Trennung erschwert das Recycling enorm. Es landen unvorstellbare Mengen an Müll auf den Deponien. Aber das Problem ist global: Die Abfallmengen steigen in alarmierende Höhen. Bis 2050 sollen weltweit bis zu fünf Milliarden Tonnen Abfall pro Jahr anfallen. Viele wertvolle Materialien landen auf Mülldeponien oder in der Verbrennung.

Und Teile dieses Mülls könnt ihr für die Herstellung des Thermoplasts verwenden?

Sophie: Wir verwenden den gesamten Haushaltsabfall, einschließlich der organischen Stoffe, zur Herstellung von UBQ-Material. Indem wir mit diesen wertvollen Materialien hochwertigen Bio-Kunststoff herstellen, der Holz und herkömmliche Kunststoffe ersetzen kann, verhindern wir die Erschöpfung der natürlichen Ressourcen und die Verschmutzung der Umwelt. Wir wollen wirklich etwas bewirken. Deshalb wollen wir unsere Aktivitäten international ausweiten. Gleichzeitig wollen wir mit Abfalltransporteuren, Unternehmen, Regierungen und Einzelhändlern zusammenarbeiten, und gemeinsam nach Kreislauflösungen suchen, die wirtschaftlich tragfähig und nachhaltig sind.

Im Moment werden einfach zu realisierende Teile wie Abdeckungen, Halterungen oder Boxen aus UBQ-Material getestet.

Wie sieht das konkret aus? Wie macht ihr aus dem Abfall, der bei mir zu Hause in der Tonne landet, ein neues Autoteil?

Sophie: Wir nutzen gemischte Abfälle als Ausgangsmaterial. Dazu gehören Lebensmittelabfälle, Gartenabfälle, Windeln, Papier, Karton, sowie alle Arten von Mischkunststoffen. Wir haben einen Weg gefunden, diese chaotische Mischung in ein homogenes Material umzuwandeln, indem wir die organischen Abfälle in ihre natürlichen Bestandteile zerlegen. Unser daraus wieder zusammengesetzter Kunststoff kann den konventionellen Kunststoff ersetzen, der in der Autoteilfertigung verwendet wird.

Das klingt nach einem sehr aufwendigen Produktionsprozess. Ist nicht die Produktion dafür selbst extrem energieaufwendig?

Sophie: Glücklicherweise nicht. Das UBQ-Verfahren ist hocheffizient: Wir arbeiten bei niedrigen Temperaturen, verwenden kein Wasser und erzeugen während des Umwandlungsprozesses keine Nebenprodukte oder Emissionen. Wir haben sogar positive Auswirkungen auf das Klima. Das ist ein Ergebnis der Umleitung von Abfällen aus Deponien und der Vermeidung von schädlichen Deponieemissionen wie Methan und CO₂.

Wie lange hat es gedauert, solche Bedingungen zu schaffen?

Sophie: Wir haben fast sechs Jahre damit zugebracht, einen wirtschaftlich tragfähigen Prozesses zu entwickeln. Daran waren Ingenieure, Wissenschaftler, Berater und Verfahrensentwicklungspartner und natürlich eine sehr entgegenkommende Gruppe von Investoren beteiligt.

Birgit Klockenhoff: „Wir sollten die Technologie nicht nur auf Autoteile beschränken, sondern für viele verschiedene Ansätze offen sein.“

Aber woran erkenne ich denn jetzt, dass der Kunststoff nachhaltig ist? Wie unterscheiden sich das UBQ-Material von herkömmlichen Kunststoffen?

Sophie: Für nachhaltigeren Kunststoff muss der Anteil erdölbasierter Rohstoffe deutlich reduziert werden. Das haben wir in großem Stil getan. Durch das Upcycling von Abfall in ein erneuerbares, biobasiertes Material haben wir einen zusätzlichen großen Vorteil im Bereich Nachhaltigkeit erzielt. Das zusammen ist unser Alleinstellungsmerkmal in der „Welt der Kunststoffe“.

Und zuletzt eine klassische Abschlussfrage: Was ist eure Vision?

Birgit: Wir haben ein gemeinsames Ziel: eine nachhaltige Zukunft. Und wir versuchen dieses Ziel durch die Verwendung von recycelten Materialien im Rahmen einer Kreislaufwirtschaft zu erreichen. Gemeinsam wollen wir wirtschaftlich tragfähige Technologien entwickeln und einen gesellschaftlichen Beitrag leisten.

Sophie: UBQ hat die Vision einer Zukunft, in der eine abfallfreie Produktion möglich ist. Deshalb müssen wir vermeiden, dass Abfallstoffe verschwendet werden. Wir sind überzeugt davon, dass das möglich ist.

  • STARTUP AUTOBAHN

STARTUP AUTOBAHN ist Europas erfolgreichste Innovationsplattform für Mobilität. Im Jahr 2016 wurde sie von Daimler in Kooperation mit „Plug and Play“, der Forschungsfabrik „ARENA2036“ und der Universität Stuttgart gegründet.

Um die Zukunft der Automobilbranche mitzugestalten und sich Wettbewerbsvorteile im dynamischen Marktumfeld sichern zu können, benötigt die Industrie schnell neue Innovationen. Im Rahmen der STARTUP AUTOBAHN werden relevante Startup-Innovationen erprobt, bewertet und zügig implementiert. In einem dreistufigen Prozess – Scouting, Pilot-Phase und der Implementierung – werden neue Produkte, Technologien und lösungsorientierte Anwendungen entwickelt und einem breiten Publikum vorgestellt.

Daimler nutzt die Innovationsplattform STARTUP AUTOBAHN für die Themen Fahrzeugentwicklung und Mobilität sowie Digitalisierung und Nachhaltigkeit.

Als einziger Automobilhersteller beurteilt Mercedes-Benz Pkw im Rahmen seiner umweltgerechten Produktgestaltung mit einer Ökobilanz die potenziellen Umweltauswirkungen all seiner Produkte entlang ihres gesamten Lebenswegs. Wir erstellen diese Lebenszyklusanalyse nach der internationalen ISO-Norm 14040 und lassen sie zudem von einer unabhängigen, externen Stelle prüfen. Die Ergebnisse der Ökobilanz und der anderen Umweltauswirkungen veröffentlichen wir als geprüfte Version im „360-Grad-Umweltcheck“.

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